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Russland-Urteil des Cas : Bagger marsch!

Diktator am Puck: Eishockey-Fan Aleksandr Lukaschenka Bild: dpa

Mit dem Cas-Urteil darf Russland die Eishockey-WM 2023 behalten. Das freut den Präsidenten des Weltverbandes. Selten war offensichtlicher, wer welches Spiel spielt. Nur das Problem Aleksandr Lukaschenka bleibt für die IIHF.

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          Die belarussischen Sportler, die seit Monaten auf das eigene Schicksal, das Schicksal oppositionell, demokratisch gesinnter Menschen unter Diktator Aleksandr Lukaschenka aufmerksam machen, waren in die Offensive gegangen, wieder einmal. Bevor am Donnerstagnachmittag das Urteil des Internationalen Sportschiedsgerichts (Cas) aus Lausanne kam, informierte die Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF) – der Verein vertritt rund 1200 belarussische Sportler, die den Zorn und die Macht von Lukaschenka und die Gewalt seiner Schergen beklagen – über den aktuellen Stand der Kommunikation mit dem Internationalen Eishockey-Verband IIHF betreffs der Weltmeisterschaftsspiele 2021 mit Gastgeber Lukaschenka in Minsk. Was gibt’s Neues? Nichts, legte die BSSF dar.

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          Die IIHF reagiere nicht auf ihre Post, in der es unter anderem um die Verwicklung des Präsidenten des belarussischen Eishockey-Verbandes, Dmitrij Baskow, in die Tötung eines Minsker Bürgers am 12. November geht, die von der BSSF mit weiteren Beweisen als „bestätigt“ angesehen wird. Die BSSF forderte angesichts der Starre der IIHF die Sponsoren des Turniers, den Volkswagen-Konzern mit seiner tschechischen Marke Škoda und die österreichische Raiffeisenbank, und teilnehmende Mannschaften auf, nicht in Minsk anzutreten und sich mit dem Regime gemeinzumachen.

          René Fasel aber, seit 1994 der Präsident der IIHF, seit 1995 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), war in den vergangenen Tagen zunächst einmal damit beschäftigt, den Schiedsspruch aus Lausanne vom Donnerstagnachmittag zu bewerten, in dem es vorgeblich um eine Bestrafung der russischen Staats-Doper ging, tatsächlich aber Fasels nicht eben bescheiden angelegter Zukunftsvision des Eishockey-Sports die endgültige Baugenehmigung erteilt wurde.

          Ein größeres Problem, als es die belarussische Hälfte der WM 2021 heute für die IIHF ist, wäre es geworden, hätten Fasel und die IIHF einen neuen WM-Gastgeber für 2023 suchen müssen. Das stand zu befürchten, schließlich hatte die Welt-Anti-Doping-Agentur Russland das Austragen von Weltmeisterschaften für vier Jahre verbieten wollen, während die Russen in Wladimir Putins Heimatstadt St. Petersburg den größten Eishockey-Palast der Welt ins trockengelegte Newadelta klotzen wollen.

          Weil aber die Schiedsrichter in Lausanne ein eigentümliches Bedürfnis verspürten, neben der rechtlichen Bewertung betrügerischen Verhaltens „Wandel herbeiführen“ und „die nächste Generation russischer Sportler ermutigen“ zu müssen, reduzierten sie nicht nur die Strafe auf zwei Jahre – sie schliffen auch sonstige Nebenstrafen wie einen sibirischen Edelstein. Auf dass die russischen Sportler selbst in der Zeit, in der ihre Hymne verbannt ist, funkeln können und Wladimir Putin zuschauen darf, sofern er nur vom Kaiser von Japan zu Olympia eingeladen wird oder dem KP-Chef von China. 2023 ist dann auch diese bequeme Strafzeit längst vorbei. Bagger marsch für den gigantischen Eispalast also. Er wird fußläufig zur Metro-Station Siegespark gebaut. Symbolik ist eine russische Spezialität.

          Die russische Nachrichtenagentur Tass fragte Fasel nach seiner Meinung zur Entscheidung aus Lausanne. „Hart“, fiel dem Schweizer ein. Es steht ja schließlich das Wort Strafe im Urteil. „Nicht das, was wir in der Hockeyfamilie erwartet haben.“ Fasels „Hockeyfamilie“, das heißt, die IIHF war in der Verhandlung im November für die Russen und die eigene Sache in den Zeugenstand getreten. Noch einmal ganz langsam: Der Präsident eines internationalen Verbandes, der doch in größter Sorge sein müsste angesichts des jahre-, womöglich jahrzehntelangen systematischen Betrugs durch die Macht, die auch seinen Sport, gerade seinen Sportverband bis unter die Existenzgrenze zersetzen könnte – geht für die Betrüger ins Wort. Selten war offensichtlicher, wer welches Spiel spielt. Aber es lohnte sich.

          Findet auch Fasel: „Russische Teams dürfen in russischen Farben spielen“ – auch das eine weitere Facette des rundum polierten Schiedsspruchs, die nur die angeblich bestrafte Partei glänzen lässt – „und die WM 2023 wird unter den normalen, gewohnten Bedingungen gespielt. Das ist das Wichtigste.“

          Das Problem Lukaschenka bleibt

          Wesentlich weniger wichtig in Fasels Prioritätenranking: die unkommode Tatsache, dass die russischen Freunde nun nicht das Ausweichquartier für den brutalen Herrscher von Minsk geben dürfen im Frühjahr 2021. Das Problem Lukaschenka bleibt. Die unterdrückten belarussischen Sportler werden weiter Druck machen. Könnte sein, dass sich Fasel und die IIHF sich noch mal intensiv über die Minsker Covid-Zahlen beugen werden. Dabei erinnert sich mancher im Verband noch zu gerne an das tolle Erlebnis der WM 2014 bei Lukaschenka. Vom IOC war der Diktator am 7. Dezember suspendiert worden – in seiner Funktion als NOK-Chef. Als Machthaber dürften ihn alle Kaiser, KP-Chefs und Premierminister weiter zu Olympia laden. Die Schiedsrichter vom Cas in Lausanne haben offenbar auch da gut aufgepasst.

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