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Staatsdoping in Russland : Eine institutionelle Verschwörung

Perfekte Selbstinszenierung: Russische Athleten bei der Eröffnungsfeier der Winterspiele in Sotschi Bild: AP

Russland hat ein sportliches Betrugssystem entwickelt, wie man es so nur von der DDR kannte. Um solche Machenschaften zu unterbinden, ist nur eine Sperre für das komplette Olympiateam eine wirkungsvolle Abschreckung.

          Niemand wird die Fakten bestreiten können: Es hat in Russland spätestens seit dem Jahr 2011 und über die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi hinaus ein Staatsdoping gegeben: eine perfide „institutionelle Verschwörung“, wie der Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), Richard McLaren, das Treiben am Freitag beschrieb. Beamte, Sportfunktionäre, Laborleiter, Trainer und Athleten waren verwickelt in ein Betrugssystem, wie man es so detailliert nur von der DDR kannte.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Wie damals passten die Manipulateure ihre schmutzigen Tricks den schärfer werdenden Kontrollvorschriften an. Zuletzt mussten die Russen ihren Geheimdienst einschalten, damit positive Proben ihrer in Sotschi gedopten Athleten in negative verwandelt werden konnten. Die Spuren haben sie verraten; was nur möglich war, weil der ehemalige Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors im Mai ausgepackt hatte.

          Kontrollsystem des Sports reicht nicht aus

          Das Kontrollsystem des Sports reicht nicht im Ansatz aus, solche Machenschaften zu entlarven, geschweige denn zu unterbinden. Dazu muss man andere Register ziehen. Eine wirkungsvolle Abschreckung wäre die Sperre etwa für eine Olympiamannschaft im Falle von Staatsdoping. Es träfe die Strategen in Sportministerien (nicht nur in Russland) ins Herz, wenn sie ihre Athleten wie einst im Kalten Krieg nicht zum Zwecke der Selbstinszenierung missbrauchen dürften. Putin hat das in Sotschi vorgeführt. Und das Internationale Olympische Komitee (IOC) assistierte ihm, als es trotz der schon bekannten Vorwürfe im ersten McLaren-Bericht und entgegen dem Rat namhafter Anti-Doping-Agenturen Russland bei den Sommerspielen in Rio antreten ließ.

          Zu den mehr als tausend Sportlern, die laut McLaren durch das Dopingsystem geschleust wurden, werden viele der 270 gehören, die in Brasilien antraten. Dass der Internationale Leichtathletikverband und das Internationale Paralympische Komitee Russland mutig ausschlossen, ist ein Beleg für die Doppelbödigkeit des IOC. Es hat nicht den Willen, etwas zu riskieren für seine angebliche „Null Toleranz“-Politik. Das Verhalten des IOC unter Präsident Thomas Bach verdeutlicht das Kernproblem: Der Spitzensport muss von unabhängigen Institutionen zu mehr Sauberkeit gezwungen werden. Andernfalls wird sich Staatsdoping wiederholen und neben Athleten den Spitzensport vollends vernichten.

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