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Leichtathletik-Skandal : Der Lord will nichts gehört haben

Im Zweilicht: IAAF-Präsident Sebastian Coe (r., neben Lamine Diack) Bild: AP

Sebastian Coe, Präsident des Welt-Leichtathletikverbandes, gibt sich vom erpresserischen Geschäftsgebaren seines Vorgängers geschockt. Britische Leichtathleten wussten offenbar mehr als ihr oberster Funktionär.

          Nichts hören, nichts sehen – dabei bleiben Sebastian Coe und Craig Reedie. Lediglich die Devise nichts sagen haben der Präsident des Welt-Leichtathletikverbandes (IAAF) und der Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) am Sonntag aufgegeben, fünf Tage nach der Durchsuchung der IAAF-Verwaltung in Monte Carlo und der Verhaftung unter anderen des ehemaligen Leichtathletik-Präsidenten Lamine Diack am Dienstag. Doch was Coe und Reedie in „Radio 5 live“ der BBC behaupteten, entpuppte sich als kaum haltbar. Praktisch aus heiterem Himmel seien die Ermittlungen der französischen Justiz gegen Coes Vorgänger und Förderer wegen Korruption und Geldwäsche gekommen, behaupteten die beiden seit Jahrzehnten im Sport engagierten Briten.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Ich bin nicht überrascht“, sagte dagegen die schottische 800-Meter-Läuferin Lynsey Sharp, obwohl sie im Gegensatz zu Coe nicht acht Jahre lang dem Präsidium von Diack als Vizepräsident angehörte und im Gegensatz zu Reedie nicht seit sechzehn Jahren in der Führung der Wada mitwirkt: „Man hat viel gehört.“ Bei der Europameisterschaft in Helsinki 2012 war nur die Russin Jelena Arschakowa schneller als Lynsey Sharp, wurde aber des Dopings überführt. Ihre Goldmedaille bekam Lynsey Sharp 2014. „Dies sind Vorwürfe, die erst Anfang der Woche auftauchten“, beharrte Coe im Radio. „Schlechte Menschen haben unser System manipuliert“, räumte er ein. „Wir müssen dafür sorgen, dass schlechte Menschen nicht wieder in solch eine Position gelangen können.“ In einer schriftlichen Erklärung seines Verbandes hatte er zuvor mitteilen lassen: „Dass Menschen in unserem Sport angeblich Geld von Athleten erpresst haben, denen Doping vorgeworfen wird, ist abscheulich.“

          Neue Dimension

          Diack wird vorgeworfen, zwei seiner Söhne und weiteren Komplizen ermöglicht zu haben, gedopte Athleten insbesondere aus Russland zu erpressen und mit Hilfe des Leiters der Anti-Doping-Abteilung der IAAF die Verfahren gegen Schmiergeldzahlungen unter den Tisch fallenzulassen.

          „Eine völlig neue Dimension von Korruption“ sieht der kanadische Jurist Richard McLaren in dem Fall. Als Mitglied der Kommission, welche die Wada nach Berichten des ersten deutschen Fernsehens einsetzte, hat er seit Januar 2015 gemeinsam mit dem Dezernatsleiter aus dem Bayerischen Landeskriminalamt Günter Younger und Wada-Gründungspräsident Richard Pound in der Sache ermittelt. Im Sommer schalteten die drei Interpol ein; dies löste die Ermittlungen der französischen Justiz aus und führte zur Verhaftung der drei ehemaligen Leichtathletik-Funktionäre Diack, Habib Cissé und Gabriel Dollé. Auch Papa Massata Diack, dem Sohn von Lamine Diack, droht in Frankreich die Festnahme. Die Verdächtigen sind gegen Kaution frei; Diack senior hinterlegte eine halbe Million Dollar.

          Lynsey Sharp weiß mehr als der Funktionär

          McLaren kündigte an, der Bericht der Ermittlungsgruppe werde die Welt des Sports verändern. „Anders als bei der Fifa, wo es ein paar alte Männer gibt, die sich eine ziemliche Menge Extrageld in die Taschen steckten“, sagte er, „haben wir hier möglicherweise ein paar alte Männer, die sich durch Erpressung und Bestechung eine ziemliche Menge Extrageld in die Taschen steckten, aber auch signifikant aktuelle Resultate und Endstände internationaler Leichtathletik-Wettbewerbe veränderten.“ „Es ist klar, dass die Kommission kriminelles Verhalten festgestellt hat“, sagte Reedie. Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), sagte: „Die Vorwürfe übersteigen alles, was ich mir hätte vorstellen können. Sollten sie zutreffen, gehören die Beteiligten so rasch wie möglich ins Gefängnis.“

          Coe erwähnte all dies nicht. Er erwiderte auf den Vorhalt, nach seiner Wahl im August in Peking habe er Diack als seinen Förderer und Berater und als wichtigen Ansprechpartner für die Zukunft gelobt: „Ich hatte im August keine Liste von Vorwürfen.“ Diack gilt seit Jahren als Strippenzieher der internationalen Sportpolitik, der als Verbandspräsident und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees bei der Vergabe von Leichtathletik-Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen sowie anderen wichtigen Entscheidungen über mehr Stimmen als seine eigene verfügte. Seinen Sohn beschäftigte er als Berater der IAAF, der für die angebliche Vermittlung von Sponsoren Provision kassierte und für Millionenbeträge auch schon mal die Stimme seines Vaters anbot. „Dies ist ein klarer Schock“, sagte Coe über die jüngste Entwicklung. „Wir müssen Vertrauen neu aufbauen. Es ist ein langer Weg zur Erlösung.“ Der ehemalige Weltklasse-Läufer, zweimal Olympiasieger und Leiter des Organisationskomitees der Olympischen Spiele von London 2012, betonte in dem Radiogespräch mehrmals, dass er den Verband einer grundstürzenden Revision unterziehe, um ihn zu erneuern; dies werde nun beschleunigt. „Dass sie die Doping-Ergebnisse nicht verschleiern konnten“, behauptete er, „spricht für das System, das IAAF und Wada errichtet haben.“

          Gala-Abend abgesagt

          Vermutlich in Anspielung auf Russland und Kenia behauptete er, eine verhältnismäßig kleine Zahl von Nationen habe einen überproportional großen Schaden angerichtet. Zur bereits einsetzenden Diskussion, dass diese Länder wegen systematischer Manipulationen und grundsätzlicher Missachtung von Anti-Doping-Regularien von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen ausgeschlossen werden müssten, sagte er: „Mein Gefühl sagt mir, dass Verbindung besser ist als Isolation.“ Man brauche eine neue Generation von Athleten. DLV-Präsident Prokop sagte: „Korruption, Geldwäsche und Vertuschung von Doping-Fällen – das ist ein Makel, der auf alle internationalen Sportorganisationen zurückzufallen droht. Tatsächlich gibt der internationale Sport in manchen Facetten ein erschreckendes Bild ab. Mir bereitet Sorge, dass der Sport dadurch ein gravierendes Glaubwürdigkeitsproblem bekommt.“

          Er kritisierte die mangelnde Transparenz der internationalen Verbände: „Die Entwicklung läuft falsch, weil das wirtschaftliche Gebaren insbesondere auf internationaler Ebene undurchsichtig und Machtkonstellationen auf einzelne Personen zugeschnitten sind. Das System Blatter, das System Diack erlauben keine Kontrolle. Stattdessen entscheiden solche Personen über die Verbandspolitik hinaus direkt über Zuwendungen, über persönliche Karrieren, über Geschäfte.“ Was vom Auftritt der IAAF in diesen Tagen zu halten ist, macht auch die Haltung der zweimaligen Hochsprung-Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth deutlich. Sie sollte von Coe in die „Hall of Fame“ der Leichtathletik aufgenommen werden im Rahmen der für Ende November geplanten Gala der IAAF in Monte Carlo. Sie hatte entschieden, angesichts der „ekeligen“ Berichte über den Zustand des Verbands, keinen Wert auf die Aufnahme in dessen Ruhmeshalle zu legen. Ihrer Absage sei dann Sebastian Coe zuvorgekommen. Er sagte den Galaabend an der Côte d’Azur ab.

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