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Thomas Kurschilgen : Schwimmverband stellt Sportdirektor frei

Auch die Absicht einer außerordentlichen, fristlosen Kündigung wurde Thomas Kurschilgen mitgeteilt. Bild: dpa

Thomas Kurschilgen ist nach F.A.Z.-Informationen nicht länger Leistungssportdirektor des DSV. Ob es einen Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen einen Bundestrainer gibt, ist unklar.

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          Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) hat seinen Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen freigestellt, bestätigt die Freistellung aber nicht. Die vom DSV beauftragte PR-Agentur teilte auf die Frage nach dem Grund der Freistellung mit, der Verband könne sich „zum aktuellen Zeitpunkt nicht äußern“. Nach Informationen der F.A.Z. wurde Kurschilgen auch die Absicht einer außerordentlichen, fristlosen Kündigung mitgeteilt. Kurschilgens Aufgaben als Leistungssportdirektor sollen offenbar einstweilen von Hannes Vitense, Bundestrainer der Beckenschwimmer, übernommen werden.

          Christoph Becker
          (chwb.), Sport

          Zunächst hatte die „Bild“-Zeitung über die Freistellung Kurschilgens berichtet. Der Bericht legt einen Zusammenhang der Freistellung mit den Vorwürfen gegenüber dem zurückgetretenen Bundestrainer Stefan L. nahe. Dieser hatte am vergangenen Freitag sein Amt aufgegeben, nachdem ihm in einem Artikel des „Spiegels“ von mehreren Sportlerinnen sexualisierte Gewalt vorgeworfen worden war. Der Würzburger L., für die erfolgreichen Freiwasser-Schwimmer zuständig, hatte die Vorwürfe gegenüber dem „Spiegel“ und der „Main-Post“ bestritten, auf Anfragen der F.A.Z. nicht reagiert. Die Staatsanwaltschaft Würzburg hatte am Montag mitgeteilt, sie habe in der Sache Ermittlungen aufgenommen.

          Neuerliche Ermittlungen

          Eine der Sportlerinnen, die in dem „Spiegel“-Artikel Vorwürfe gegen L. erheben, hatte sich im Frühjahr 2019 an den Deutschen Schwimm-Verband gewandt. Leistungssportdirektor Kurschilgen hatte sich den von ihr behaupteten Sachverhalt darstellen lassen. Daraufhin wurden der damalige Beauftragte für die Prävention sexualisierter Gewalt, Kai Morgenroth, mit dem Fall befasst, der Deutsche Olympische Sportbund und der Bayerische Schwimmverband informiert und L. suspendiert. Zugleich soll ihm mitgeteilt worden sein, dass ihm für den Fall von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft die Kündigung drohe.

          Die Athletin wandte sich auf Anraten Morgenroths an die Polizei und stellte Anzeige gegen L. Die Staatsanwaltschaft Würzburg leitete mangels Anfangsverdachts kein Verfahren ein, in Betracht kommende Tatbestände der Nötigung und der Beleidigung seien aufgrund des damals bereits zurückliegenden Tatzeitpunkts verjährt. L. nahm die Arbeit als Bundestrainer wieder auf.

          Die neuerlichen Ermittlungen der Würzburger Staatsanwaltschaft beruhen auf weiteren Vorwürfen durch andere Athletinnen, von denen 2019 offenbar noch keine Rede war. Bereits im Jahr 2011 war ein von der Mutter einer Schwimmerin ausgehendes Ermittlungsverfahren wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung gegen L. eingestellt worden. Das Verfahren wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen war nach Zahlung einer Geldbuße eingestellt worden. L. hatte die Vorwürfe stets bestritten. Der „Spiegel“ hatte nun berichtet, die Mutter einer Teamkollegin habe gegenüber Ermittlern gelogen, um L. zu schützen.

          Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, hat den DSV in seinem Vorgehen bestärkt. „Solche eklatanten Verstöße gegen die Werte des Sports sind nicht zu akzeptieren. Wir stehen mit dem DSV zum gesamten Vorgang im engen Kontakt und sind froh, dass das neue Präsidium die Zeichen der Zeit nicht nur erkannt, sondern auch sehr zügig und konsequent gehandelt hat“, sagte Hörmann der Deutschen Presse-Agentur. Im November 2020 hatte der DSV ein neues Präsidium gewählt, Präsident wurde Marco Troll, der Präsident des Badischen Schwimm-Verbandes. Er hatte im Gespräch mit der F.A.Z. zu Kurschilgens Anstellung gesagt, er sehe „aus der Fernbetrachtung“ keinen Änderungsbedarf, er sei „jemand, der Leute halten möchte“.

          Kurschilgen ist seit September 2018 beim DSV, er führt das Amt, von dem er nun freigestellt ist, als für den Leistungssport zuständiger „besonderer Vertreter“ im Sinne des Paragraphen 30 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Sein Anstellungsverhältnis gilt für den Olympiazyklus bis 2024 und kann vom Verband nur durch außerordentliche Kündigung beendet werden. Die Frage, ob das neue Präsidium Kurschilgens Geschäftsführung intern prüfen ließ, bejahte DSV-Präsident Troll: „Wenn man die Führung eines so großen Verbandes übernimmt, hat man das Recht und vor allem aber auch die Pflicht, sich ein umfassendes Bild über alle Abläufe zu machen. Und das haben wir in allen Bereichen versucht.“

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