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Doping-Skandal in Russland : „Das schlechteste Szenario ist denkbar“

  • Aktualisiert am

Russlands Sportminister Mutko äußert sich gestenreich gegenüber der Presse Bild: Reuters

Ablenken, Ableugnen und Zurückweisen: Sportminister Witali Mutko ist eigentlich darin geübt, den Doping-Skandal im russischen Sport kleinzureden. Doch die neuerlichen Vorwürfe machen es selbst ihm schwer.

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          Zwei Monate vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro wird das Bild vom schamlosen russischen Doping im olympischen Sport immer umfangreicher. Neuer Schauplatz alter Sünden ist London 2012: Mehr als ein Drittel der 23 positiven Proben, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) bei Nachtests von den Olympischen Spielen 2012 in London gefunden hat, geht auf das Konto russischer Athleten - insgesamt sind es acht aus drei Sportarten. Dieses Ergebnis, das frühere Befunde nur noch bestätigt, gab das Nationale Olympische Komitee des Landes (ROC) am Samstag bekannt. Namen wurden nicht genannt, da die Öffnung und Analysen der B-Proben noch ausstehen.

          Zuvor hatte Russland bereits zugeben müssen, dass 14 der 32 positiven Nachtests der Spiele von Peking 2008 auf Proben seiner Mannschaftsmitglieder zurückgehen. Damit sind russische Sportler für 40 Prozent der positiven Tests verantwortlich, die das IOC im Rahmen eines speziellen, im August 2015 begonnenen Programms vorgefunden hat. Für die Aktion, in deren Rahmen in Lausanne eingelagerte Doping-Proben noch einmal mit moderneren Methoden überprüft wurden, waren vor allem solche Athleten ausgewählt worden, die Chancen hatten, sich auch für Rio de Janeiro zu qualifizieren.

          Die führende Doping-Nation

          Russland ist also zurzeit die führende Doping-Nation. Die Frage, ob man aus den Ergebnissen schließen kann, dass russische Athleten mehr Doping-Mittel nehmen als andere oder ob sie nur ungeschickter dopen als andere, muss zwar offenbleiben. Doch weitere Konsequenzen aus den Ergebnissen und den jüngsten Enthüllungen über systematisches Doping in der Leichtathletik dürften unausweichlich sein. Dazu kommen nicht unabhängig bewiesene, aber glaubhaft wirkende Vorwürfe über staatlich organisiertes Doping während der Winterspiele 2014 in Sotschi.

          Bereits seit November vergangenen Jahres ist der russische Leichtathletik-Verband vom Wettkampfbetrieb suspendiert. Ob dieser Bann für die Olympischen Spiele aufgehoben werden kann, will der Leichtathletik-Weltverband IAAF am 17. Juni entscheiden. Die Chancen der Russen werden mit jedem Skandal schlechter. Auch Forderungen nach einem Ausschluss des ganzen Landes von den Spielen sind bereits laut geworden - hauptsächlich von Seiten des Rivalen Vereinigte Staaten. IOC-Präsident Thomas Bach hat diese Möglichkeit in einem Beitrag für die F.A.Z. zumindest nicht ausgeschlossen. Widerstand dürfte er auch aus dem eigenen Zirkel bekommen: Der Präsident des russischen NOK, Alexander Schukow, ist selbst Mitglied des IOC und wurde von Bach bereits mit führenden Aufgaben wie dem Vorsitz der Koordinierungskommission für die Winterspiele 2022 in Peking betraut.

          Selbst der russische Sportminister Witali Mutko, der mittlerweile reichlich Übung hat im Ablenken, Ableugnen und Zurückweisen, hält es inzwischen für möglich, dass die russischen Leichtathleten in Rio fehlen könnten, zumal bekannt wurde, dass 10 der 14 positiven russischen Fälle von Peking diese Sportart betreffen. „Das schlechteste Szenario ist denkbar“, sagte er in einem Interview mit dem Fernsehsender Match TV. Die vorläufig nominierten Athleten seien aber absolut sauber.

          Den Versuch, auf die Schnelle einen glaubwürdigen Anti-Doping-Kampf in Russland auf die Beine zu stellen, erklärte Mutko für gelungen. „Wir haben alles getan, was möglich war“, sagte er dem Sender. „Wir haben aufgeräumt, disqualifiziert, die Führung ersetzt, rund 100 mögliche Teilnehmer für Olympia ausgewählt, die mindestens drei internationale Doping-Kontrollen durchlaufen.“ Allerdings reagiert Mutko weiterhin eher verärgert als zerknirscht auf die geballten Enthüllungen und macht Anspielungen auf den größten Schrecken Olympias: die Boykotte.

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