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Deutschlands Sporthallen : Nach dem Schulsport wie ausgestorben

Mal da, mal nicht da: Kinder in der Turnhalle Bild: Imago

Schulkinder dürfen in die Turnhalle, aber nicht, wenn sie nachmittags als Vereinssportler kommen. Das widerspricht Gefühl und Verstand. Der Lockdown im Breitensport führt nicht nur zu Mitgliederverlusten.

          4 Min.

          Wenn der Sportmanager Alexander Kiel aus dem Fenster seines Büros schaut, einen Steinwurf vom Westfalenstadion entfernt, sieht er den Breitensport in zwei verschiedenen Aggregatzuständen. Am Vormittag vibrieren die Hallen und Außenanlagen seines TSC Olympia Dortmund vor Leben. Schülerinnen und Schüler aus achtzig Klassen von fünf Schulen haben im Lauf der Woche Unterricht in den vier großen Hallen und auf den Freianlagen. Da liegen sich schon mal Mädchen zur Begrüßung in den Armen, bevor der Lehrer erscheint, da hocken Jungs ohne Masken Schulter an Schulter, während sie auf den Bus nach Hause warten.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nach Schulschluss offenbart sich das Elend dieses Lockdowns, den die Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin an diesem Mittwoch aller Wahrscheinlichkeit nach bis kurz vor Weihnachten verlängern werden. Er ist nur vorgeblich „light“, und er wird den Vereinssport praktisch bis zum Ende des Jahres verhindern, mindestens. „Für Sportvereine ist das ein voller Lockdown“, sagt der Vorstandsvorsitzende Kiel: „Ich schaue aus dem Fenster, und alles ist dunkel. Das ist gewöhnungsbedürftig.“ Gegen fünf Uhr abends ist das Gelände des bald 175 Jahre alten Vereins mit siebentausend Mitgliedern verwaist. Allein die Putzkolonne ist in Bewegung.

          Sportunterricht aber kein Vereinssport

          Widerspricht es nicht Gefühl und Verstand, dass die Dortmunder Kinder, die am Vormittag Sportunterricht in den Räumlichkeiten des TSC haben, am Nachmittag dieselben Hallen nicht betreten dürfen, allein weil das, was sie dann tun, Vereinssport ist? Dass 1500 Jungen und Mädchen darauf verzichten müssen, sich in der Kinder- und Jugendsportabteilung auszutoben und, im monatlichen Wechsel, mal Ballsportarten kennenzulernen, mal Turnen, mal Ringen und Raufen, mal Laufen und Springen, bis sie den Kanon des Sports kennen?

          „Ich glaube, dass es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass Schulen offen bleiben. Dazu gehört selbstverständlich Sportunterricht“, sagt Kiel. Die Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Infektionen in Dortmund liegt bei mehr als zweihundert. Die städtischen Krankenhäuser nähern sich ihrer Kapazitätsgrenze. In den Westfallenhallen, um die Ecke, wird die Einrichtung eines temporären Lazaretts vorbereitet. Unter diesen Bedingungen könne man nicht allen Ernstes fordern, die Sportvereine zu öffnen, sagt Kiel. Oder solle der Verein etwa, umgekehrt, das Ende der Sportstunden fordern?

          Ohne Vereinssportler: Nachmittags und abends sind Deutschlands Turnhallen leer.
          Ohne Vereinssportler: Nachmittags und abends sind Deutschlands Turnhallen leer. : Bild: dpa

          Boris Schmidt, Vorsitzender des Freiburger Kreises der Großsportvereine, dem auch der TSC Eintracht angehört, kennt den widersprüchlichen Eindruck, den die Fortführung des Schulsports und das Verbot des Vereinssports wecken: „Ich merke, dass dies zu wenig erklärt wird“, sagt Schmidt, der die TSG Hamburg-Bergedorf mit 11.000 Mitgliedern führt. „In der Schule sind die Kinder in Kohorten, im Verein haben sie mehr und andere Kontakte.“ Das Risiko beim Vereinssport sei größer.

          Schmidt sieht durch den Lockdown brüchig werden, was Politiker gern als Kitt der Gesellschaft bezeichnen: den Zusammenhalt. „27 Millionen Menschen kommen derzeit nicht mehr zusammen“, sagt er in Anspielung auf die Mitglieder von 90.000 Sportvereinen in Deutschland. „Wo sollen sie sich sonst treffen und austauschen, wenn nicht beim Sport? Dies ist eine große Gefahr.“ Er sieht, da die Pandemie fortschreitet, die Lösung nicht in einer Differenzierung der Maßnahmen, sondern in einem Strategiewechsel. „Die Inzidenz steigt nicht, weil Leute zum Sport gehen“, sagt Schmidt, „sondern weil sie Regeln nicht akzeptieren und im privaten Bereich und im öffentlichen Raum brechen.“ Er spricht sich für eine Ausgangssperre nach 22 Uhr aus; so könnte man, mit der gebotenen Zurückhaltung, tagsüber ein normales Leben zulassen.

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