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Missbrauch im Sport : Das Recht auf eine Grenze

Ersten Halt gefunden: Auf das Problem der sexualisierten Gewalt im Sport haben die Verbände reagiert. Betroffene aber fordern weitere Schritte. Bild: Picture-Alliance

Nach jahrzehntelangem Schweigen melden sich immer mehr Athleten zu Wort, die im Sport Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Die Sportverbände reagieren mit beachtlichen Präventionsmaßnahmen – aber reicht das?

          9 Min.

          Es geschah in Zinnowitz, einem kleinen Ort auf der Insel Usedom. Die Mauer war noch nicht gefallen, die DDR ließ ihre Auswahl der Rhythmischen Sportgymnastik dort trainieren. 1987 kam ein neuer Verbandsarzt nach Zinnowitz. „Der war irgendwie immer überall dabei, in der Turnhalle, bei der Physiotherapie, beim Training, auf dem Gelände, ständig tauchte der auf“, erinnert sich Susann Scheller. Seit ihrem neunten Lebensjahr war sie auf der Sportschule, mit vierzehn kam sie nach Zinnowitz. Abends mussten die Mädchen einzeln zu dem Verbandsarzt. Sie sollten von ihm untersucht werden. Mit welcher Begründung die Untersuchungen durchgeführt wurden, wer die Termine gemacht hat und warum sie allein dorthin gehen mussten, wissen sie nicht. Und die, die es wissen könnten, sagen es ihnen nicht. „Ich erinnere mich, dass ich im Dunkeln zu ihm musste, allein übers Gelände“, sagt Susann Scheller. „Er hatte damals sein Arztzimmer im Turnhallenbereich, da waren keine Sportler mehr, und dann musste ich durch die dunkle Turnhalle und habe am Ende das Licht zu seinem Zimmer gesehen. Ich sollte die Tür zumachen und mich ausziehen. Ich wollte das nicht und habe auch nicht verstanden, warum.“ Mehr weiß sie nicht. Ihre Erinnerung ist ausgelöscht. „Ich habe keine Ahnung, wie es weiterging, das ist weg. Da komme ich nicht ran.“

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          So wie Susann Scheller geht es vielen der damaligen Sportlerinnen. Wenn sie versuchen, sich an Zinnowitz zu erinnern, geht es ihnen damit sehr schlecht. Sobald es konkret wird, versagt ihr Gedächtnis. „Die meisten von uns wissen noch, wie wir zu dem Arzt gekommen sind, aber wir können uns nicht an den Rückweg erinnern, wie sich das angefühlt hat und wie das war, ob wir jemanden getroffen haben – und was in der Untersuchung vorgefallen ist, wir wissen es nicht.“ Manche erinnern sich an vereinzelte Untersuchungsmethoden des Arztes. Die Mädchen, manche waren zwölf, andere vielleicht dreizehn oder vierzehn, mussten sich auf die Pritsche setzen und die Füße ans Ende legen. Der Arzt gab vor, eine Funktionsprüfung an den Füßen zu machen. „Er stellte sich dabei so hin“, erzählt Susann Scheller, „dass die Mädchen gar nicht umhinkamen, seinen Genitalbereich mit den Füßen zu berühren.“ Zu den Trainingseinheiten gehörten auch Entspannungsbäder, die die Mädchen nehmen mussten – zur Muskelentspannung, wurde ihnen gesagt. Beim Baden waren sie nackt. „Und da kam der Arzt einfach rein und hat um die Ecke geguckt und sich lustig gemacht und ihnen zugerufen: ,hihi, na, geht’s euch gut?‘.“ Morgens vor dem Frühstück sollten alle Sportler einen Strandlauf machen und sich danach ausziehen und nackt ins Wasser gehen. „Die Jüngeren haben erzählt“, sagt Susann Scheller, „dass sie dann den Arzt und noch jemand anderen hinter den Dünen gesehen haben. Die haben die Mädchen beobachtet.“

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