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Schach : Winkelzüge eines Strippenziehers

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Schönes Ambiente? Die ägyptische Spielerin Alaa Gamal bei der Olympiade 2008 in Dresden - 2012 findet das Turnier am Istanbuler Flughafen statt Bild: AP

Ali Nihat Yazici richtet zur Zeit in Istanbul die Schacholympiade aus, nicht ganz selbstlos und nicht ganz so wie versprochen. Wer nicht pariert, soll abgestraft werden - so auch der Deutsche Schachbund.

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          Deutschland soll aus dem Weltschachbund (Fide) geworfen werden - jedenfalls wenn es nach Ali Nihat Yazici geht. Er ist Organisationschef der Schacholympiade, die am Montag in Istanbul eröffnet wurde. Abgesehen von Weltmeister Viswanathan Anand und dem Weltranglistenersten Magnus Carlsen ist praktisch die gesamte Weltelite dabei. Mit etwa 1400 Spielern und Spielerinnen aus 160 Nationen wird ein neuer Teilnehmerrekord erwartet. Doch viele reisen mit einem schlechten Gefühl an: Ausgerechnet Gastgeber Yazici ist seit Monaten dabei, die Atmosphäre zu belasten.

          Als er vor vier Jahren in Dresden den Zuschlag erhielt, hatte er ein Budget von zehn Millionen Euro versprochen, und noch immer wirbt die Veranstaltung mit prächtigen Bildern aus der City, die viele an die gelobte Schacholympiade 2000 in der Nähe des Taksim-Platzes erinnert.

          Dabei hat der 48 Jahre alte Türke das Stelldichein der Schachwelt in eine Messehalle am Flughafen verlegt und die Aktiven in Flughafenhotels untergebracht. Dafür bittet Yazici die Verbände in bisher ungekanntem Ausmaß zur Kasse - offenbar um Budgetlöcher zu stopfen: Für Spieler, die nicht zwei Wochen lang zu zweit in Doppelzimmern schlafen wollen, werden pro Nacht 100 Euro fällig. Wer nicht in einem der offiziellen Hotels absteigt, verliert seine Akkreditierung. Zusätzliche Zimmer für Trainer oder Funktionäre gibt es von 240 Euro an - pro Nacht.

          Klage vor dem Sportgericht

          Der Deutsche Schachbund habe nun um 7000 Euro höhere Kosten als ursprünglich veranschlagt, sagte Präsident Herbert Bastian am Wochenende am Rande einer Präsidiumssitzung in Frankfurt. Mehr Sorgen macht ihm allerdings der Vorstoß gegen den deutschen und sechs weitere große Schachverbände. Sie hatten nach der umstrittenen Fide-Wahl 2010 zwei Klagen vor dem Internationalen Sportgericht eingebracht, und die Fide gab fast eine Million Euro für Anwälte und Gerichte aus, um die Vorwürfe abzuwehren.

          Auf der Vollversammlung am 8. September will Yazici die sieben Verbände nun ausschließen lassen, wenn sie die Kosten nicht übernehmen. Ein pikanter Nebenaspekt ist, dass die deutsche Spitzenspielerin Elisabeth Pähtz seit einem halben Jahr in der Türkei als Trainerin und seine persönliche Assistentin arbeitet.

          Yazicis Antrag wertet Bastian als „Einschüchterungsversuch, damit keine Nation mehr gegen Fide-Entscheidungen Beschwerde führt“. Mit einem Positionspapier wollte er die betroffenen Verbände dazu bringen, sich schon vor der Schacholympiade gemeinsam zu wehren. Nach ihrer verhaltenen Reaktion setzt Bastian nun auf ein Treffen fast aller mitgliederstarken Schachverbände.

          Sie vernetzen sich in Istanbul zum ersten Mal, um sich gegen die Fide-Führung zu wehren. Aber Präsident Kirsan Iljumschinow hat sich durch seine Großzügigkeit die Loyalität vieler Delegierter aus kleinen, außereuropäischen Verbänden gesichert. Hinter ihm hat sich Yazici zwischenzeitlich zum zweitwichtigsten Mann im Weltverband hochgearbeitet. Er hat die Leitung des strategisch wichtigen Schulschachprojekts der Fide übernommen. Und er organisiert weit mehr Fide-Turniere als jeder andere.

          Bezahlte Posten bei diesen Wettbewerben vergibt er vorrangig an Iljumschinows eigentlichen Stellvertreter Giorgios Makropoulos. So tanzt der Grieche nach Yazicis Pfeife - etwa als der kürzlich durchsetzte, dass der beste türkische Spieler, Suat Atalik, keineTurniere in Griechenland bestreiten darf. Offiziell ist Atalik vom türkischen Verband gesperrt, weil er keine Erlaubnis beantragt hat, im Ausland zu spielen.

          „Seine Exzellenz“

          Eine solche Genehmigung ist aber weder international üblich noch durch Zuwendungen des Verbands begründet. In Artikeln für die Tageszeitung „Cumhuriyet“ übte er Kritik an Yazici, woraufhin dieser ihm 2008 ein vereinbartes Stipendium kündigte. Atalik erstritt vor Gericht umgerechnet etwa 40.000 Euro Kompensation, aber das türkische Team wird nunmehr von Dragan Solak aus Serbien und dem Ukrainer Alexander Ipatow angeführt.

          Bis vor etwa sechs Jahren, erzählt Atalik, habe Yazici regelmäßig seinen Rat gesucht, an manchen Tagen sogar mehrmals angerufen. 2006 habe er sich dann verändert. Im Team des belgischen Mäzens Bessel Kok kandidierte er für den Fide-Vorstand, und nach der verlorenen Wahl diente er sich Iljumschinow an, den er beharrlich als „seine Exzellenz“ hofiert. Seine Ambitionen, den Kalmücken eines Tages zu beerben, versteckt Yazici nicht.

          Kompromittierende Fotos

          Seine Chancen sind durch die hohen Hotelpreise der Schacholympiade allerdings gesunken. In höchsten Fide-Kreisen wird er dennoch einerseits gefürchtet, seit er kompromittierende Fotos eines Mitfunktionärs an dessen Ehefrau schicken ließ, andererseits belächelt, weil er selbst von engsten Mitarbeitern als Herr Präsident angesprochen werden will.

          Auf wiederholte Nachfragen ließ Yazici mitteilen, dass er zu einer Stellungnahme erst am Mittwoch bereit sei. Dem Chefredakteur der führenden russischen Schach-Website „Chess-News.ru“, Jewgeni Surow, der kritisch berichtet hatte, verweigerte er aber erst einmal die Akkreditierung für die Schacholympiade: Er sei kein Journalist. Er werde nicht einmal als Zuschauer eingelassen.

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