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Doping und Russland : Die Präsidenten haben nichts gewusst

Haben wir etwas gewusst? Staatspräsident Putin (r.), Berater Lewitin und Sportminister Kolobkow Bild: dpa

Russland gibt gegenüber der Wada kaum mehr zu als das, was Putin schon lange eingeräumt hat: dass es einen Manipulations-Plan in seinem Anti-Doping-System gegeben hat.

          Die Erfahrung lehrt: Russland gibt nie etwas zu. Wer also glaubt, Russlands Sportführung habe sich jüngst in einem Brief an die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada zu dem staatlich gesponserten Doping-System bekannt, das ihr längst nachgewiesen wurde, sollte den Text genauer lesen. Und mit dem in Zusammenhang setzen, was der russische Sportminister Pawel Kolobkow vergangene Woche beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg sagte. Dann kommt er zu folgendem Ergebnis: Ja, Russland gibt zu, dass es einen Manipulations-Plan in seinem Anti-Doping-System gegeben hat. Aber die hohen Amtsträger bestreiten, davon gewusst zu haben, allen voran Staatspräsident Wladimir Putin.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Die politische Verantwortung für das, was angeblich hinter ihrem Rücken geschah, wollen sie immerhin übernehmen. Unterschrieben ist der Brief von Kolobkow, Alexander Schukow, dem scheidenden Präsidenten des Russischen Olympischen Komitees, und Wladimir Lukin, dem Präsidenten des Russischen Paralympischen Komitees. Kopien gingen an Thomas Bach und Andrew Parson, Präsidenten des Internationalen Olympischen und des Paralympischen Komitees.

          Wörtlich heißt es in dem Schreiben, aus dem die französische Sport-Zeitschrift „L’Equipe“ und die Nachrichtenagentur AFP zitierten: „Die ernsthafte Krise, die den russischen Sport beschädigt hat, wurde von einigen inakzeptablen Manipulationen des Anti-Doping-Systems verursacht, die von Untersuchungen unter Aufsicht der Wada und des IOC aufgedeckt wurden.“ In diesem Zusammenhang wird sogar der Name McLaren erwähnt, des Mannes, der den Report für die Wada erstellte und darin belegte, dass es von 2011 bis 2015 in Russland ein Doping-Vertuschungssystem gab, dessen Schaltstelle das Sportministerium war. Und dass während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi mit Hilfe des Geheimdienstes FSB Doping-Proben russischer Athleten manipuliert wurden. Immerhin heißt es an anderer Stelle erstmals, es habe einen „systematischen Doping-Plan“ gegeben. „Im Namen der Organisationen, die wir repräsentieren, bedauern wir ernsthaft, dass einige Manipulationen und Praktiken in Russland vorkamen“, heißt es weiter.

          Der Brief soll offensichtlich eines der beiden Kriterien erfüllen, auf denen die Wada beharrt, bevor sie die Suspendierung der Russischen Anti-Doping-Agentur Rusada aufhebt, was wiederum Bedingung ist für die internationale Wiederzulassung der russischen Leichtathletik und des Behindertensports. Die Wada verlangt ausdrücklich ein Bekenntnis des Sportministeriums und des Russischen Olympischen Komitees zu den Ergebnissen des McLaren-Berichts, der allerdings nicht nur die Verstrickung des Ministeriums und des FSB belegt, sondern auch nahelegt – wenn auch nicht beweist –, dass die Politik auf höchster Ebene mitgespielt hat. „Wir sind mit dem McLaren-Bericht nicht einverstanden“, sagte Kolobkow in St. Petersburg, „weil er unbewiesene Schlüsse zieht.“ Allenfalls auf den Bericht des IOC, Schmidt-Bericht genannt, will man sich einlassen. Dort heißt es, es gebe „keine dokumentierten, unabhängigen und unparteiischen Beweise, die die Unterstützung oder die Kenntnis des Systems durch die höchste Staatsführung bestätigten.“

          Dass die Wada weitgehend eine alte Legende in einem neuen Brief erhielt, zeigt ein Blick zurück. Putin räumte schon im März 2017 fast so viel ein wie jetzt die Funktionäre, wenn er auch damals nicht von einem System sprach. „Wir müssen zugeben, dass einige Doping-Fälle entdeckt wurden“, zitierte ihn die Agentur Tass. „Das bedeutet, dass das aktuelle russische Anti-Doping-System versagt hat, und das ist unsere Schuld.“

          Am 14. Juni wird sich die zuständige Wada-Kommission mit dem Inhalt befassen, die wiederum der Exekutive eine Empfehlung geben wird, wie sie weiter mit der Rusada verfahren soll. Wie sich vor anderthalb Wochen beim Treffen der Wada-Führungsgremien in Montreal zeigte, sind die Meinungen gespalten. Die Wada ist ein Gebilde, das sich zur Hälfte aus der Sportbewegung, zur Hälfte aus Regierungen zusammensetzt. Der Sport dürfte den Brief wohl als Erfüllung des Kriteriums werten, die Repräsentanten der Regierungen nicht. Wada-Präsident Craig Reedie sagte in Montreal: „Auf den ersten Blick habe ich den Eindruck, wir kommen dem Anerkenntnis näher, dass es einen Fehler gab. Ich hoffe, es ist ein Wendepunkt.“

          Allerdings gibt es noch ein zweites unerfülltes Kriterium. Russland muss der Wada Zugang zum Moskauer Anti-Doping-Labor geben und damit zu gelagerten Doping-Proben und elektronischen Archiven. Dadurch könnte die Investigativabteilung der Wada an wichtige Informationen kommen. Diese könnten der Auswertung einer der Wada zugespielten Datei, die 63.000 Testergebnisse aus dem russischen Sport enthält, Beweiskraft verleihen. Was wiederum die mühsamen und selten erfolgreichen Doping-Verfahren gegen einzelne russische Sportler auf eine neue Stufe stellen würde. Russland verweigert der Wada den Zugang mit der Begründung, die eigenen Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen. In dem russischen Brief wird der ganze Komplex mit keinem Wort erwähnt.

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