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Anti-Doping-Kampf : Eine Ohrfeige für die Sportorganisationen

Richard McLaren (links) im Gespräch mit DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Bild: dpa

Mit seinen Berichten belegte Richard McLaren das systematische Doping im russischen Sport. Doch die Konsequenzen, die daraus gezogen werden, gefallen dem Rechtsprofessor nicht.

          3 Min.

          Mehr und mehr entmutigt fühle er sich, sagt Richard McLaren, durch den Mangel an Entschlossenheit des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und der internationalen Sportorganisationen. Er frage sich manchmal, ob es den Willen zur Reform im Sport überhaupt gebe.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Da spricht kein enttäuschter Zuschauer, sondern der Mann, der in zwei umfangreichen Berichten das systematische Doping im russischen Sport belegt hat, systematisches Doping von mindestens tausend Athleten mindestens von 2005 bis 2010 sowie Manipulationen bei den Olympischen Spielen von Vancouver 2010, von London 2012 und – als Gipfel – den massenhaften Austausch von Doping-Proben bei den Winterspielen von Sotschi 2014. Der Sportausschuss des Deutschen Bundestages hat ihn zu einer öffentlichen Anhörung am Mittwoch eingeladen. Seine Berichte, lobt Andrea Gotzmann, die Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), seien zum Synonym für die Aufdeckung des größten Doping-Skandals im internationalen Sport geworden.

          Er hoffe, sagt der Rechtsprofessor aus Kanada, dass diese Anhörung ein Schritt sei, durch die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen seiner Berichte vorwärtszukommen. Ihm fehlt es an Konsequenz. „Ich bin enttäuscht von dem politischen Fußball, der von allen Seiten gespielt wird“, sagt er vor der Anhörung im Gespräch. „Ich sehe den Unterschied zwischen denen, die wirklich den Willen haben, etwas zu ändern, und denen, die dies nicht wollen.“

          Andrea Gotzmann ist ganz entschieden auf seiner Seite. Das Vertrauen der sauberen Athletinnen und Athleten in das System und in die Anti-Doping-Institutionen sei erschüttert, konstatiert sie. „Dies nicht allein durch die Faktenlage, dass dieses Betrugssystem im russischen Sport existiert, sondern der Tatsache geschuldet, dass keinerlei nachvollziehbare Konsequenzen daraus gezogen werden.“

          Er nehme die Bemerkungen von Herrn McLaren – die nichts weniger als eine Ohrfeige sind – sehr positiv auf, behauptete IOC-Generalsekretär Christophe de Kepper. Nichts zu tun unterstütze nur diejenigen, die dopen wollten. McLaren sei zu Gesprächen an den Sitz des IOC in Lausanne eingeladen. Dann führte de Kepper aus, dass zwei Kommissionen über Konsequenzen aus dem Bericht berieten.

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          Die Begegnung mit de Kepper fiel McLaren nicht leicht. Der IOC-General hatte in einem Brief an IOC-Mitglieder und Verbandspräsidenten Kritik an dem McLaren-Report verbreitet, die angeblich von der Wada stamme. Darin wies er etwa darauf hin, dass McLaren die im ersten Bericht benutzte Formulierung vom staatlich unterstützten Doping im zweiten Bericht ersetzt habe durch institutionalisiertes Doping. McLaren erklärte, dass er im Gespräch mit dem russischen IOC-Mitglied Witali Smirnow erfahren habe, dass die Berufung auf den Staat nach russischer Definition bedeute, dass Präsident Wladimir Putin oder sein engster Kreis persönlich involviert gewesen seien. Da er dies aber lediglich bis zum stellvertretenden Sportminister Juri Nagornych nachweisen könne, habe er sich entschlossen, eine andere Formulierung für denselben Sachverhalt zu wählen. De Kepper habe den weitverbreiteten Brief ihm übrigens nicht geschickt und habe auch nicht geantwortet, als er, McLaren, Missverständnisse, die seinen Bericht betreffen, in einem Schreiben ausgeräumt habe.

          Thomas Bach, der Präsident des IOC, habe sich mehrmals gegenteilig zu de Keppers Brief geäußert. Bach habe ihm schriftlich zu dem Bericht gratuliert, „aber seine Organisation scheint sich nicht schnell zu bewegen“.

          Die Vorstellung, dass im Sport ein Kalter Krieg ausgetragen werde, lehnt McLaren ab. „Ich akzeptiere nicht, dass mein Report den Westen repräsentieren soll“, sagt er: „Ich habe ihn nicht im Auftrag einer westlichen Regierung verfasst, es sei denn, Sie verstehen die Wada als westliche Regierungsorganisation.“

          Der Kanadier sprach vor dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages.

          Er wäre bereit, noch einmal einen solchen Report zu erstellen, sagt McLaren, hätte er wieder die notwendige Autorität und Unabhängigkeit sowie finanzielle Ressourcen und Zeit. Doch wo fortfahren, in welchem Land, in welchem Sport? Er wisse nicht mehr als jeder Zeitungsleser, sagt der Jurist. Am Anfang der Russland-Untersuchungen habe schließlich die Läuferin Julija Stepanowa gestanden, die sich offenbart habe. Das Verhalten des IOC, der aus ihrer Heimat geflohenen Läuferin aufgrund einer Entscheidung der Ethik-Kommission des IOC den Start zu verweigern, sei keine Ermutigung für mögliche andere Whistleblowers gewesen. „Sie war niedergeschmettert“, sagt McLaren. Der Weltverband der Leichtathleten (IAAF) hätte ihr die Tür geöffnet, und dies sei blockiert worden. „Ich weiß, dass russische Athleten sie ausgelacht haben“, sagt er. „Ihnen wurde gesagt: Schaut, ihr dürft starten und sie nicht.“ Eine Whistleblowerin, die ihre Heimat verlassen musste und als Verräterin beschimpft wurde, das sei schon hart genug. „Und dann wird sie daran gehindert, das zu tun, was sie so dringend will.“

          Gleichwohl: Ob er persönlich eine russische Mannschaft an den Olympischen Spielen von Pyeongchang im nächsten Winter teilnehmen lassen oder ob er sie ausschließen würde, will McLaren nicht verraten. „Es ist nicht meine Aufgabe, diese Frage zu beantworten“, sagt er. „Es ist nicht wichtig, was ich denke. Für die Organisationen des Sports gilt: Nimm die Fakten und entscheide nach deinen Regeln.“

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