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Kommentar zu Missbrauch : Schluss mit der Ignoranz

Die Vorwürfe gegen einen Kanutrainer lassen sich im Prozess in Borna nicht erhärten. Bild: Picture-Alliance

Der Freispruch von Borna für einen Kanutrainer ist kein Grund zur Erleichterung. Der Sport muss sich mit dem Thema Missbrauch intensiver beschäftigen. Es gibt zu wenig Problembewusstsein.

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          Freispruch. Erleichterung macht sich breit vor Gericht, beim Angeklagten, bei den Angehörigen, den Freunden und Bekannten. 2009 hatte der vom Amtsgericht im sächsischen Borna vom Vorwurf der Vergewaltigung einer seiner Sportlerinnen freigesprochene Nachwuchs-Bundestrainer der Slalom-Kanuten seinen Posten angetreten. Im Sommer 2017 wurde er suspendiert. Nun, 17 Monate später, stand vor Gericht Aussage gegen Aussage. Auf der Grundlage der Aussage der Sportlerin, bei derart vielen Erinnerungslücken, wäre ein Schuldspruch unvertretbar gewesen. Es kam nur ein Freispruch in Frage.

          Erleichterung? Der nun Freigesprochene wollte nicht reden über die Übergriffigkeiten der vergangenen Jahre, die von Zeuginnen am ersten Verhandlungstag geschildert worden waren: Sprüche und ungewollte Berührungen, übergriffige Nachfragen, sexistische Videos, vorgeführt im Mannschaftskreis. Fachleute warnen immer lauter: Der Sport hat ein massives Missbrauchsproblem.

          Zu wenig Problembewusstsein

          Eine vielzitierte Studie der Sporthochschule Köln zieht das Problemfeld bei unangemessenen Blicken auf. Das mag man für übertrieben halten. Der Prozess in Borna, bei dem sich Juristen wundern, warum er nicht vor der Jugendschutzkammer in Leipzig geführt wurde, zeigt exemplarisch, dass es nicht etwa zu viel Problembewusstsein gibt, sondern erschreckend wenig. Sexualisierte Gewalt ist nicht immer strafrechtlich relevant. Und: Wesentliche Fragen sind weiter offen. Was ist tatsächlich passiert? Der Deutsche Kanu-Verband hat Belege für weitere Übergriffigkeiten, die in Borna nicht zur Sprache kamen, die Zeuginnen aber treten den Prozess ohne anwaltlichen Beistand an. Warum?

          Im Einzelfall zeigt sich, wie weit der Weg ist, den der Sport angesichts der großen Dunkelziffer und der jahrzehntelangen Tabuisierung noch zurückzulegen hat. Klare, offene Kommunikation von Regeln bis in jeden Verein hinein, sagen Experten, ist unabdingbare Grundlage angesichts des Problembewusstseins, dass sich in der Gesellschaft gebildet hat: Kirche, Odenwaldschule, #MeToo haben die Bereitschaft wegzuschauen endlich schwinden lassen. Wer mit Schutzbeauftragten im Sport spricht, hört, dass Trainern klar gemacht werden muss, dass gemeinsames Duschen übergriffig ist. Dass Professionalität angesichts der Abhängigkeiten, insbesondere im Leistungssport, im Verhältnis zwischen Trainer und Nachwuchssportler unbedingt nötig ist. Weniger geht nicht.

          Der Deutsche Olympische Sportbund hat sich dem „Kampf gegen sexualisierte Gewalt“ verschrieben. Zugleich hat der schier ungeheuerliche Fall des Arztes Nassar, der in Amerika junge Sportlerinnen und Patientinnen zu Hunderten missbraucht hat, belegt, zu wie viel Komplizenschaft Funktionäre bereit sind, im Namen des Erfolgs, in der Hoffnung auf Medaillen, aus Angst vor Schlagzeilen.

          Die Geschichten einiger Opfer, nicht ohne Grund „survivor“, Überlebende, genannt, belegen, dass manchen jahrzehntelang nicht bewusst war, dass sie missbraucht worden sind. Mitte September wurde ein Turntrainer wegen Missbrauchs in über 80 Fällen verurteilt. In Thüringen. Absoluten Schutz wird es nie geben. Aber es gibt eine Pflicht, die viel zu oft ignoriert wird: sexualisierte Gewalt zu verhindern, achtsam zu sein, Vertrauen nicht zu verletzen, sondern zu stärken. In jeder Situation. Alles andere zerstört den Sport und die Seelen.

          Ohne klare Regeln und Kommunikation bis in die Vereine geht es nicht.

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