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Zukunft des olympischen Sports : Blatter bleibt beim IOC auf der Strecke

  • -Aktualisiert am

Nach Kuala Lumpur kam er gar nicht mehr: Joseph Blatters Zeit im IOC ist bald zu Ende Bild: dpa

Der olympische Sport kämpft derzeit mit der Doping-Problematik und der Peking-Debatte. Trotzdem gleicht die „Agenda 2020“ des IOC einem raketengleichen Flug in die Zukunft. Alte Schwergewichte dürfen nicht mehr dabeisein.

          Das Internationale Olympische Komitee (IOC) katapultiert sich in die Zukunft. Bei der 128. Vollversammlung in Kuala Lumpur hat Präsident Thomas Bach, nach der Verabschiedung seines Reformpakets im Dezember, bereits die zweite Raketenstufe gezündet. Zwei der alten Schwergewichte, deren Amtsführung das Image der internationalen Sportpolitik in den vergangenen Jahrzehnten nachhaltig beschädigt hat, werden diesen Weg aber nicht mehr mitgehen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Joseph Blatter, der als Präsident des Fußball-Weltverbandes IOC-Mitglied war, ist am Montag ausgeschieden. Der 79 Jahre alte Schweizer, der in letzter Zeit wenig Reiselust zeigt, tauchte in Kuala Lumpur nicht einmal mehr auf. In einem Brief vom 23. Juli verzichtete er darauf, sich, wie es turnusmäßig angestanden hätte, von der Vollversammlung bestätigen zu lassen. Da er sowieso am 26. Februar 2016 als Fußball-Präsident ausscheiden werde, sei das nicht mehr notwendig. Mal ganz davon abgesehen, dass er am 10. März die Altersgrenze von 80 Jahren erreicht hätte und Ende des kommenden Jahres sowieso hätte gehen müssen.

          Auch der Senegalese Lamine Diack, ohnehin mit seinen 82 Jahren kein aktives IOC-Mitglied mehr, wird demnächst seine Schlüsselfunktion im internationalen Sport aufgeben. Am 19. August wird in Peking ein neuer Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) gewählt. In Kuala Lumpur durfte er – obwohl IOC-Ehrenmitglieder normalerweise zum Schweigen verurteilt sind – das Wort ergreifen, um sich zu den jüngsten Doping-Vorwürfen zu äußern.

          Lamine Diack darf nocht einmal reden, dann ist der Mann Vergangenheit.

          Die britische „Sunday Times“ und eine Dokumentation in der ARD hatten eine Datenbank der IAAF ausgewertet und festgestellt, dass zwischen 2001 und 2012 Hunderte von Top-Leichtathleten verdächtige Blutwerte aufwiesen. „Wir werden unsere Arbeit machen und alle Fragen beantworten“, behauptete Diack. Der Sportfunktionär, gegen den immer wieder Vorwürfe der Korruption und Doping-Vertuschung erhoben worden sind, wird entweder vom Briten Sebastian Coe oder vom Ukrainer Sergej Bubka abgelöst.

          Das Doping-Problem ist noch an Bord

          Der britische IOC-Athletenvertreter Adam Pengilly, ein zweifacher Olympiateilnehmer im Skeleton, sagte: „Die IAAF war viel zu lange still.“ Er appellierte an den künftigen Leichtathletik-Präsidenten, dem „Schutz der sauberen Athleten und des sauberen Sports oberste Priorität zu geben“. Jurist Bach erklärte, er vertraue auf die Untersuchung der Welt-Anti-Doping-Agentur, die er als Kompetenzzentrum bezeichnete. Vor den Mitgliedern hatte er betont, dass die Vorwürfe nicht unter die Hoheit des IOC fielen. „Sollte es Fälle geben, die das IOC betreffen, werden wir sie mit unserer üblichen Null-Toleranz-Politik verfolgen.“

          Auch das ist ein Ergebnis von Kuala Lumpur: Der olympische Sport mag zu einem raketengleichen Flug in die Zukunft gestartet sein. Doch das (längst zur Gewohnheit gewordene) Doping-Problem hat er immer an Bord. Noch mehr als darüber regt sich die westliche Welt zur Zeit über die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2022 nach Peking auf – die IOC-Mitglieder aber haben ihren Präsidenten Bach am Sonntag stehend mit Applaus aus Kuala Lumpur verabschiedet.

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          Noch am Abend flog er nach Rio de Janeiro, um am Mittwoch an den Feierlichkeiten ein Jahr vor Beginn der Olympischen Sommerspiele teilzunehmen. Nach der langen Sitzungswoche in Malaysia setzt Bach seine atemraubende Reisetätigkeit also ohne Pause fort. Der Tauberbischofsheimer eilt von Zeitzone zu Zeitzone, gezogen von den kommenden Ereignissen und gehetzt von seinem Reformprogramm „Olympische Agenda 2020“, und er ist dabei so schnell, dass ihm der Rest der Welt gedanklich kaum mehr folgen kann.

          In Malaysia wurde klarer als bisher, welche tiefgreifende Neuorientierung Bachs Agenda für das IOC bedeutet. Nach langen Jahren, in denen die Ringe sich hauptsächlich um Bestandssicherung drehten, wendet sich das IOC mit einem Ruck der Zukunft zu. Die große Medienoffensive unter dem Begriff „Olympic Channel“ nimmt in Windeseile Gestalt an. Die Vereinfachung des Bewerbungsprozesses, von der auch Hamburg 2024 profitiert, wurde sogar schon in Taten umgesetzt, die neue Beratungsphase vor der eigentlichen Bewerbung hat bereits begonnen.

          Thomas Bach: „Wir können nicht stehen bleiben“

          Der Ausleseprozess, nach dem das Exekutivkomitee im April 2016 die Liste der Bewerber eigentlich zusammengestrichen hätte, wurde abgeschafft. Außerdem zeichnet sich ab, dass die Mitgliederstruktur des IOC sich gravierend ändern wird – eine Arbeitsgruppe unter der royalen Leitung von Prinzessin Anne von England wird aktiv nach Menschen suchen, die externe Fachkompetenz einbringen können. Weil aber solche Entwicklungen wenig plakativ daher kommen, dominiert die Peking-Entscheidung das öffentliche Bild. Die Winterspiele 2022 werden die Olympier nun sieben Jahre lang wie eine Hypothek mit sich herumtragen.

          Dass die Mitglieder nach dem Rückzug der frustrierten Europäer nur noch die Wahl zwischen Peking und Almaty, also zwei Übeln, hatten, wird dabei kaum konzediert – schließlich haben sie das Vertrauen der klassischen Wintersport-Länder, die ihre Bewerbungen nicht an den Start brachten, auch selbst verwirkt. Die nächste Kampagne soll dieses Bild nun zerstreuen. Hamburg, Paris, Rom, Budapest, eventuell Los Angeles und Toronto als Anwärter für die Sommerspiele 2024 sprechen für eine neue Akzeptanz Olympias. Jenseits der öffentlichen Meinung scheint Bachs Agenda also zu greifen. „Wir können nicht stehen bleiben“, sagte er zum Abschied. „Wir sind in der richtigen Spur und tun gut daran, unserer Zeit voraus zu sein.“

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