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Salzburger Olympia-Bewerbung : Mehr Muskeln, weniger Mozart

  • -Aktualisiert am

Fedor Radmann: Der Kopf der Salzburger Olympia-Bewerbung Bild: AFP

Salzburg will die olympischen Winterspiele 2014 - mit deutscher Hilfe. Die Österreicher wollen mit ihrem Charme beim IOC punkten, finanziell können sie mit der Konkurrenz eh nicht mithalten.

          Weniger Sportstätten und damit noch kürzere Wege, weniger Kultur und dafür volle Konzentration auf das Sportkonzept - Salzburg hat seine Lektion gelernt. Vor vier Jahren war die Festspielstadt mit ihrer Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2010 durchgefallen, diesmal soll es für die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) keinen Weg vorbei am kleinen Salzburg (150.000 Einwohner) geben. Weil die Eisbahn am Königssee bei Berchtesgaden zum Konzept gehört (für Bob, Rodeln und Skeleton), ist es eine Kandidatur mit einem deutschen „Minderheitsgesellschafter“.

          Am 4. Juli wird bei der IOC-Session in Guatemala-Stadt der Dreikampf zwischen Salzburg, Sotschi (Russland) und Pyeongchang (Südkorea) um die Winterspiele 2014 entschieden. Die Koreaner hätten sich fast schon 2003 durchgesetzt, sie unterlagen Vancouver (Kanada) nur sehr knapp. An diesem Mittwoch müssen die drei Städte in Lausanne in der olympischen Zentrale das so genannte „Bidbook 2“ abliefern, die ausführliche Bewerbungsschrift. Ab jetzt zählen Fakten statt Versprechungen, Verträge statt Visionen.

          Radman: Macher, Netzwerker, Beckenbauer-Freund

          504 Seiten hat Salzburg zusammengestellt, und Fedor Radmann, seit Sommer vergangenen Jahres Geschäftsführer des Bewerbungskomitees, sagt: „Wir glauben, dem IOC wirklich etwas anbieten zu können, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Wir sind in einer ganz ordentlichen Position.“ Er sinnt einen Moment nach und fügt dann hinzu: „Das sollte schon recht sein.“ Der 62 Jahre alte Berchtesgadener ist unmittelbar nach der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland auf den Salzburger Olympia-Zug aufgesprungen. Der enge Freund Franz Beckenbauers war bei der WM 2006 Kulturbeauftragter und Präsidiumsberater.

          Salzburg erstrahlt im Neujahrs-Glanz

          Seine Laufbahn als Sport-Netzwerker begann schon 1969, als er als Touristik-Chef in das Organisationskomitee der Olympischen Spiele von München geholt wurde. Nicht ohne Stolz bezeichnet Radmann sich als „Lehrling Willi Daumes“. Er arbeitete als Kurdirektor seiner Heimatgemeinde, war für Adidas tätig, beriet Leo Kirch, organisierte die Eishockey-Weltmeisterschaft 1993. Ein Macher, ein Strippenzieher, den es schwer ärgert, wenn man ihm seiner Kontakte wegen Vetternwirtschaft vorwirft - wie in der Frühphase der Fußball-WM. Damals trat er als Vizepräsident des Organisationskomitees zurück; seine Arbeit für das Großprojekt ging indes weiter. Am Erfolg der Fan-Meilen sei er nicht ganz schuldlos, lässt er ins Gespräch einfließen, zusammen mit André Heller habe er viele Ideen entwickelt.

          „Deutsche Anteil an Bewerbung sehr wichtig“

          Die Salzburger waren personell und konzeptionell in Schwierigkeiten, als Radmann kam. „Es wäre für die Sache nicht nachteilig gewesen, ein Jahr früher so aufgestellt zu sein, wie wir es heute sind“, sagt er. Er fühlt sich nicht als Fremder, schließlich sei er in Salzburg zur Schule gegangen, habe dort Eishockey gespielt. „Das Berchtesgadener Land hat eine traditionelle Anbindung an Salzburg. Es gehörte in seiner Geschichte länger zu Salzburg als zu Bayern.“ Der deutsche Anteil an der Bewerbung sei sehr wichtig. „Die Einbindung der Eisbahn am Königssee ist nicht nur vernünftig, die Sache hat auch Charme.“ Dazu kommt: Von den garantierten 24.000 Quartieren, mehr als das IOC fordert, liegt etwa ein Fünftel auf bayrischer Seite. Gerade bei den Zimmern hakte es lange, bevor Radmann sich der Sache annahm.

          Die Österreicher setzen auf seine Weltläufigkeit, seine Schnelligkeit, seine Kreativität. „Du hast keine Zeit, dich im IOC bekannt zu machen“, sagt er - was heißen soll: Mich kennen alle, und ich weiß, wie es läuft. Im März wird Salzburg dritte und letzte Station der Evaluierungskommission des IOC sein; diese Gruppe erstellt einen Bericht, der den Olympiern - sie dürfen nach den Ethikregeln wegen der Korruptionsgefahr die Bewerber selbst ja nicht mehr besuchen - als Grundlage ihrer Wahlentscheidung dienen soll. „Wir müssen die Mehrheit der IOC-Mitglieder überzeugen. Das ist der Job. Aus.“

          Bei neun von elf IOC-Kriterien die Bestnote

          Radmann redet nicht gerne um den heißen Brei herum. „Bei der Präsentation vor der Wahl müssen wir überraschen und emotionalisieren“, sagt er. So wie es Deutschland 2000 in Zürich gelungen sei, als die Fußball-WM vergeben wurde. „Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte kein Wort, nicht einmal guten Tag. Er schwieg und drückte nur die Daumen. Auch damit haben wir damals gepunktet.“ Noch heute kann sich Radmann über seinen Coup freuen. Er übernahm damals die Aufgabe, Schröder von seiner stillen Rolle zu überzeugen.

          Bei der Ernennung zur offiziellen „Candidate City“ im vergangenen Juni erhielt Salzburg bei neun von elf IOC-Kriterien die Bestnote. „Daraus Schlüsse zu ziehen, halte ich für gefährlich“, sagt Radmann. „In Korea und in Russland ist die Bewerbung eine Angelegenheit von höchstem staatlichen Interesse.“ Das klingt neidisch. Harte Diskussion liegen hinter ihm. Erst Ende 2006 fanden im Aufsichtsrat und im Gemeinderat die letzten wichtigen Abstimmung statt - eindeutig pro Bewerbung, wie der Geschäftsführer herausstellt. Es ging, natürlich, ums Geld. Nun steht ein ausgeglichener Etat von knapp einer Milliarde Dollar, die zu erwartenden Fernseheinnahmen mussten nach unten korrigiert werden.

          „Du musst dein eigenes Spiel machen“

          Radmann stöhnt etwas, wenn er vom öffentlichen Streit erzählt. Er hoffe, dass die letzten Olympiagegner ihre Niederlage in einem demokratischen Prozess nun akzeptierten. „Die schwierigsten Steine sind aus dem Weg geräumt. Wir haben sämtliche Regierungsgarantien, ohne Ausnahmen. Wir haben ein klares Budget. Das sind nicht irgendwelche Zahlen, sondern sind zusammengestellt von über hundert Fachleuten, zum Teil mir großer olympischer Erfahrung.“ Er mache sich schon seit langem stark dafür, „mit kaufmännischer Sorgfalt“ die reinen Olympiakosten rigoros von Investitionen zu trennen, die nicht extra für die Spiele getätigt würden, für ohnehin dringend benötigte Verkehrswege oder Wohnungen etwa. „In der Vergangenheit sind diese irrwitzigen Milliardensummen zusammengekommen, weil man die Aufwendungen nicht sauber auseinandergerechnet hat.“

          15 Millionen Euro beträgt der Salzburger Bewerbungsetat, die Hälfte stammt aus staatlichen Mitteln. Den beiden Konkurrenten stünde sicherlich ein Vielfaches zur Verfügung, meint Radmann. Eigentlich mag er solche Vergleiche nicht. „Du verlierst deine Linie, wenn du zu viel auf die Gegner schaust. Das habe ich im Fußball gelernt: Du musst dein eigenes Spiel machen.“ Dennoch gibt er zu: „Pyeongchang ist ein ernstzunehmender Mitbewerber, der aber nicht mehr wie 2003 auf einen einflussreichen Mann wie Kim Un-yong im IOC bauen kann. Das war damals ein Trumpf, so hätten die Koreaner beinahe in der ersten Runde die notwendige Mehrheit bekommen.“ Einem Ausschluss aus dem IOC wegen Amtsmissbrauchs und Veruntreuung von Geld kam Kim im Mai 2005 mit seinem Rücktritt zuvor.

          Sport vor Kultur, nicht umgekehrt

          Diesmal fühlt sich Salzburg besser vorbereitet. 2003 sei der „Mozart-Faktor“ überzogen und der Sport vernachlässigt worden, so hieß es im IOC. „Sport kommt vor Kultur, nicht umgekehrt. Wir wollen eine Sportveranstaltung ausrichten, nicht weitere Festspiele“, sagt Radmann. „Und im alten Konzept war Kitzbühel für alpine Rennen einfach extrem weit weg.“ Deshalb hat man die Zahl der Sportstätten von fünfzehn auf elf reduziert (acht davon existieren bereits), Kitzbühel ist gestrichen worden, noch mehr Wettbewerbe sollen im nahen Pongau stattfinden.

          „Wir setzen rigoros auf ein extrem kompaktes Sportkonzept, das kompakteste der letzten dreißig Jahre, mit Fahrtzeiten von wirklich nur 50, 55 Minuten unter allen Bedingungen. Da muss uns erst einmal jemand schlagen.“ Weiteres Plus aus Sicht des Planungschefs: „Unsere Chance ist auch die Gastfreundschaft, die Heimeligkeit und die Intimität. Den Winterspielen täte es gut, mal wieder in einer gelebten Wintersportlandschaft ausgetragen zu werden.“

          „Bewerbung darf nicht zu politisch sein“

          87 Prozent der Österreicher und 61 Prozent der Salzburger Bürger bekennen sich inzwischen zu den Spielen, im Bundesland Salzburg sind sogar 88 Prozent für den Olympiaplan. Bei einer Volksbefragung im April 2005 hatten die Bürger die Spiele mit rund 60 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Der Gemeinderat beschloss dennoch, noch einmal anzutreten. Radmann winkt etwas genervt ab, blickt nach vorne. „Landeshauptfrau Gabi Burgstaller ist meine wichtigste Verbündete. Sie geht effizient und präzise voran. Bei uns drängt sich die Politik aber nicht vor. Das ist richtig, denn Bewerbungen dürfen nicht zu politisch sein, das mag das IOC nicht.“

          Radmann, der Beckenbauer als Bewerbungsbotschafter wieder an seiner Seite weiß, beherrscht alle Kniffe der Sportdiplomatie, kennt die Stolpersteine. Dennoch hält er die Strömungen im IOC für schwer kalkulierbar. Auf die Frage, warum er diese Herausforderung angenommen hat, antwortet er ohne zu überlegen: „Weil ich verrückt bin. Statt runterzukommen nach der WM, habe ich weiter Vollgas gegeben. Meine Ärzte warnen mich schon.“

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