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Ärger bei Schwimm-WM : Das große Brodeln im Becken

  • -Aktualisiert am

Reizfigur im Schwimmen: Sun Yang Bild: AFP

Der Fall Sun Yang sorgte bei der WM für viel Aufregung. Der Doper wurde vom Weltverband hofiert. Doch das ist nicht das einzige Problem, das die Schwimmer derzeit haben. Und der Protest wird immer größer.

          Am Mittwoch hatte sich hoher Besuch angesagt. Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), war 365 Tage vor dem Entzünden des olympischen Feuers in Tokio in die koreanische Stadt Gwangju gekommen, um die Bedeutung des Schwimmsports für Olympia hervorzuheben, wie er sagte. Er könne der Fina nur gratulieren, die es so gut verstehe, ihre Sportler „ins Zentrum“ zu rücken. Dabei könnte diese Annahme nicht ferner der Realität liegen.

          Genau aus diesem Grund ist der stille Protest von Mack Horton, der bei der Siegerehrung ein Foto mit Weltmeister Sun Yang verweigert hatte, sowie von Duncan Scott, der sich für die gleiche Aktion tags drauf von Sun als Verlierer beschimpfen lassen musste, nur auf den ersten Blick eine Aktion gegen den umstrittenen Superstar aus China. Es geht eben nicht nur darum, dass bei dieser WM ein von den Funktionären hofierter Sportler siegen durfte, der bereits des Dopings überführt wurde und aktuell abermals in eine Affäre um eine per Hammer verweigerte Doping-Probe verwickelt ist.

          Es geht um den fehlenden Respekt des Internationalen Schwimmverbands (Fina) gegenüber den Athleten, die keine Lust mehr haben, als Statisten eines Millionenspektakels ausgenutzt zu werden. Keine Lust, olympische Finals mal in den frühen Morgenstunden (Peking 2008, Tokio 2020), mal in der Nacht (Rio 2016) schwimmen zu müssen, um den Primetime-Wünschen des lukrativen US-Markts zu entsprechen. Und keine Lust mehr, dem starfreundlichen Anti-Doping-Kampf der Fina tatenlos zuzusehen. Aktuellster Beweis ist eben das Startrecht für Sun, das auch deshalb erteilt werden konnte, weil die Anhörung zu dem Fall erst nach der WM angesetzt ist – und die Fina es nicht für nötig befand, vor den Titelkämpfen Klarheit zu schaffen.

          Nun ist es nicht so, das nicht auch die Fina schon Stars gesperrt hat. Doch wenn sie das tat, dann stets bedacht und mit dem Kalender in der Hand. So wurde Sun 2014 rückwirkend und heimlich für die Einnahme des verbotenen Herzmittels Trimetazidin für einen Zeitraum gesperrt, in dem es für den Starschwimmer des wichtigen asiatischen Markts keine Titel zurückzugeben gab. Julia Jefimowas Sperre für die Einnahme des Steroids DHEA wurde so verkürzt, dass sie dem einflussreichen russischen Verband bei der Heim-WM 2015 als Aushängeschild dienen konnte.

          Es brodelt unter den Athleten, dass zeigt nicht nur der tosende Applaus, mit dem Horton in der Sportlermensa empfangen wurde. Die Fina wiederum reagierte auf ihre bekannt ignorante Art. Statt auf die Schwimmer zuzugehen, sprach sie Verwarnungen aus und ließ den Verbänden einen flink formulierten Zusatz zu den Verhaltensregeln zukommen. Künftig drohe bei Missachtung des Showzeremoniells der Einzug der Medaille oder eine Sperre. Für die Athleten kann das nur ein weiterer Beweis dafür sein, dass die Fina einfach nicht verstehen will, worum es den Sportlern geht. Horton etwa bedeutet dieses Silber hinter Sun ohnehin nichts. Er würde es ihnen vermutlich gerne vor die Füße werfen. Und was eine angedrohte Sperre bei dieser aufmüpfigen Athletengeneration auslöst, hat die Fina bereits im vergangenen Jahr zu spüren bekommen. Nämlich: Klagen, Boykottdrohungen und die Ankündigung, eine Gewerkschaft zu gründen.

          Auslöser war die Gründung einer neuen Profi-Liga, die verspricht, die Sportler tatsächlich in den Mittelpunkt zu stellen. Die International Swimming League (ISL), die im Herbst ihre Premiere feiert und der sich bereits zahlreiche Stars angeschlossen haben, will 50 Prozent der Einnahmen an die Sportler weitergeben, auch Antrittsgelder und Gehälter soll es geben. Außerdem steht die ISL für eine Null-Toleranz-Politik in Sachen Doping. Da die Fina nach Angaben der ISL zunächst versucht hatte, die Pläne zu zerschlagen, haben ISL sowie ein Trio um die dreifache Olympiasiegerin Hosszu Klagen gegen das internationale Wettkampfmonopol der Fina eingereicht.

          Ein Thema, das nicht verschwinden wird

          Im Dezember haben sich rund 20 Olympiasieger und Weltmeister, darunter Adam Peaty, Sarah Sjöström und Chad le Clos auf Einladung der ISL in London getroffen, um sich im Detail die ISL erklären zu lassen. Und um zu diskutieren, wie sie auf eine von der Fina angedrohte Sperre für eine Teilnahme reagieren würden. Peaty sagte damals: „Ich werde mich nicht in eine Ecke mobben lassen, erst recht nicht von irgendeinem Anzugträger, der kein Interesse am Sport oder den Athleten hat.“ Schnell waren sich die Sportler einig: Sperrt ihr einen von uns, bleiben wir alle weg. Die Idee einer Athletenvertretung war geboren. Eine Vertretung, die die Fina-Granden wenn nötig „schachmatt“ setzen würde, wie es Superstar Peaty sagt.

          Der Brite wird darüber hinaus nicht müde zu betonen, dass es ihnen nicht nur um Geld geht. Es gehe auch nicht darum, die Fina zu stürzen. Es gehe vor allem darum, den Athleten den Respekt zu verschaffen, den sie verdienen: „Sobald den Athleten endlich mal zugehört wird, kann jeder davon profitieren.“

          Dass die Fina langsam spürt, dass sie diesen Protest nicht mehr einfach ignorieren kann, zeigt sich auch an einem anderen Auftritt: Penelope Hynes, Mitglied des Athletenkomitees der Fina, tauchte bei einem Sponsorentermin von Peaty auf, um den lautesten Fina-Kritiker während der Pressekonferenz zu fragen, warum man denn nicht mit ihnen rede, wenn es ein Problem gäbe. Nun, sagte Peaty schlicht, er sei der Ansicht, dass es die Aufgabe einer Athletenkommission sei, auch mal auf die Sportler zuzugehen, deren Interessen sie vertreten sollen. Wäre es nicht an ihnen gewesen, dafür zu sorgen, dass der Sun-Fall vor der WM geklärt wird? So waren die Fina und die „Millionen Probleme“ (Peaty), die die Sportler sehen, für die Athleten „das Thema der WM“, sagt Hosszu. Ein Thema, das nicht verschwinden wird.

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