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Reaktionen auf BGH-Urteil : Pechstein: Flüchtlinge genießen mehr Rechtsschutz als Sportler

„Jeder Flüchtling, der in Deutschland einreist und registriert wird, genießt Rechtsschutz“, sagte Pechstein am Dienstag. „Aber wir Sportler nicht.“ Pechstein bleibt sich treu. Mit Niederlagen konnte sie noch nie gut umgehen. Pechstein sieht sich als Verfolgte des olympischen Systems, als Mensch zweiter Klasse. Ihr fester Glaube in die deutsche Justiz habe einen Dämpfer erhalten, klagte sie vor Fernsehkameras. Wie zu ihren früheren Gerichtsterminen war die Polizeihauptmeisterin der Bundespolizei auch vor dem BGH in Uniform erschienen. Nachdem sie sich mit ihren Anwälten besprochen hatte, kündigte Pechstein Verfassungsbeschwerde an.

Und: Künftig, sagte sie, wolle sie nicht allein ihre, sondern die Sache aller Sportler vertreten. Tatsächlich hatten Sportler in aller Welt schon auf den Ausgang dieses Verfahrens geschaut und Pechstein zu einer Art Vorkämpferin gemacht, eine Rolle, die von der 44 Jahre alten Eisschnellläuferin gerne angenommen worden war. Nun werde sie, sagte Pechstein am Dienstag, eine Sportlergewerkschaft gründen.

Geringe Chancen vor dem Bundesverfassungsgericht

Juristen, die Pechsteins Begehren wohlgesonnen sind, schätzen ihre Chancen auf einen Erfolg vor dem Bundesverfassungsgericht gering ein. Mark-E. Orth, Kartellrechtsanwalt aus München, sieht Fehler in der Prozessstrategie. „Meines Erachtens liegt im Zwang zum Abschluss einer Schiedsklausel, die Sportler vor die Schiedsgerichte zwingt, ein Verstoß gegen europäisches Kartellrecht vor“, sagt er mit Blick auf Entscheidungen der Europäischen Kommission. „Das Thema gehört vor den Europäischen Gerichtshof, aber leider hat man keinen Vorlageantrag an den EuGH gestellt. Schade - jetzt ist das Thema für ein paar Jahre tot.“ Das Urteil, glaubt Orth, entmutige Sportler, sich zu wehren. Peter Heermann, Rechtswissenschaftler aus Bayreuth mit Lehrstuhl für Sportrecht, zeigte sich vom Ergebnis „nicht unbedingt“ überrascht. Aber die Bereitschaft der Karlsruher Richter, das Übergewicht der Sportverbände bei der Ernennung der Schiedsrichter für den Cas so zu rechtfertigen, mache ihn „einigermaßen sprachlos“. „Frau Pechstein zu sagen, der Eisschnelllauf-Verband, der sie – wie sich später herausstellte – zu Unrecht gesperrt hat, vertrete die gleichen Interessen wie sie, hat für mich ein Geschmäckle.“

Der DOSB differenzierte seine Reaktion auf das Urteil. Aus sportrechtlicher Sicht begrüße er es; in dem Verfahren sei es nicht inhaltlich um die Berechtigung der Sperre von Claudia Pechstein gegangen, sondern allein darum, ob der Rechtsweg zulässig war. „Unabhängig von der Entscheidung des BGH tut es uns für Claudia Pechstein persönlich leid, dass ihr langer Kampf um Schadenersatz vor deutschen Zivilgerichten nicht erfolgreich war“, heißt es weiter. Der Präsident des DOSB, Alfons Hörmann, hatte die Athletin im Januar 2015 moralisch und sportlich rehabilitiert. „Claudia Pechstein gilt aus unserer Sicht als Opfer“, sagte er damals und nannte das Dopingurteil eine Fehleinschätzung. „Man kann nur um Entschuldigung bitten, für all das, was ihr in den vergangenen Jahren medial und psychologisch zugefügt worden ist.“ Pechsteins Kosten für den Zug durch die Instanzen, heißt es, summierten sich unter Einbeziehung der Kosten des Siegers, der ISU, nun auf 100.000 Euro.

Deren Prozessvertreter Christian Keidel sagte am Donnerstag, das Urteil „in dieser Deutlichkeit“ nicht erwartet zu haben. „Gerade in der momentanen Stimmung, nachdem der Sport sich in den letzten Jahren so sehr in Verruf gebracht hat und alle den Sport nur noch mit Betrug und Korruption und korrupten Funktionären in Verbindung bringen, ist es besonders wichtig, dass die Sport-Schiedsgerichtsbarkeit über jeden Zweifel erhaben ist. Daran sollte der Cas durchaus weiter arbeiten.“ Aber werden die Funktionäre nach diesem Triumph noch Bereitschaft zur Reform entwickeln? Von Seiten der Verbände hatte es in Erwartung einer Niederlage in der Sache Pechstein stets geheißen, man habe die Verfahrensordnung des Cas bereits reformiert.

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