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Gastkommentar Renate Künast : Doping ist kein Fall für das Strafrecht

  • -Aktualisiert am

Sache der Sportverbände, nicht des Strafrechts: Renate Künast bezieht Stellung zum Doping Bild: dpa

Der Entwurf eines Anti-Doping-Gesetzes soll den Kampf gegen Manipulation im Sport stärken: Die Grünen-Politikerin Renate Künast erachtet das als eine ungerechtfertigte Ausweitung des Strafrechts. Sie sieht die Sportverbände in der Pflicht.

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          Mit dem Ziel, einen dopingfreien Sport zu fördern, schlägt die Bundesregierung eine Ausweitung des Strafrechts vor. Wer will schon etwas dagegen haben, dass Sport dopingfrei werden soll? Die Zuschauer? Zwar müssten sie sich wohl an geringere Leistungen gewöhnen, doch dafür würden ihre Idole nahbarer. Die Verbände? Zwar wirken realistisch anmutende Leistungen weniger spektakulär als scheinbare Superhelden, doch dafür blieben Skandale aus, und der Breitensport würde besser mit dem Spitzensport verzahnt. Die Sportler? Zwar würden die Möglichkeiten abnehmen, die eigene Leistung zu optimieren, doch dafür würden die Gesundheitsrisiken drastisch verringert.

          Strafrecht greift nur dann ein, wenn Rechtsgüter verletzt werden. Es schützt das Leben, die körperliche Unversehrtheit, die sexuelle Selbstbestimmung, die Ehre, den persönlichen Geheimbereich und vieles mehr. Das Anti-Doping-Gesetz will die „Fairness und Chancengleichheit bei Sportwettbewerben sichern und damit zur Erhaltung der Integrität des Sports beitragen“. Ist das ein verfassungsrechtliches und allgemein schützenswertes Interesse? Ich finde nicht. Zwar gibt es ein Interesse an dopingfreiem Sport. Aber dieses Interesse ist weder allgemeingültig noch von so hohem Rang wie die anderen strafrechtlich geschützten Rechtsgüter.

          Strafrecht darf nicht zweckentfremdet werden

          Wie kann „Fairness und Chancengleichheit im Sport“ ein angeblich allgemeingültiges Rechtsgut sein, wenn noch nicht einmal im Alltag Fairness strafrechtlich geschützt ist? Wer Frauen in der Arbeitswelt benachteiligt, wer in Klausuren pfuscht, der verhält sich unfair und schränkt die Chancen anderer ein. Zuweilen können die Geschädigten dafür Schadenersatz verlangen. Aber Polizei und Staatsanwaltschaft will hier doch wohl niemand einschalten. Warum soll für den Sport etwas anderes gelten? Ein dopingfreier, fairer Sport ist eine schöne Sache. Aber das Strafrecht darf dafür nicht zweckentfremdet werden. Und seine Institutionen sollten damit auch nicht belastet werden.

          Deswegen argumentiert die Regierung zudem auch, die Gesundheit der Sportlerinnen und Sportler schützen zu wollen. Das selbstverständlich ist wichtig. Doch wie passt es zusammen, wenn den Aktiven im Sport per Strafgesetz verboten wird, bestimmte Substanzen zu sich zu nehmen, allen anderen Menschen aber nicht? Ist dann die Gesundheit aller Sportmuffel weniger schützenswert? Wer sich das Champions-League-Finale nur auf dem Sofa anschaut, darf leistungsfördernde Mittelchen nehmen. Wer mitspielt, darf dies nicht. Die Selbstgefährdung ist bei beiden gleichermaßen groß. Zudem, so haben es das Bundesverwaltungsgericht und das Bundesverfassungsgericht zum Cannabiskonsum entschieden, widerspricht es dem Persönlichkeitsrecht, Behörden die Befugnis einzuräumen, den Bürgern vorzuschreiben, was er im Interesse seines Eigenschutzes zu tun hat.

          Renate ist Bundestagsabgeordnete der Grünen und Vorsitzende des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz.

          Sonderrechte müssen immer sehr gut begründet werden. Sonderstrafrecht erst recht. Nur eine ganz bestimmte Menschengruppe gezielt strafrechtlich ins Visier zu nehmen, ist in einer auf dem Gleichheitsgrundsatz beruhenden Gesellschaft erklärungsbedürftig. Unser Strafrecht kennt dies sonst für Straftaten im Amt. Aber doch bitte nicht für „Spitzensportlerinnen und Spitzensportler“, wie es die Bundesregierung nun plant. Wer ist denn Spitzensportler? Und wer, auch das ein Zitat aus dem Anti-Doping-Gesetz, erzielt „aus der sportlichen Betätigung unmittelbar oder mittelbar Einnahmen von erheblichem Umfang“? Ist das objektiv messbar, oder richtet es sich nach den individuellen Lebenssituationen der Sportler?

          Die Sportverbände sind in der Pflicht

          Klar ist: Regelmäßige Enthüllungen über Doping, also fehlende Fairness und Unfähigkeit der Kontrolle durch das System selbst, nagen am Ansehen. Der Hochleistungssport ist zu einem wesentlichen Teil ein international agierender Wirtschaftszweig geworden. Soll der Schutz dieser milliardenschweren Industrie und ihrem Interesse an gutem Ansehen nun in den Stand eines strafrechtlich zu schützenden Rechtsgutes gehoben werden? Seit an Seit mit universellen und persönlichen Werten von höchster Güte? Der Ultima-Ratio-Grundsatz des Strafrechts würde gebrochen, wenn es zur Regelung solcher Lebensbereiche benutzt würde. Denn Strafrecht ist - Achtung: Binsenweisheit! - immer nur das letzte Mittel.

          Wo eigentlich bleiben die klaren Bemühungen des Sports selbst? Es gibt Mittel, Doping einzudämmen. An erster Stelle läge dies bei den Sportverbänden. Und selbstverständlich liegt es an den Sportlern selbst, für die Doping keine ethische Frage zu sein scheint. Hier muss der Sport sich als Erstes selbst helfen, statt die Aufgabe der eigenen Imagepflege dem Steuerzahler aufzubürden!

          Reden kann und soll man über Lückenschließungen beim Sportbetrug. Wer auf einen sportlichen Wettbewerb, der den Teilnehmenden großen wirtschaftlichen Vorteil verspricht, dadurch einwirkt, dass er im Wettbewerb verbotene Mittel zur Leistungssteigerung nutzt oder als Schiedsrichter wissentlich falsche Entscheidungen trifft, der kann und sollte bestraft werden. Ich meine, Betrug im Sport ist nur bekämpfbar, wenn der Sport selbst nicht mehr wegsieht. Wir wollen keine Show mit einem angeblichen Anti-Doping-Gesetz, sondern die ernsthafte Bekämpfung des Sportbetrugs.

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