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Schumacher-Prozess : High Noon am 19. Tag

  • -Aktualisiert am

Geldstrafe oder Freispruch? Stefan Schumacher weiß noch nicht, wo er dran ist Bild: dpa

Im Betrugsprozess gegen Stefan Schumacher fordert der Staatsanwalt eine Geldstrafe, die Verteidigung Freispruch. Vom Urteil hängt viel ab, nicht nur für den Radprofi.

          Sechs Monate Beweisanträge und Zeugenvernehmungen, 18 Verhandlungstage - das Stuttgarter Landgericht hat von Anfang an Zeit und Mühe investiert, um den ersten Strafprozess wegen des Verdachtes des Betruges durch Doping in Deutschland gründlich zu recherchieren. Am Dienstag aber, dem vorletzten Verhandlungstag, bot Richter Martin Friedrich am Ende der Beweisaufnahme überraschend die Einstellung des Verfahrens an. Eine Zahlung von 10.000 Euro, die Sache wäre für Stefan Schumacher vom Tisch - und der 32jährige Radprofi damit nicht vorbestraft.

          Das Angebot des Gerichts war ein klares Indiz, wie schwer sich die Kammer mit dem komplizierten Sachverhalt tut. Schumacher und seine Anwälte waren überrascht, konnten aber gar nicht ernsthaft darüber nachdenken, weil der Staatsanwalt die Einstellung des Verfahrens sofort ablehnte. Also kam es nach 18 Verhandlungstagen zu den Plädoyers und darin ging es wie zuvor im wesentlichen um die Frage: War Doping im Profiteam Gerolsteiner derart alltäglich und allgegenwärtig, dass Teameigner und -Manager Hans-Michael Holczer davon gewusst haben muss?

          Hans-Michael Holczer: Wusste er Bescheid, oder nicht?

          Davon gehen Schumachers Verteidiger aus. Und war es so, dann kann der Angeklagte Schumacher seinen ehemaligen Chef nicht um drei Monatsgehälter im Wert von etwa 150.000 Euro betrogen haben. Oder war es ganz anders, hat Schumacher sein unstrittiges, jahrelanges und systematisches Doping sozusagen in Holczers Wissensschatten durchgeführt und damit gegen die Anti-Doping-Klausel seines Vertrags verstoßen?

          So sieht es Staatsanwalt Peter Holzwarth. Für ihn hat Schumacher ein „taktisches Verhältnis zur Wahrheit“, viereinhalb Jahre Doping hartnäckig geleugnet und es erst dann zugegeben, als der Prozess im Frühjahr vor der Tür stand und es ihm unmöglich war, weiter zu leugnen. Holczer dagegen wurde von keinem einzigen Zeugen der Mitwisserschaft bezichtigt. Im Gegenteil - selbst Schumachers vorgeladene Kollegen sagten, dass sie dazu nichts sagen könnten oder, etwa Sebastian Lang, stützen Holczer sogar. Letztlich ist für den Staatsanwalt auch entscheidend, dass Holczer finanziell von einem Dopingfall Schumacher sogar profitiert hätte, weil er ihn dann nämlich von seiner Gehaltsliste hätte streichen können. Am Ende seines über zweistündigen Plädoyers beantragte der Staatsanwalt, Stefan Schumacher wegen Betrugs zu 210 Tagessätzen in Höhe von 80 Euro zu verurteilen. Sollte das Gericht in seinem für kommenden Dienstag erwarteten Urteil dem Antrag auf 16.800 Euro Geldstrafe folgen, wäre der Radprofi vorbestraft.

          Stefan Schumacher: „Ich finde es ungerecht, dass nur die Sportler zur Verantwortung gezogen werden und die Ärzte und Teammanager nicht.“

          Ob es zu einem Schuldspruch kommt, ist offen. Für Schumachers Anwälte Michael Lehner und Professor Dieter Rössner ist eine Verurteilung unvorstellbar. Sie forderten einen Freispruch und zwar unabhängig davon, ob Holczer Bescheid wusste oder nicht. Schumachers Anwälte sind zwar davon überzeugt, dass Holczer Teil des Systems oder zumindest Mitwisser war, Lehner nannte Holczer einen „Täuscher mit Heiligenschein“. Aber das sei am Ende nicht mal wichtig. Stefan Schumacher sei laut seinem Vertrag nur verpflichtet gewesen, eine positive A-Probe seinem Arbeitgeber zu melden. Die gab es aber erst im Oktober 2008, so dass Schumacher die drei umstrittenen Gehaltszahlungen für Juli, August und September 2008 völlig zu Recht bekommen habe. Somit hätte das von der Staatsanwaltschaft vorgebrachte, zweimalige Abstreiten von Doping am 17. Juli 2008 von Schumacher gegenüber Holczer überhaupt kein Gewicht - wenn es denn überhaupt so stattgefunden habe.

          Urteilsverkündung um zwölf Uhr mittags

          Schumacher selbst hofft jetzt auf einen Freispruch - und auf das Ende des Verfahrens nach mehr als sechs Monaten. „Im Nachhinein würde ich vieles anders machen“, sagte Schumacher in seinem Schlusswort, „die ganze Lügerei tut mir leid. Aber ich finde es ungerecht, dass nur die Sportler zur Verantwortung gezogen werden und die Ärzte und Teammanager nicht.“ Eine gute halbe Stunde nahm sich Schumacher für sein Schlusswort, das er mit den Worten „Ich habe Herrn Holczer definitiv nicht betrogen“ beendete.

          Wie es mit ihm nach einer Verurteilung weitergehe, wisse er nicht. Er hat noch keinen Vertrag für die kommende Saison, die Anwaltskosten werden bei einem Schuldspruch hoch für ihn. Und noch etwas wird nach dem Prozess weiter offen sein, nämlich die Frage, ob Deutschland ein spezielles Anti-Doping-Gesetz oder den Tatbestand des Sportbetrugs braucht. Der erste Strafprozess in Sachen Doping hat aber bisher zumindest gezeigt, dass es für ein normales Gericht sehr schwer ist, in die Tiefen der Realitäten im Leistungssport einzutauchen. Nicht zuletzt der für den Sport zuständige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte im Interview mit dieser Zeitung schon Anfang Juni betont, dass vom Ausgang des Verfahrens in Stuttgart möglicherweise auch eine für den Sport relevante Strafrechtsänderung abhängt. Insofern ist der Termin für die Urteilsverkündung durchaus am kommenden Dienstag durchaus treffend gewählt: 12 Uhr mittags.

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