https://www.faz.net/-gtl-8h1s8

Russlands Sport : Doping, Lüge, Verrat

Es ist, als hätte Russland zwei Sportminister, die beide Witali Mutko heißen. Den einsichtigen, besserungswilligen, der mit ausländischen Journalisten spricht. Und den zornigen, insinuierenden, der dem eigenen Volk klarzumachen versucht, dass die eigenen Sportler Opfer dunkler Intrigen werden. Die Disparität hat Methode, das Land einen Doppeladler im Wappen, aber nur einen Sportminister. Witali Leontjewitsch Mutko, vor zwanzig Jahren gemeinsam mit Putin in der Sankt Petersburger Stadtverwaltung aufgestiegen, dann Präsident des Petersburger Fußballklubs Zenit geworden. Gasprom stieg ein, Zenit stieg auf, Mutko auch: Ligachef, Verbandspräsident, schließlich Minister mit bemerkenswertem Instinkt fürs politische Überleben. Wladimir Putin weiß, was er an ihm hat. Zum 57. Geburtstag vergangenen Dezember bekam der Minister vom russischen Präsidenten ein englisches Wörterbuch. Auch in seiner jüngsten Call-In-Fernsehsendung machte Putin Witze über das fehlende Fremdsprachentalent Mutkos. Als die zahlreichen Fälle des Meldonium-Gebrauchs russischer Sportler bekannt wurden - das lettische Mittel für Herzkranke ist seit dem 1. Januar 2016 verboten -, sagte Mutko Mitte März: „Das Land hat eine Führung, die diese Entscheidungen trifft. Wenn ich sehe, dass diese Sache mich betrifft, werde ich meinen Posten verlassen.“ Putin hielt an ihm fest.

Einflussreich auch im Fußball: Mutko mit Fifa-Präsident Infantino

Ob das noch lange möglich ist, hängt von den Entscheidungsträgern des internationalen Sports ab. „Diese Vorwürfe sind sehr detailliert und sehr verstörend, und wir bitten die Welt-Anti-Doping-Agentur, sofort zu ermitteln“, sagt der Sprecher des Internationalen Olympischen Komitees, Mark Adams. Die Nationale Anti-Doping-Agentur in Bonn macht das kurzfristige Schicksal Russlands nicht vom Wahrheitsgehalt der jüngsten Vorwürfe abhängig: „Es ist ja schön, wenn man in Zukunft sauber arbeiten will. Aber wir wissen doch, was in der Vergangenheit passiert ist und dass es auch in den letzten Monaten keine angemessene Kontrollen gegeben hat. Daran kann Russland nichts mehr ändern“, sagte Nada-Vorstand Mortsiefer: „Deshalb ist unsere Haltung klar für dieses Mal. Russland sollte nicht an den Spielen in Rio teilnehmen dürfen.“

Mutko fühlte sich und sein Land schon vor der Anklage von Rodschenkow ungerecht behandelt. Er fragt, wo die Berichte über „zig Länder“ bleiben, die gar kein Anti-Doping-System haben: „Die Länder kritisiert keiner, und Sie fahren da auch nicht hin.“ Auf den „menschlichen Faktor“ der Korruption, die „kleinen Betrüger“ unter Sportlern und Trainern, die „Fälscher und Diebe“ habe er keinen Einfluss gehabt. Mutko, der Minister, klingt fast wie der Oppositionelle Aleksej Nawalnyj. Der hatte nach den Wahlfälschungen 2011 von der Regierungspartei „Einiges Russland“ als „Partei der Gauner und Diebe“ gesprochen. Mutko spricht von Nationaltrainern. Der Unterschied: Mutko hat Macht. Mutko muss retten. In der Organisation der Rusada habe er aufgeräumt, bis ins vierte Glied jeden gefeuert. Und überhaupt, in all den Jahren habe er vom IOC und der Wada doch nur eines gehört, sagt er an diesem letzten Donnerstag im April, nur eines, auch für Olympia in Sotschi: „Ich habe immer nur Dankesschreiben erhalten: „Danke, Ihr System hat gut funktioniert!“ Das sagt Rodschenkow auch.

Geheimdienst als Flaschenöffner oder üble Nachrede

Rodschenkows Aussagen: Dutzende russische Sportler seien bei den Winterspielen in Sotschi 2014 gedopt gewesen, unter ihnen wenigstens 15 Medaillengewinner. (Russland gewann 13 Gold-, elf Silber- und neun Bronzemedaillen.) Der frühere Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors will den Sportlern einen Steroid-Cocktail (Metenolon, Trenbolon, Oxandrolon) gemixt haben. Die zu dopenden Sportler seien in einer Übersicht vom Sportministerium benannt worden. Die Doping-Proben seien in Sotschi während der Spiele ausgetauscht worden; der mutmaßlich Doping-Spuren aufweisende Urin wurde gegen in Babynahrungsgläsern und Wasserflaschen angelieferten sauberen Urin getauscht. Die Methode zum Tausch der Flüssigkeiten im versiegelten Glas sei von einem Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB im Herbst 2013 entwickelt worden. Das Sportministerium habe jeden Abend bekanntgegeben, welche Proben zu tauschen seien, nachdem das Ministerium von den betroffenen Sportlern über die Probennummer informiert worden sei. Der Austausch der Flüssigkeiten sei in einem Nebenraum des Labors zumeist nach Mitternacht erfolgt; dazu sei in die Laborwand ein Loch geschnitten worden. Rodschenkow bietet dem IOC an, in Lausanne manipulierte Proben zu identifizieren und sie unter Aufsicht untersuchen zu lassen.

Die Reaktionen:

Alexander Subkow, von Rodschenkow beschuldigter Olympiasieger im Zweier- und Viererbob: „grundlose üble Nachrede“. Alexander Legkow, Langlauf-Olympiasieger über 50 Kilometer: „Ich weiß nicht, warum man einer solchen Person glauben, trauen oder sonst irgendetwas tun sollte“. Richard Pound, Gründungspräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur, Vorsitzender der Wada-Untersuchungskommission der Wada zur Korruption in der Leichtathletik: „Rodschenkow weiß, wo die Leichen sind. Der Bericht ist der schlimmste, den wir bislang hatten, wenn wir annehmen, dass er die Wahrheit sagt. Und er weiß, was los war.“ Olivier Niggli, kommender Geschäftsführer der Wada: „Der Vorwurf ist, dass dies vom Geheimdienst Russlands getan wurde. Ich vermute, dass der Geheimdienst eines jeden Landes zu so etwas in der Lage wäre. Wenn Sie mich also fragen, ob die Russen eine Flasche öffnen können, ist die Antwort: vermutlich ja.“ (F.A.Z.)

Weitere Themen

Doping mit Spinat

Popeye-Effekt im Spitzensport : Doping mit Spinat

Spinat verleiht Superkräfte – und ein darin enthaltener Stoff gehört auf die Dopingliste. Diese Meinung vertritt die Berliner Professorin Maria Parr nach Auswertung einer Studie.

Topmeldungen

Abgrenzung von der AfD : Das Ende eines Ausflugs

Die Union besinnt sich endgültig wieder auf die Erkenntnis, dass sie mit einer Wendung nach rechts weniger Zustimmung zurückgewinnt, als sie in der Mitte verliert.

„Kleiderpolizei“ im Hochsommer : Liberté, Egalité, Décolleté

Es ist sehr heiß. Während die einen nur an Abkühlung denken, stören sich die anderen an freizügiger Sommerkleidung. In Frankreich wehren sich viele Frauen auf Twitter gegen diese Verurteilung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.