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Rennen auf Halbinsel : Räder rollen rückwärts auf der Krim

  • -Aktualisiert am

Jalta, Krim: Russisch? Nicht mehr für die UCI. Bild: AFP

Ein internationales Radrennen auf der Krim sorgte für Diskussionen im Mai. Nun entzieht der Weltverband Russland die Austragung auf der annektierten Halbinsel – und sorgt für eine herbe Niederlage.

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          Kleines Rennen, großes Echo: Die Berichterstattung über das internationale Mountainbike-Rennen „FreeRate DH“ im Mai 2015 in Jalta hat zu vielen Diskussionen innerhalb des Radsport-Weltverbandes UCI geführt – und nun zu einer spektakulären Rolle rückwärts. Und zu einer herben Niederlage der russischen Sportpolitik. Denn der Wettbewerb auf der von Russland unter Bruch des Völkerrechts annektierten Halbinsel Krim, unter russischer Flagge und in Anwesenheit eines UCI-Commissaires ausgetragen, machte die UCI zum ersten internationalen Sportverband, der die Annexion der Krim legitimierte. Nun wurde der Wettbewerb aus dem internationalen Kalender gestrichen – und zwar sowohl das für 2016 geplante Rennen wie auch für die im vergangenen Mai ausgetragene Ausgabe.

          Ausschlaggebend ist, dass „FreeRate DH“ nach eigenen Statuten nie hätte vom Weltverband registriert werden dürfen. Laut Reglement tragen die nationalen Verbände die Verantwortung für die Austragung eines internationalen Rennens. Den Verbänden ist es erlaubt, Wettbewerbe in einem anderen Land auszutragen. Voraussetzung: ein entsprechender Vertrag mit dem nationalen Verband dieses Landes. Dies ist in der Causa Krim der ukrainische Verband FVSU, denn völkerrechtlich wird die russische Annexion der Halbinsel durch eine UN-Resolution vom 27. März 2014 ausdrücklich nicht anerkannt. Einen solchen Vertrag zwischen dem russischen Verband und der FVSU hat es allerdings nie gegeben.

          Eine offizielle Position des Internationalen Olympischen Komitees blieb bis heute aus – und genau dieses Argument führte die UCI für ihre stillschweigende Zustimmung an. Vermutlich gab es dafür gute Gründe. Politisch spielt der russische Verband FVSR eine führende Rolle im internationalen Radsport. Der Präsident Igor Makarow, Oligarch und Vorstandvorsitzender des staatlichen Gas-Unternehmens Itera, sitzt nicht nur im Vorstand der UCI – er ist auch einer der wenigen Großsponsoren des europäischen Radsport-Verbandes. Insider behaupten sogar, Makarow sei quasi dessen einziger Geldgeber.

          Keine Härte innerhalb des Weltverbandes

          Das brachte sogar die FVSU in die Bredouille: „2014 schenkte uns der europäische Verband 40 Fahrräder für unsere Sportschulen und einen Bus für unsere Nationalmannschaft“, gab Oleksandr Baschenko, der Präsident des ukrainischen Verbandes, zu. Im Jahr der Konfrontation zwischen Moskau und Kiew akzeptierte die FVSU das Geschenk eines russischen Oligarchen. Und so protestierte die FVSU zwar gegen die Austragung des Jalta-Rennens – zeigte aber innerhalb des Weltverbandes keine Härte. Erst nachdem der Fall unter anderem durch die Berichterstattung der F.A.Z. für internationale Schlagzeilen im September sorgte, sah sich die UCI gezwungen zu handeln.

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          Während ihres Kongresses, der im Rahmen der Straßen-Weltmeisterschaft im amerikanischen Richmond stattfand, führte James Carr, beim Weltverband für internationale Beziehungen zuständig, Gespräche mit Baschenko und dem russischen Funktionär Alexander Gusjatnikow. „Ich hatte bei den Gesprächen das Gefühl, dass die UCI das Krim-Problem unter den Teppich kehren wollte“, sagt der FVSU-Präsident Baschenko.

          Eine bittere Niederlage für Russland

          Im November gab die UCI ihre Entscheidung bekannt. Das Rennen in Jalta wurde aus dem internationalen Kalender gestrichen – eine große Überraschung, auch für die FVSU. „Diese Entscheidung wurde von allen Parteien nach den Gesprächen mit den ukrainischen und russischen Verbänden getroffen. Dabei wurden nur die sportlichen Gründe berücksichtigt“, teilte die UCI auf Anfrage dieser Zeitung mit. Nur sportliche Gründe? Es erscheint unwahrscheinlich, dass die überhaupt eine Rolle spielten. Nach den Statuten sei einfach keine andere Entscheidung möglich gewesen, heißt es hinter vorgehaltener Hand sowohl aus dem russischen als auch aus dem ukrainischen Verband. Die unerwartete mediale Aufmerksamkeit überraschte die UCI und gab den Ausschlag.

          Nun darf Moskau „FreeRate DH“ nur auf nationaler Ebene austragen – eine bittere Niederlage für Russland, das sportpolitisch ohnehin schwierige Zeiten erlebt. Auf eine Anfrage reagierte der russische Verband FVSR nicht. Mit einer offiziellen Reaktion Russlands, etwa durch das russische Nationale Olympische Komitee, ist ebenfalls nicht zu rechnen. Die FVSR muss die von oben verordnete Entscheidung der UCI umsetzen, wenn auch widerwillig. Der Ukrainer Baschenko zeigt sich zufrieden: „Natürlich wollen wir den Menschen auf der Krim nicht den Radsport verbieten. Aber ein Wettbewerb auf unserem Territorium, ohne unser Einverständnis? Inakzeptabel.“

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