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Politisch motivierter Torjubel : Salutieren in der Kreisliga

Umstrittene Geste: Salut der türkischen Nationalspieler Bild: dpa

Die Fußball-Landesverbände drohen angesichts der „politischen Botschaft“ des Salut-Jubels mit Geldbußen, Punktabzügen, Sperren. Auch in der Bundesliga haben die Vereine ihre Spieler „sensibilisiert“.

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          Es ist nicht so, dass der Offenbacher Fußball keine Trends mehr setzt. Allerdings haben sie nicht nur beim Hessischen Fußball-Verband die Befürchtung, dass deshalb nach diesem Wochenende jede Menge Arbeit auf die Verbandssportgerichte wartet. Dass der Salut-Jubel der türkischen Nationalspieler endgültig in den deutschen Amateurligen ankommt. So wie es in Offenbach schon vergangenen Sonntag beim Kreisligaspiel des örtlichen Türkischen SC gegen die zweite Mannschaft des VfB Offenbach geschehen war, als in der 90. Minute der Ausgleichstreffer zum 2:2 fiel und drei Spieler und ein Betreuer an der Seitenlinie freudig salutierten.

          Also warnen die Landesverbände vor Wiederholungen, längst nicht nur in Hessen. Drohen angesichts der „politischen Botschaft“ des Saluts mit Geldbußen, Punktabzügen, Sperren. Als erstes hatte der Bayerische Fußball-Verband angekündigt, jeden einzelnen Nachahmer zu verfolgen. „Null-Toleranz-Politik“ verspricht der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen. Die Wortwahl wirkt nicht, als wäre sie zur Deeskalation geeignet – etwa wenn Hans-Otto Matthey, Vorsitzender des Kreisfußballverbands Recklinghausen der Deutschen Presse-Agentur sagt: „Wir lassen uns nicht auf der Nase rumtanzen und von Minderheiten kaputtmachen.“

          Ali Kemal Aydin, Botschafter der Regierung Erdogan in Berlin, nimmt Vorlagen dankbar auf. „Anti-türkische Stimmung“ herrsche in Deutschland, die an „Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Rassismus“ grenze. Das Verbot des „ganz normalen, menschlichen“ Grußes zu Ehren türkischer Soldaten auf dem Fußballplatz sei schwer nachvollziehbar. Der oberste Dienstherr gibt die Richtung vor: Der Salut sei Ausdruck „nationaler Sichtweise“, sagt Erdogan. Bei den türkischen Nationalspielern war er in Mode gekommen, seit die türkische Armee vergangene Woche nach allgemeiner Auffassung völkerrechtswidrig in den Norden Syriens einmarschiert ist.

          Auch in der Bundesliga haben die Vereine mit türkischen und türkisch-stämmigen Profis ihre Spieler „sensibilisiert“, aber im Gegensatz zu der Unruhe, die in den Amateurverbänden herrscht, ist der Ton im Top-Fußball entspannt. Kaan Ayhan, Abwehrchef von Fortuna Düsseldorf, hatte am Montag im Stade de France gegen Frankreich den Ausgleich für die Türkei geköpft – und anschließend trotz des Drängens etlicher Mitspieler und zum Missfallen Vieler in der Türkei nicht salutiert.

          Das Tor? „Fantastisch“, sagte Fortuna-Trainer Friedhelm Funkel vor dem Spiel gegen Mainz am Wochenende. Ayhan und Mannschaftskollege Kenan Karaman hätten gezeigt, dass sie „ganz wichtige Spieler“ für die türkische Nationalmannschaft seien, sagte Funkel. „Alles andere zählt für mich ohnehin nicht.“ Alte, auf die schlichten Botschaften des Spiels reduzierte Trainer-Schule.

          So kann man auch über ein Tor jubeln: Kaan Ayhan

          Angesichts allgemeiner Nervosität sicher nicht falsch, aber weitestgehend ohne Einfluss auf das, was über den militärischen Gruß eben auch auf den Amateurplätzen verhandelt wird – wie im vergangenen Jahr, als das Foto mit Erdogan schließlich zum Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft führte, weil dieser sich vor rassistischen Anfeindungen nicht ausreichend in Schutz genommen sah. Der Profi des FC Arsenal sagte nun dem Onlinemagazin „The Athletic“, Rassismus sei in Deutschland nicht länger ein Thema der Rechten, sondern „in der Mitte der Gesellschaft angekommen“. Das Foto sei „als Entschuldigung genutzt“ worden, ihn auszuleben. Özil, bei dessen Hochzeit Erdogan im Juni nach Darstellung der staatlichen Agentur Anadolu als Trauzeuge fungierte, bezog sich in dem Gespräch nicht auf den militärischen Torjubel, sondern darauf, dass seine Mitspieler in der deutschen Nationalmannschaft nicht „Hey, stopp. Das ist unser Spieler. Das geht so nicht“, gesagt hätten: „Ich wurde rassistisch angegangen, selbst von Politikern und bekannten Persönlichkeiten.“ Er fordere keine Liebe für sich. „Aber die Leute sollten dafür, was ich für Deutschland geleistet habe, Respekt zeigen.“

          Und nun geht es beim Streit um den Jubel auch wieder um Fragen des Respekts. Und die Frage, ob unterschiedliche Maße für unterschiedliche Spieler gelten. Der Berliner AK, Regionalliga Nordost, tritt am Samstag im Leipziger Umland beim ZSC Meuselwitz an. Präsident Mehmet Ali Han will seinen Spielern den Salut-Jubel nicht verbieten und verweist auf die Meinungsfreiheit und darauf, dass sie schließlich „keine Straftat“ begingen. Spieler anderer Nationalmannschaften hätten schließlich auch schon salutiert. Schon am Mittwoch hatte Recep Tayyip Erdogan den französischen Stürmer Antoine Griezmann als Beweismittel angeführt, der vor Staatspräsident Macron salutiert hatte. „Eine herrliche Aktion“, urteilt der türkische Präsident heute. Allerdings ging dem Weltmeisterschaftsfinale kein Einmarsch Frankreichs in ein Nachbarland voraus.

          „Warum dürfen es die anderen machen?“, fragt Han nach Angaben der dpa. „Wenn es die Türken machen, ist es ein Problem. Schade, dass sich die Politik einmischt.“ Sollten seine Spieler sich von der Freigabe des Präsidenten zum Salutieren angeregt fühlen, dürfte sich allerdings als erstes der Nordostdeutsche Fußballverband einschalten.

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