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Russischer Dopingskandal : In Putins Reich des Sports

Schulterschluss mit Sportlern: Der ehemalige Judoka Putin mit jüngeren Kameraden Bild: AP

Russlands Präsident kündigt eine eigene Untersuchung der Doping-Vorwürfe gegen russische Leichtathleten an. Generalkritik lässt er nicht gelten. Stattdessen geht er auf Werbetour.

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          In Sotschi stand das Wasser. Auf den Straßen, auf dem Flughafen. Ein Zyklon, hieß es. „Das Wetter“ soll auch dazu geführt haben, dass sich eine „Besprechung“ von Präsident Wladimir Putin mit Sportfunktionären, Trainern und Athleten verzögerte, die für Russland an den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro teilnehmen wollen. Sie fand dann laut Mitteilung des Kreml später am Abend statt. Bilder zeigen einen Monolog Putins. Eingangs sagte er lobend, die Vorbereitungen auf die Spiele sei auf „gebührendem Niveau“.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Es brauchte eine Weile, bis Putin auf das Thema kam, das derzeit den russischen und internationalen Sport umtreibt: die Vorwürfe der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) zum Doping in der russischen Leichtathletik. Richard Pound, Leiter einer Wada-Untersuchungskommission, sagte Anfang der Woche in Genf, der russische Staat habe Doping unterstützt, „daran gibt es keinen Zweifel“, das sei „wohl eine Erbschaft des sowjetischen Systems“. Der Leiter des bis Dienstag dieser Woche von der Wada akkreditierten Doping-Labors in Moskau habe regelmäßig positive Proben vertuscht, im vergangenen Dezember kurz vor einer Überprüfung 1417 davon. Berichtet wurde über eine Beteiligung des Geheimdienstes FSB. Nun droht der Ausschluss russischer Athleten von den Spielen in Brasilien.

          Sport fürs Image

          Das wäre für den Kreml eine Blamage. Dem dient der Sport dazu, Russlands Image als Weltmacht hochzuhalten. Sportliche Erfolge sind ein Instrument der Politik, um Schwächen der Wirtschaft, der Gesundheitsversorgung, des Straßenzustands in den Hintergrund treten zu lassen. Seit 1.November widmet sich ein neuer Fernsehsender namens „Match!“ ausschließlich dem Sport. Sponsoring ist seit langem ein Mittel, um Russlands Image im Ausland zu verbessern und Putin Einfluss in internationalen Sportverbänden zu sichern.

          Die russische Bank VTB war bisher einer der Hauptförderer des Weltleichtathletikverbandes IAAF, der nun über den Ausschluss der russischen Sportler befinden soll; am Donnerstag teilte die Bank mit, der Fördervertrag sei nach fünf Jahren ausgelaufen und bestritt einen Zusammenhang mit den Dopingvorwürfen. Der Gasprom-Konzern fördert die Fußballverbände Uefa und Fifa sowie die Fußballclubs Schalke 04, Roter Stern Belgrad, Zenit Sankt Petersburg und den FC Chelsea. Letzterer gehört dem Oligarchen Roman Abramowitsch, der FC Arsenal großenteils dem Milliardär Alischer Usmanow, der zugleich Präsident des Weltfechtverbandes ist.

          Die Liste einflussreicher Russen im Weltsport ließe sich fortsetzen. Sportfeiern in Russland sind Legion: 2013 die Leichtathletik-WM, 2014 die Olympischen Winterspiele in Sotschi und die Judo-WM (Putin ist Ehrenpräsident der Internationalen Judo-Föderation), in diesem Jahr die Weltmeisterschaften im Fechten und im Schwimmen, 2016 die Eishockey-WM. 2018 soll das Juwel des Weltsports in Sachen Aufmerksamkeit folgen, die Fußball-WM. Putin unterstützt den von Korruptionsvorwürfen bedrängten Fifa-Präsidenten, lobt, dass Joseph Blatter dafür plädiere, Sport und Politik zu trennen.

          Wada-Vorwürfen soll Wirkung genommen werden

          In Widerspruch dazu werden Vorwürfe an die Adresse Russlands aus dem Bereich des Sports in Moskau regelmäßig als „politisch motiviert“ abgetan. So war es zunächst auch nach Veröffentlichung des Wada-Berichts. Putins Sprecher forderte „Beweise“, bis dahin erschienen die Vorwürfe „eher gegenstandslos“. Nun wird in Moskau einerseits hervorgehoben, man werde kooperativ sein und gewissenhaft ermitteln. Andererseits äußerte etwa Witalij Mutko – Putins Sportminister, Vorsitzender des russischen Fußballverbands und Fifa-Exekutivmitglied –, der Skandal verfolge das Ziel, das russische Team zu schwächen.

          Staatspräsident unter Kampfsportlern: Wladimir Putin fühlt sich sichtlich wohl

          Vor den Sportlern und Funktionären in Sotschi versprach auch Putin eine „eigene interne Untersuchung“ sowie eine „äußerst offene, professionelle Zusammenarbeit mit den internationalen Anti-Doping-Strukturen“. Mit Blick auf „die Verantwortung“ für Verfehlungen sagte der Präsident aber, diese müsse „personifiziert“ werden, um unschuldige Sportler zu schützen.

          Das Ziel ist es, den Wada-Vorwürfen ihre Stoßrichtung gegen das Sportsystem in Russland insgesamt zu nehmen. Denn sie richten sich auch gegen Minister Mutko, aufgrund von Putins umfassender Kontrolle, die er nun in Sotschi unter Aufzählung neuer Trainingszentren und Sportobjekte im Land seit 2012 unterfütterte, letztlich aber auch gegen den Präsidenten selbst.

          Gegner werden kaltgestellt

          Der Sport ist auch Teil des Umverteilungsaspekts von Putins Machtsystem. Unternehmen seiner Weggefährten bauen die Infrastruktur für Großveranstaltungen, laut Antikorruptionsaktivisten zu Preisen weit über Marktniveau. Arkadij Rotenberg etwa, einst Putins Judo-Trainingspartner, baute in Sotschi unter anderem Straßen, Hotels und die Formel-1-Rennstrecke. Wer Widerstand leistet, läuft Gefahr, von der Justiz kaltgestellt zu werden.

          So ging es Jewgenij Witischko von der „Ökologischen Wacht im Nordkaukasus“, der sich gegen die Zerstörung der Umwelt durch Bauarbeiten für die Spiele von Sotschi eingesetzt hatte. Er wurde zu drei Jahren Straflager wegen Sachbeschädigung verurteilt. Witischko hatte ein Schild an einem Zaun angebracht, um dagegen zu protestieren, dass das dahinter liegende Anwesen des Gouverneurs der Region auf einem illegal beschlagnahmten Stück Wald errichtet worden war. Umweltzerstörungen wie diese haben in der Gegend um Sotschi auch dazu geführt, dass es mehr Überschwemmungen gibt als zuvor. Am Dienstag ordnete ein Gericht an, dass Witschiko nach Verbüßung der Hälfte seiner Strafe auf freien Fuß kommen soll.

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