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Ringer in Iran hingerichtet : Die Schuld des Sports

Deutliche Botschaft: Protest in Berlin gegen die Hinrichtung von Ringer Navid Afkari Bild: EPA

Über Jahrzehnte haben die Mächtigen des Sports ihre Augen vor den Regelverstößen Irans verschlossen. Da verwundert es nicht, dass ihre Gnadengesuche für Navid Afkari ignoriert wurden. Was bedeutet das für die Zukunft?

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          Navid Afkari ist tot. Hingerichtet von der Islamischen Republik Iran, ohne Ankündigung und Benachrichtigung seines Anwalts. Stattdessen im Beisein der Familie des Mannes, den Afkari umgebracht haben soll: einen Mann des Systems, einen Milizionär der Bassidsch, die dem Regime die Macht auf der Straße sichern. Afkari musste sterben, obwohl alle Welt sicher war, dass er unschuldig ist; dass sein Geständnis unter Folter zustande kam. Er wurde beigesetzt im Dunkel der Nacht zu Sonntag, um Protest zu verhindern.

          Navid Afkari war Ringer, 27 Jahre alt. Vergeblich das Bemühen des Sports um sein Leben, angefangen bei Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees. Geschockt sei das IOC, hieß es in der Mitteilung vom Samstag. Bach habe beim iranischen Präsidenten, Hassan Rohani, und der höchsten Instanz im Land, Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei, auf Gnade plädiert: Bach, der Mächtigste des Sports, wurde ignoriert.

          Ein Schock? Gerade Iran mit seinen 80 Millionen Einwohnern und seiner uralten, höchst lebendigen Sportkultur zeigt, wie Einfluss der internationalen Verbände verlorenging. Weil es opportun war, die schamlos, teils auf Weisung, teils aus Eigenantrieb ausgelebten Regelverstöße Irans zu ignorieren und auszusitzen, fast immer ohne Konsequenz. Frauen dürfen nicht ins Stadion, wenn Männer spielen: über Jahrzehnte toleriert. Gegen israelische Gegner treten Iraner nicht an: zu oft hingenommen, während Nachwuchsringer von Chamenei öffentlich beschenkt werden, weil sie israelischen Sportlern aus dem Weg gingen, aus dem Weg gehen mussten.

          Viele Sportler fliehen

          So viele iranische Sportlerinnen und Sportler haben es satt, dass die Macht in ihrem Land die Regeln des Sports und ihre Freiheit mit Füßen tritt. Sie fliehen, wie der Judoka Saeid Mollaei. Wie Kimia Alisadeh, die erste Frau, die bei Olympia für Iran eine Medaille gewann, im Taekwondo 2016 in Rio de Janeiro. Wie die Schach-Schiedsrichterin Schoreh Bajat. Noch erschütternder der Fall Sahar Chodajari, die, weil sie als Fan ein Fußball-Stadion betreten wollte, ebenfalls von der Justiz verfolgt wurde, sich 2019 verbrannte. Die Spieler ihres Lieblingsklubs Esteghlal Teheran wiesen anschließend auf Chodajaris Leid hin, begaben sich in Gefahr, Repressalien zu erfahren, und mussten doch wieder ohne Zuschauerinnen spielen, ohne dass der Weltsport Konsequenzen zog.

          Längst hätten die internationalen Sportverbände ihre Regeln durchsetzen müssen. Dann hätte es die Chance auf Einfluss gegeben, als es nun um Navid Afkaris Leben ging. Sein Tod ein Schock? So zynisch es klingt: Ein Schock wäre ein Einlenken gewesen, nachdem die Macht in diesem Staat auch im Sport nach eigenen Regeln spielt.

          Und nun? Es stimmt, ein Ausschluss würde die in überwiegender Zahl systemkritischen Sportlerinnen und Sportler bestrafen. Würde iranische Sportfans strafen, die wieder in großer Zahl ihre Abscheu gegenüber den Machthabern zum Ausdruck bringen. Aber wie würde eine iranische Mannschaft bei den kommenden Olympischen Spielen wirken? Es wäre ein Auftritt von Marionetten. In Lausanne wird betont, Bach habe die Souveränität der Islamischen Republik im Bemühen um Navid Afkari respektiert. Das klingt nicht nach Konsequenzen. Der Einmarsch einer Olympiamannschaft würde die Staatsmacht bestätigen: Ihre Unmenschlichkeit hat keine Folgen.

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