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Box-Verband Aiba : Der vorbelastete Präsident

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Sein Name tauchte in Untersuchungsberichten des IOC auf: Umar Kremlew ist neuer Aiba-Präsident. Bild: AP

Ausgerechnet der Russe Umar Kremlew soll den Box-Verband Aiba reformieren – das IOC ist weiter „sehr besorgt“. Denn Kremlews Name taucht in Untersuchungsberichten auf.

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          Umar Kremlew muss sich seiner Sache als kommender Präsident des internationalen Box-Verbandes (Aiba) sehr sicher gewesen sein. Denn der 39-jährige russische Geschäftsmann hatte am Vortag seiner Wahl zu einer Online-Pressekonferenz eingeladen, die sich so las, als stünde er bereits als erster Repräsentant der Aiba fest.

          Es kam dann tatsächlich so wie von ihm und seiner PR-Abteilung kalkuliert: Der virtuelle außerordentliche Kongress der Aiba votierte mehrheitlich mit 57,33 Prozent für Kremlew. Für 86 der 155 Föderationen aus fünf Kontinenten dürften die in Aussicht gestellten finanziellen Segnungen ausschlaggebend für die Wahl Kremlews gewesen sein. Die mit gut 16 Millionen Euro Verbindlichkeiten belastete Aiba will der Mann an ihrer Spitze in den ersten sechs Monaten seiner Amtsführung entschulden. Zudem will er innerhalb von zwei Jahren 50 Millionen Dollar akquirieren, um die Aiba „handlungsfähig“ zu machen. Als Geldquellen nannte Kremlew auf Nachfrage Sponsoren und Medienverträge, ohne präziser werden zu können oder zu wollen.

          Als Generalsekretär des russischen Verbandes, langjähriges Mitglied im Exekutivkomitee der Aiba und Vizepräsident des europäischen Verbandes steht Kremlew nicht gerade für die vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) geforderte personelle Neuausrichtung des Aiba-Führungszirkels. Der Name Kremlew findet sich in Untersuchungsberichten des IOC, wenn es um die fehlende Umsetzung geforderter Reformen ging. Wegen finanzieller Misswirtschaft, Korruption und Unregelmäßigkeiten von Kampf- und Punktrichtern war der Aiba die Organisation des olympischen Boxturniers in Tokio entzogen worden. Auf den Effekt, unbelastet in den Kampf um das Präsidentenamt zu gehen und damit zu punkten, hatte der Niederländer Boris van der Vorst gesetzt, doch mit 45 Stimmen, den zweitmeisten von fünf Kandidaten, war er im vierten Wahlgang letztlich chancenlos. Am Freitag hatte Ramie Al-Masri aus Kaiserslautern „um der Sache willen“ seine Kandidatur zugunsten des Holländers zurückgezogen. „Besser, man gewinnt zusammen, als getrennt zu verlieren.“ Die Strategie unter Nachbarn ging nicht auf.

          Mit wohlfeilen Formulierungen hat die Aiba die am Wochenende erfolgte Satzungsreform kommentiert. Tatsächlich bekommt das Mitspracherecht der Basis mehr Gewicht, es gibt fortan eine Frauenquote, vor allem werden Ethik- und Disziplinarkommission fortan von einem unabhängigen Gremium eingesetzt. Doch für Al-Masri bietet die überarbeitete Satzung noch „genügend Schlupflöcher“. Sie stehe und falle mit dem Mann an der Spitze der Aiba. Kremlew erhofft sich vom „kulturellen Wandel“ eine Rückkehr in den Schoß der olympischen Familie. Also die Wiederherstellung des olympischen Status und damit die Organisation des Boxturniers in Paris 2024.

          Die Reaktion im olympischen Hauptquartier in Lausanne auf die Wahl Kremlews und seine „Regierungserklärung“ fällt äußerst verhalten aus: „Das IOC nimmt zur Kenntnis, dass Herr Umar Kremlew zum Aiba-Präsidenten gewählt worden ist. Wie bereits im Oktober zum Ausdruck gebracht, ist die IOC-Exekutive weiterhin sehr besorgt über den mangelnden Fortschritt in Bezug auf die Governance-Reformen der Aiba. Die Frage der Anerkennung der Aiba wird erst nach den Olympischen Spielen in Tokio 2020 überprüft und alle von der IOC-Exekutive und IOC-Session 2019 aufgelisteten Kriterien werden evaluiert werden, einschließlich der Wahlen.“

          Damit nicht genug der olympischen Hürden: Der Erlass einer vierjährigen Sperre für russische Sportler wegen systematischer Doping-Vergehen durch die Anti-Doping-Agentur Wada gilt auch für Sportfunktionäre. Die Sperre ist nur noch nicht rechtskräftig, weil Russlands Sportführung Widerspruch eingelegt hat. Der ehemalige Boxer Umar Kremlew hat zwar eine Wahl gewonnen, aber der Kampf um Anerkennung geht weiter. Dem neuen Präsidenten, darauf beharrt der international erprobte Kampfrichter Al-Masri, bleibe vom ersten Tag an „eine Galgenfrist“.

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