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Russlands Sport : Doping, Lüge, Verrat

Doch nun legt Rodschenkow nach. Nun geht es um alle russischen Sportler. Selbst wenn es Rodschenkows Gegnern gelänge, seine jüngsten Vorwürfe als nicht beweisbar darzustellen. Liegen im Zentrallager des Internationalen Olympischen Komitees in Lausanne die sogenannten B-Proben? Die Hälfte der Kontrollen wird für Nachprüfungen ins Archiv geschickt. Oder haben die Manipulateure bei ihrem perfiden Plan an alles gedacht? Dann gäbe es nichts als die Aussage eines Insiders und negative Kontrollen. Aber es existieren genügend Beweise und Indizien für die Annahme, dass Rodschenkow nicht irgendetwas aus der Luft gegriffen hat, das ihn im Moment der öffentlichen Aussage zum Staatsfeind macht. Wer geht so ein Risiko ein für ein paar Dollar?

Seit in einer ARD-Reportage im Dezember 2014 Julija und Witali Stepanow - sie gedopte Läuferin, er desillusionierter Veteran der russischen Anti-Doping-Agentur - das russische Doping-System in der Leichtathletik offengelegt haben, ist die Tektonik der Sportverbände und ihres Umgangs mit Doping ins Wanken geraten, in Russland und weit darüber hinaus. Aufgrund der Enthüllungen beauftragte die Wada ihre Kommission, die Vorwürfe der Stepanows wurden bestätigt. Doch der Bericht legte weit mehr offen: das mafiöse Geflecht beim Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF, die Querverbindungen ihres Paten Lamine Diack zum Internationalen Olympischen Komitee (IOC), der Einfluss auf die Wada selbst.

Erdrückende Beweise

Der Bericht, ergänzt durch einen zweiten Teil vom Januar dieses Jahres, belastet den russischen Sport und seine Politiker - und belegt zugleich, dass die Regeln von vielen internationalen Funktionären nie ernst genommen wurden. Die russischen Trainer, Funktionäre und Politiker, auch Mutko, vor allem Mutko, probierten es zunächst auf die alte Art und Weise: Sie leugneten, sprachen wie am Freitag von einer anti-russischen Kampagne, versuchten, die Stepanows in Misskredit zu bringen. Mutko sprach von einer „Beleidigung“, davon, dass er hoffe, dass Rücksicht genommen werde auf „unsere Befindlichkeiten“.

Die Beweise aber sind zu erdrückend, der Bericht zu eindeutig. Prompt änderte sich der Ton - top-down. Drei Tage nach Veröffentlichung im November 2015 sagte Wladimir Putin in Sotschi, wie wichtig es sei, „so offen wie irgendmöglich“ mit den internationalen Organisationen zu kooperieren. Doch die alten Reflexe funktionieren, glänzend, diese Woche zeigt das. Auf die ersten Hinweise, in Sotschi hätten die Russen munter betrogen, reagierte Mutko empört: „Die Spiele von Sotschi sind längst vorbei. Russland hat die Proben nicht genommen, alles war unter strenger Kontrolle. Der Bericht ist die Fortsetzung der Informationsangriffe auf den russischen Sport. Demnächst treten russische Sportler in Rio an.“

Unbenanntes Dokument

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Dabei belegt schon der Wada-Bericht, Seite 195 folgende, wer das Sagen hatte in russischen Anti-Doping-Labors. Anonyme Mitarbeiter packen aus: „In Sotschi liefen Jungs rum, die vorgaben, Ingenieure zu sein, aber vom, sagen wir, neuen KGB, vom (Inlandsgeheimdienst, d. Red.) FSB waren.“ Die Agenten, schlussfolgert die Kommission, haben in Sotschi und Moskau eine „Atmosphäre der Einschüchterung“ verbreitet. Die Mitarbeiter des Moskauer Labors seien sich sicher gewesen, vom FSB abgehört zu werden. Zudem seien sie angewiesen worden, nicht mit den Wada-Ermittlern zu sprechen. Rodschenkow selbst musste sich wöchentlich mit einem namentlich genannten FSB-Agenten treffen. Und direkte Anweisungen zur Manipulation von Proben, so die Labormitarbeiter, gab es auch „direkt aus dem Minsport“, Mutkos Ministerium. Ende April wies er im Interview gegenüber dieser Zeitung, SZ und WDR den Einfluss auf die Rusada und ihr Probenmanagement zurück: „Das sind Märchen. Wir haben Einfluss genommen im Rahmen unserer Möglichkeiten und tun es weiterhin. Wie wir das machen? Wir geben 200 Millionen Rubel im Jahr für Anti-Doping-Politik aus.“

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