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Fifa : Blatter im Visier der Ermittler

Bild: dpa

Die kurzfristige Absage der Fifa-Pressekonferenz hat einen Grund: Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat Ermittlungen gegen Fifa-Präsident Joseph Blatter eröffnet. Uefa-Chef Michel Platini ist wegen der Zahlung von zwei Millionen Franken vernommen worden.

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          Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) treibt in der größten Krise der Organisation führungslos dahin – und die Funktionäre des höchsten Führungsgremiums gehen in Deckung. Die Schweizer Bundesanwaltschaft in Bern hat am Freitag Ermittlungen gegen Joseph Blatter, den Präsidenten der Fifa, eröffnet. Sie geht dem Verdacht der möglichen Veruntreuung und des Verdachtes der „ungetreuen Geschäftsbesorgung“ nach, was eine Haftstrafe bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe nach sich ziehen könnte. (Erklärung im Wortlaut).

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ins Visier geraten ist ein Vertrag aus dem Jahr 2005 mit der Karibischen Fußball-Union. Dabei soll Blatter gegen die Treuepflicht verstoßen haben, die er als Präsident gegenüber der Fifa hat. Zudem wird Blatter eine treuwidrige Zahlung von zwei Millionen Franken an Michel Platini, den Präsidenten der Europäischen Fußball-Union, inzwischen sein Intimfeind, vorgeworfen. Blatter wurde als Beschuldigter, Platini als Auskunftsperson vernommen.

          „Die Nachricht macht mich fassungslos“

          „In der heutigen Sitzung ist das mit keiner Silbe erwähnt worden. Ich habe das Fifa-Gebäude in dem Glauben verlassen, dass sich Sepp Blatter in der angesetzten Pressekonferenz zur aktuellen Lage äußern wird. Erst später habe ich erfahren, dass durch die Schweizer Behörden ein Verfahren gegen ihn eröffnet worden ist. Die Nachricht macht mich fassungslos“, sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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          Platini ist damit derzeit nach Schweizer Recht weder Zeuge noch Beschuldigter. Das kann sich noch ändern. Aber auch er wurde von den Staatsanwälten in Zürich nach der Fifa-Vorstandssitzung befragt. „Für den Präsidenten der Fifa, Joseph Blatter, gilt wie für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung“, teilte die Schweizer Justizbehörde mit.

          Die Bundesanwaltschaft ist die oberste Ermittlungs- und Anklagebehörde der Eidgenossenschaft. Sie verfolgt besonders schwere Straftaten, die in die Zuständigkeit der Schweizer Bundesgerichte fallen. Dazu gehören organisierte Kriminalität und Terrorismus, aber auch Geldwäscherei und Korruption. Die Büros der Fifa und von Blatter wurden am Freitag durchsucht. Dabei wurde Datenmaterial sichergestellt.

          Blatter war am Freitag nicht zu der üblichen Pressekonferenz nach der Exekutiv-Sitzung der Fifa erschienen, die daraufhin kurzfristig abgesagt wurde. Solange Blatter von der Schweizer Bundesanwaltschaft nicht angeklagt wird, könnte er bis zur vorgesehenen Neuwahl des Präsidenten Ende Februar 2016 weiter im Amt bleiben. Bei einer Anklage müsste ihn die Fifa-Ethikkommission sofort suspendieren.

          Der Weltverband hat der Bundesanwaltschaft unterdessen die volle Unterstützung zugesichert. Man habe bislang alle Forderungen nach Dokumenten, Daten und anderen Informationen erfüllt, teilte die Fifa am Freitag mit. „Wir werden dieses Level der Kooperation während der Ermittlungen fortsetzen“, hieß es in einer Presseerklärung.

          Fifa-Statement

          Insgesamt scheint es so, dass der Fifa-Vorstand und die Topfunktionäre unter dem Ermittlungsdruck immer mehr die Kontrolle verlieren. Zugleich wird der angekündigte Reformprozess von ihnen weiter verschleppt. Wie die F.A.Z. aus Kreisen des Fifa-Vorstandes (Exekutivkomitee) erfuhr, ergaben sich während der Sitzung Widerstände gegen mögliche Reformpakete. Als Wortführer der Gegner soll sich wieder Scheich Ahmad al Sabah aus Kuweit mit einer Gegenrede hervor getan haben. Er ist einer der einflussreichsten Sportfunktionäre der Welt, vertreten auch im Machtzirkel des Internationalen Olympischen Komitees.

          Niersbach bremst Hoffnungen

          Doch nicht mal von den europäischen Vertretern im Fifa-Vorstand war später zu hören, dass sie den größten Reformgegnern entgegengetreten wären. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, der ebenfalls teilnahm, bremste die Hoffnungen auf schnelle Ergebnisse. „Da erwartet man von außen jetzt sicherlich ein Stück mehr. Aber es gibt keine Alternative, als mit kühlem Kopf diesen Weg jetzt zu beschreiten“, sagte Niersbach.

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          Die eingesetzte Arbeitsgruppe für Reformen, deren Vorsitzender François Carrard den Exekutivmitgliedern berichtet hatte, wird dem Fifa-Vorstand erst nach zwei weiteren Treffen ein Reformpaket vorgelegen, sagte Niersbach. Es ist allerdings kaum davon auszugehen, dass sich dieses Paket an den umfangreichen Reformvorschlägen des Compliance-Chefs der Fifa, Domenico Scala, orientiert. Der Schweizer Wirtschaftsmanager hatte vor einigen Wochen in eigener Regie einen Forderungskatalog aufgestellt.

          Auch der Antrag der Ethikkommission, die Öffentlichkeit über laufende Verfahren informieren zu dürfen, wurde am Freitag von den Fifa-Vorständlern zur „Beratung“ an die Rechtskommission zurückgegeben. Auch hier wird geblockt. Würde der Paragraf 36 der Fifa-Ethikregeln aufgehoben, könnte die Untersuchungskammer beispielsweise erklären, ob gegen den europäischen Fußballpräsidenten Michel Platini wegen dessen möglicher Verstrickungen in die Vergabe der WM 2022 an Qatar ermittelt wird.

          Die aktuelle Führungsunfähigkeit des Fifa-Vorstandes zeigte sich derweil auch im Fall des freigestellten Generalsekretärs Jérôme Valcke. Offenbar drängte keiner der Funktionäre Blatter zu genaueren Informationen. Immerhin liegen Vorwürfe der Bestechung bei Ticketgeschäften gegen Valcke vor. Zudem soll der Franzose ausgiebig auf Kosten der Fifa durch die Welt gereist sein – auch mit gemieteten Privatjets. Zugleich wird die Rolle des Vorsitzenden der Reformen-Arbeitsgruppe, Carrard, immer zweifelhafter. Wie will der Schweizer Anwalt erklären, warum er für zwei der anrüchigsten Organisationen im Sport arbeitet? Den Internationalen Box-Verband Aiba, dessen russischer Vizepräsident Gofur Rakhimow ein russischer Mafiapate ist, der vom FBI wegen Drogenhandels gesucht wird. Zudem steht Carrard dem Chef des Gewichtheberverbandes zur Seite, Tamás Aján aus Ungarn. Aján soll Millionen Euro aus dem Vermögen der Kraftsportorganisation unterschlagen haben.

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