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Sommermärchen-Affäre : Beckenbauer, der gefallene Libero

  • -Aktualisiert am

Franz Beckenbauer war einst die Lichtgestalt des deutschen Fußballs. Bild: AP

Täuscht ein Idol, wird aus Verehrung schnell pure Verachtung. Das droht nun auch dem „Kaiser“. Ein Kommentar.

          Das Leben von Nationalheiligen steht nicht unter Denkmalschutz. Jüngstes Beispiel dafür ist Franz Beckenbauer, eines der größten deutschen Idole überhaupt, der einstige „Kaiser“ der Leichtigkeit und der Nonchalance. Das Land kann ihn noch nicht ganz fassen, den Sturz seines schwerelosen bajuwarischen Charmeurs. Es hilft nichts: Er ist beim besten Willen nicht mehr zu halten. Die Vorwürfe wiegen zu schwer.

          Die alte Erfahrung hat sich wieder einmal bestätigt, dass gegen Heldenverehrung schon deswegen Misstrauen angebracht ist, weil sie oft auf einer Mischung aus Sinnesvernebelung, Wunschdenken und einem Mangel an Informationen beruht. Im Zeitalter des Internets hat sich die Lage noch einmal verschärft. Informationen werden immer leichter zugänglich, Spekulationen greifen schneller um sich, aber auch die Vernebelung. Die allgemeine Überzeugung, durchzublicken, ist dennoch gewachsen - und damit auch die Erwartungen der Öffentlichkeit an ihre Lieblinge.

          Welche Gelder in der Sommermärchen-Affäre wohin flossen, ist noch immer nicht ganz klar.

          Beckenbauer dagegen wirkt noch wie jemand, der sich ungläubig umschaut, wenn mit dem Finger auf ihn gezeigt wird, ob vielleicht irgendein Bösewicht hinter ihm steht. Aber es ist leider so: Das schmutzabweisende Trikot des Ehrenspielführers des Deutschen Fußball-Bundes funktioniert nicht mehr, die Benebelung des Volkes ist gewichen, hinter seinen amüsanten Floskeln ist ein anderer Franz Beckenbauer hervorgetreten. Das ist der gierige, vom Korruptionsverdacht belastete und in krumme Geldflüsse verstrickte Geschäftemacher, der die Verantwortung für sein Leben delegiert hat und deshalb außerstande ist, so etwas wie Schuldbewusstsein zu empfinden.

          Was die Ernüchterung angesichts der Nachrichten über viel Geld und wenig Anstand noch schlimmer macht: In all diesen Geschäften Beckenbauers kam der gerade Weg offensichtlich nie in Betracht; das gilt für den undurchsichtigen Transfer von 6,7 Millionen Euro nach Qatar, bei dem er mitgemischt hat, für die dubiose Zahlung von 5,4 Millionen Franken, die der Weltverband für ihn bestimmt hatte, und auch für die 5,5 Millionen Euro Entlohnung im Rahmen eines angeblichen Ehrenamtes. Besonders im jüngst entdeckten Fall, dem Millionen-Honorar, das der Deutsche Fußball-Bund für den Chef des Organisationskomitees der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland vom Sponsoren-Etat abzweigte, müssen Beckenbauer, seine Berater und der Verband sich fragen lassen, was eigentlich so schlimm daran gewesen wäre, wenn er ganz offen für sein wertvolles Engagement entlohnt worden wäre. Offenbar hofften sie, dass nie ein Außenstehender von den Heimlichkeiten erfahren würde. Aber das Risiko der vermeintlich Guten, mit unsauberen Machenschaften erwischt zu werden, ist gewachsen - auch durch die internationale Vernetzung der juristischen Kontrollorgane. Transparente Amtsführung und sauberes Geschäftsgebaren werden verlangt, und wer dem nicht entspricht, wie Beckenbauer, fällt von der Ikonenwand.

          Wieso also musste unbedingt die Illusion aufrechterhalten werden, der Fußball-Kaiser opfere sich für sein Land für Gotteslohn auf? Weil zur Geldgier auch noch Scheinheiligkeit kam? Bei der Sympathie, die ihm die Nation stets entgegenbrachte, hätte ihm niemand eine angemessene Entlohnung missgönnt. Er hat schließlich Deutschland das Triple gebracht mit dem Weltmeistertitel als Spieler 1974, als Trainer 1990 und als erfolgreicher Bewerber um die Austragung der Weltmeisterschaft 2006.

          Die Antwort darauf, warum keiner der Beteiligten die Vorteile der Wahrhaftigkeit für sich erkannt hat, dürfte im Volkssport Fußball selbst zu finden sein. Außerhalb des Spielfelds werden zwar Fair Play und Respekt beschworen, aber im Spiel selbst geht es doch eigentlich auch um etwas anderes: darum, nicht dabei erwischt zu werden, die Regeln zu verletzen, um einen Vorteil für das eigene Team herauszuschlagen. Das ist ein nicht besonders ehrenhaftes, aber recht lebensnahes Verhalten - als Identifikationsangebot für alle Schichten geeignet.

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          Franz Beckenbauer, der elegante Fußballer, der auf dem Spielfeld einen Stil pflegte, bei dem er sich niemals selbst schmutzig machen musste, hat nie etwas anderes gelernt. Und auch später übertrug er die lästigen Aspekte seines Lebens an andere. Mit strategischer Naivität vertraute er die Verantwortung für seine Geschäfte seinen jeweiligen Beratern an, so dass er selbst nie wirklich erwachsen werden musste und seine Rolle als über allem schwebender Libero nie verlor.

          Aus Beckenbauers Generation ging eine ganze Reihe von cleveren Spielern hervor, die nach ihren Karrieren im Fußball ihr Leben erfolgreich in die Hand nahmen. Günter Netzer etwa, Paul Breitner oder selbst Uli Hoeneß, der zwar für Steuervergehen verurteilt wurde, aber zumindest für sich in Anspruch nehmen kann, sie selbst begangen zu haben. Beckenbauer aber, mittlerweile 71 Jahre alt, erklärte erst vor kurzem, ohne in Verlegenheit zu geraten, dass er die Dokumente, die seine sogenannten Berater ihm vorlegten, stets blind unterschrieben habe. So als ginge ihn der ganze Schmarren, der sein Geschäftsleben ausmachte, nicht wirklich etwas an. Doch jetzt kommt die Rechnung. An ihn. Den Nicht-mehr-Kaiser.

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