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Radrennen auf der Krim : Stille Annexion

  • -Aktualisiert am

Eindeutig Ukrainer: Jehor Prymajtschek (l.) soll nach dem Willen seines Verbandes trotzdem gesperrt werden – weil er das Rennen auf der Krim gewann, dass Russland annektiert hatte. Bild: Montage F.A.Z.

Russland lässt auf der Krim ein Radrennen austragen – und Fahrer von der Halbinsel starten mit russischer Lizenz. Der Radsportverband UCI erkennt die russische Annexion der Krim an – und schweigt.

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          Jehor Prymajtschek aus Kiew erlebte im Mai einen der größten Erfolge seiner sportlichen Laufbahn. Im Kampf gegen den Russen Nikolaj Puchir entschied der junge Ukrainer, Landesmeister in der Mountainbike-Disziplin Downhill, das internationale Rennen „FreeRate DH“ in Jalta für sich. Ein großer Tag für den 21-Jährigen, eine Randnotiz für den Radsport – und ein sport- und völkerrechtlicher Skandal. Denn der Ukrainer nahm an einem Wettbewerb teil, der auf der russisch besetzten Krim unter der weiß-blau-roten Trikolore mit russischer Lizenz unter Billigung des Internationalen Radsportverbandes UCI stattfand. Seit der russischen Annexion im Frühjahr 2014 wird die Krim von Moskau aus kontrolliert, die internationale Anerkennung bleibt bis heute aus. Sie war auch sportrechtliches Niemandsland – bis jetzt. Mit der UCI hat nun erstmals ein Sportweltverband das russische Verhalten de facto legitimiert, gegen das Völkerrecht und die UN-Resolution von 27. März 2014, die die territoriale Integrität der Ukraine bekräftigte und die Ungültigkeit des umstrittenen, die Annexion legitimierenden Referendums vom 16. März 2014 unterstrich.

          Die Entscheidung der UN-Generalversammlung galt auch als Maßstab für die meisten Sportverbände, deren Funktionäre sich Gedanken über das Krim-Dilemma machen. Der europäische Fußballverband Uefa musste mehrere Monate nach der Aufnahme die Vereine von der Krim wieder aus der dritten russischen Liga ausschließen. Schließlich stimmte die Uefa der Gründung der eigenen Krim-Liga zu, die vom formell unabhängigen Krim-Verband veranstaltet wird. Es gilt als offenes Geheimnis, dass Moskau den Verband finanziert. Allerdings sucht man nach einer russischen Flagge in einem der acht Liga-Stadien vergeblich. Für den Welt-Radsportverband UCI dagegen scheint die rechtliche Lage der Krim kein Problem zu sein. Die meisten Fahrer von der Halbinsel sind 2015 mit einer russischen Lizenz gestartet – und das Rennen in Jalta wurde sogar in Anwesenheit von einem UCI-Commissaire ausgetragen. Ein in der Geschichte des Sportrechts einmaliger Vorfall.

          Ukraine wirft Moskau Fälschung vor

          „FreeRate DH“ in Jalta, seit 2013 das internationale Downhill-Rennen der ersten Kategorie, gehört nicht zum Weltcup. Trotzdem stritten die russischen und ukrainischen Radsportverbände über seine Austragung. Die Verantwortlichen in Kiew werfen Moskau vor, die Veranstaltung in Jalta „geklaut zu haben“. Der Konflikt begann im Oktober 2014, als die UCI den Wettbewerb auf der Krim in den internationalen Kalender unter russischer Flagge eintrug. „Die Russen verhandelten mit der UCI noch im Frühjahr, doch der Welt-Radsportverband weigerte sich, die nötige Zustimmung zu geben. Letztendlich fälschten sie einfach die Dokumente“, sagt Oleksandr Baschenko, der im Mai 2015 zum Präsidenten des ukrainischen Verbandes FVSU gewählt wurde. Nach seiner Darstellung gab der russische Verband FVSR ein anderes Jalta als Austragungsort an: die gleichnamige Kleinstadt im Regierungsbezirk Tula südlich von Moskau, mehr als tausend Kilometer von der Krim entfernt.

          Olga Pernazkaja, damals Direktorin des Rennens, sitzt heute im Präsidium des Krim-Radsportverbandes. Sie sieht die Situation ganz anders: „Was die Ukrainer erzählen, ist einfach Unfug. Wir haben niemals Dokumente gefälscht. Es stimmt zwar, dass ich noch im Frühjahr mit den Verantwortlichen der UCI sprach und unsere Lage erklärte. Aber sie versetzten sich in unsere Lage und ermöglichten sofort den Landeswechsel“, sagt Pernazkaja. Die Ukrainer reichten trotzdem unverzüglich eine Beschwerde bei der UCI ein. Nach F.A.Z.-Informationen erlaubte es der Weltverband den Ukrainern als Kompromiss, ein eigenes internationales Rennen zu veranstalten, obwohl die Bewerbungsfrist dafür schon im Juli 2014 abgelaufen war. In der offiziellen Pressemitteilung des ukrainischen Verbandes stand nun: „Das ukrainische Downhill-Rennen wird statt Jalta in der Westukraine stattfinden.“ Der Wettbewerb fand im westukrainischen Städtchen Pylypets statt – allerdings erst Ende August, drei Monate nach „FreeRate DH“ in Jalta. Doch auch das Rennen in Jalta sollte stattfinden. Davon bekam die Führung der FVSU allerdings nichts mit.

          Die Ergebnisliste des Jalta-Rennens auf der Seite der UCI: Mit der Kennzeichnung, dass Jalta zu Russland gehört.
          Die Ergebnisliste des Jalta-Rennens auf der Seite der UCI: Mit der Kennzeichnung, dass Jalta zu Russland gehört. : Bild: Screenshot

          Als die F.A.Z. Oleksandr Baschenko mit den offiziellen Ergebnissen des Jalta-Rennens auf der UCI-Website konfrontierte, beteuerte der FVSU-Präsident, davon nichts gewusst zu haben. Dass ein Ukrainer den Wettbewerb auf der Krim für sich entschied, überraschte Baschenko – und verärgerte den Funktionär in Kiew. „Wenn die Sportler kein Gehirn haben, dann helfen wir ihnen gerne bei der Suche. Die ukrainischen Fahrer, die in Jalta gefahren sind, werden gesperrt. Das garantiere ich als Präsident“, drohte Baschenko. Der Sportminister der Krim, Georgij Schestak, ist sich der Relevanz und der sportrechtlichen Präzedenzwirkung durchaus bewusst: „Für uns ist es ein Novum, dass auf der Krim ein internationaler Sportwettbewerb stattfindet, ein großer Schritt für die Halbinsel“, sagte er am Rande des Rennens.

          Die Organisatoren träumen nun davon, „FreeRate DH“ 2017 zum Teil des Weltcups zu machen. Die Haltung der UCI steht dem Ansinnen bislang kaum entgegen, im Gegenteil. Seit dem letzten Frühjahr gehört der lokale Krim-Verband zum russischen FVSR, worauf der Weltverband nie reagierte – ganz anders als die Uefa in Sachen Fußball auf der Krim. Die meisten Fahrer von der Krim sind seit diesem Jahr mit russischer Lizenz unterwegs. „Bis zum Ende 2014 fuhren unsere Fahrer noch unter ukrainischer Flagge, denn die Lizenz wird eigentlich für das ganze Jahr vergeben. Ab Januar 2015 ist aber alles anders“, erklärt Olga Pernazkaja. Vereinzelt gibt es noch andere Beispiele: Sergej Lagkuti aus der ukrainisch-polnischen Kolss-BDC-Mannschaft fand letztendlich die Fortsetzung seiner Karriere als Ukrainer aussichtsreicher. Trotzdem ist es keine Seltenheit, die Fahrer von der Krim in den unterschiedlichen Nationalmannschaften Russlands bei den großen internationalen Wettbewerben zu finden.

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          Ein aktuelles Beispiel – Dmitrij Markow, ein junger Fahrer aus Feodossija. Anfang September fuhr er für Russland im Junioren-Rennen bei den Straßen-Europameisterschaften im estnischen Tartu. Der Welt-Radsportverband hatte offenbar nichts dagegen. So ist die UCI wohl der erste Sportverband, der die Krim faktisch als vollständig russisch anerkannte. Das will der Welt-Radsportverband allerdings nicht an die große Glocke hängen. Die UCI ließ verschiedene Anfragen der F.A.Z. unbeantwortet. Auch der russische Verband FVSR will sich zum Thema Krim nicht äußern. Die Ergebnisliste des Jalta-Rennens ist aber auf der Website der UCI nach wie vor zu finden. Und Jalta wird dort immer noch als Teil Russlands bezeichnet. Und für Jehor Prymajtschek soll sein Erfolg unangenehme Folgen haben: Der ukrainische Verband will ihn nun sperren. Wegen Teilnahme an einem Rennen, das der Weltverband UCI bewilligte.

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