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Fis-Kandidatin Sarah Lewis : Eine entschlossene Weltbürgerin

Sarah Lewis will Präsidentin der Fis werden. Bild: AP

Sarah Lewis will Präsidentin des Internationalen Ski-Verbandes werden. Das wäre ein Coup. Es ist ihr letzter Versuch, in der Familie zu bleiben, genauer: wiederaufgenommen zu werden.

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          Die Männerrunde wird sich umschauen. Jetzt macht ihr eine Frau Konkurrenz. Sarah Lewis will Präsidentin des Internationalen Ski-Verbandes (Fis) werden. Das wäre ein Coup. Die Schneesportfraktion, seit der Gründung 1924 ein Männerorden, würde vom Juni an von einer Frau geführt. Es ist ihr letzter Versuch, in der Familie zu bleiben, genauer geschrieben: wiederaufgenommen zu werden. Sarah Lewis war lange so etwas wie das Herz des Verbandes.

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          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          In den vergangenen zwei Jahrzehnten als Generalsekretärin quasi die Versorgungsstelle im Dauerbetrieb. Nichts, was sie nicht organisierte, um den Laden in Schwung zu halten. Bis zum Herbst 2020. Damals kam sie als Chefin des operativen Geschäfts und (erfolgreiche) Organisationschefin der Pandemie-Krisen-bewältigung zu einer Vorstandssitzung – und ging entlassen nach Hause. „Ich ahnte nichts. Ich hatte mich Tag und Nacht mit der Lösung der Pandemieprobleme befasst“, sagt sie am Montag im Telefongespräch fröhlich: „Es gibt bis heute keine Begründung, das ist möglich in der Schweiz. Aber ich werfe der Fis nichts vor.“

          Der Verband war nicht so vornehm. Er sprach von einem „kompletten Vertrauensverlust“. Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, behauptete, ein „verändertes Rollenverständnis“ habe zum Bruch geführt. Es sei deutlich erkennbar gewesen, dass sich ihr persönlicher Fokus verlagert habe. „Von der eigentlichen operativen Führungsaufgabe als Generalsekretärin hin zu einem Selbst- und Rollenverständnis, das zunehmend auf repräsentative Wirkung ausgerichtet war.“

          Längst wieder im Wettkampfmodus

          Sarah Lewis lacht und sagt: „Es gehört doch auch zur Aufgabe einer Generalsekretärin, dass sie den Verband etwa bei Jubiläen repräsentiert.“ Ein Insider behauptet, Sarah Lewis habe mehr und mehr Präsenz zeigen müssen, weil sich Präsident Gian Franco Kasper – er zieht sich im Juni nach 23 Jahren zurück – recht rar gemacht habe. Er sagt auch, die Herren hätten Sorge gehabt, die Generalsekretärin würde den Interessen der Männer – es gibt drei Bewerber – gefährlich. Weil sie so viel wisse, international vernetzt sei und an der zentralen Stelle alles im Griff habe. Was die Präsidentschaftskandidatin dazu sagt? Lieber nichts.

          Sarah Lewis ist längst wieder im Wettkampfmodus. Es scheint so, als habe sie alle negative Energie für das letzte Rennen verwandelt in Vortrieb. Sie hat das schon mal geschafft. 1988 nahm sie an den Olympischen Winterspielen in Calgary teil, als alpine Skirennläuferin – aus England, einer Diaspora des Wintersports. So ein Weg setzte große Kräfte voraus. Mit 15 ging sie nach Frankreich in die Skischule, dann in die Vereinigten Staaten, seit 30 Jahren lebt sie in der Schweiz, acht Minuten Gehweg liegen zwischen ihrem Haus und dem Hauptsitz der Fis.

          „Ich betrachte mich als Weltbürgerin“, sagt sie in sehr gutem Deutsch. Sarah Lewis gilt als glänzend vernetzt in der internationalen Sportwelt und als kluge Strategin mit Gespür für die Großen und Kleinen. Belgien hat sie am Dienstag für das Amt der Präsidentin vorgeschlagen. Das halbe Jahr seit der Trennung von der Fis nutzte die 56-Jährige zur Fortbildung und zur Entwicklung ihres Wahlprogramms. Es soll den Menschen dienen, vor allem den Sportlern.

          Dazu würde Sarah Lewis, wie sie sprudelnd erzählt, der Fis eine digitale Reform verpassen, auf den Klimawechsel reagieren und neue Märkte erschließen, China zum Beispiel. Aus dem Stand betet sie die Zahlen des von der Volksrepublik entdeckten Wintersports herunter. 300 Millionen potentielle Skifahrer? Sie muss ans Geld denken. Und wollte selbst keines als Präsidentin. Jedenfalls kein Gehalt. „Mit einer Aufwandsentschädigung bin ich einverstanden. Ich kenne viele Menschen in unserem Sport, die Idealisten sind. Ich will ihnen nicht als Präsidentin gegenübertreten, die vergleichsweise viel Geld verdient. Ich will meinem Sport dienen.“

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          Das klingt eine Spur zu servil. Aber Sarah Lewis ist so groß geworden in der Fis. Rund um die Uhr zu Diensten. Wenn sie im Juni den Zuschlag für ein Jahr bis zum ordentlichen Kongress 2022 bekäme, wäre sie in acht Minuten im Büro. Und könnte sofort anfangen, wo sie aufgehört hat. Die Gegenkandidaten müssten sich erst ein paar Monate einarbeiten und kämen kaum zum Regieren, ehe wieder Neuwahlen anstünden, diesmal für eine volle Amtszeit. Sarah Lewis sieht sich deshalb als ideale Kandidatin: „Das erste Jahr wäre wie eine Probezeit. Erfülle ich die Anforderungen, geht es weiter. Erfülle ich sie nicht, kommt ein anderer.“

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