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Psychische Erkrankungen im Sport : „Die Hemmschwelle ist gesunken“

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Seelische Unruhe: Beinahe jeder zehnte Sportler gab an, unter psychischen Erkrankungen zu leiden Bild: Picture Press

Immer mehr Sportler bekennen sich zu Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen zu leiden. Professor Frank Schneider über die richtige Behandlung, die falsche Wahrnehmung und den Ruck, der nach Enkes Suizid durch Deutschland gegangen ist.

          Jüngst hat die Stiftung Deutsche Sporthilfe eine Umfrage veröffentlicht, deren Ergebnisse erschreckend anmuten. Von 1154 anonym befragten Athleten gaben sechs Prozent an, regelmäßig zu dopen. Neun Prozent waren an Manipulationen von Wettkämpfen beteiligt, mehr als neun Prozent litten unter depressiven Erkrankungen. Professor Frank Schneider hat als Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Aachen viele Leistungssportler behandelt. Von Schneider, Kuratoriumsmitglied der Robert-Enke-Stiftung, ist soeben das Ratgeberbuch „Depressionen im Sport“ im Herbig Verlag erschienen.

          Nach der Sporthilfe-Umfrage litten mehr als neun Prozent der Athleten unter depressiven Erkrankungen. Haben Sie die Zahlen überrascht?

          Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft ist sehr aktiv und macht gute Sachen. Von deren Zahlen war ich nicht sehr überrascht. Im Prinzip hat jeder gesunde Mensch ein Risiko von 25 Prozent, im Laufe seines Lebens an einer schweren Depression zu erkranken. Sogar knapp die Hälfte erkrankt an irgendeiner psychischen Erkrankung. So gesehen wären zehn Prozent relativ wenig.

          Was aber hat es zu bedeuten, dass knapp 40 Prozent der Befragten keine Angaben machen wollten?

          Die hier verwendete Methode ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber in den Sozialwissenschaften gut etabliert. Die Frage dabei ist aber: Wie kann man jemanden dazu bringen, darauf zu vertrauen, dass die Daten, die man in den Computer eingibt, nicht weitergegeben werden? Aber dass viele dopen oder depressiv sind oder Burnout haben, war schon vorher klar.

          Aber es erscheint wie ein großer Schritt vorwärts, dass der organisierte Sport die Probleme der Athleten öffentlich macht.

          Ganz klar. Ich sage immer, dass ein Ruck durch Deutschland gegangen ist, nachdem Robert Enke sich 2009 das Leben genommen hat. Dass damals 50 000 Menschen bei Hannover 96 im Stadion saßen, weinten und Kerzen entzündeten, hat es nirgendwo auf der Welt schon einmal gegeben für jemanden, der sich suizidiert hat. Wir merken in der deutschen Psychiatrie und Psychotherapie, dass die Hemmschwelle, zu einer psychischen Erkrankung zu stehen, seither deutlich gesunken ist. Es vergeht kaum eine Woche, dass nicht ein Patient zu uns kommt und sagt: Ich will nicht so enden wie Enke, ich kann das wieder in den Griff bekommen.

          Was sollte ein Sportler tun, wenn er sich psychisch krank fühlt?

          Wir haben in unserer wissenschaftlichen Fachgesellschaft DGPPN ein Referat Sportpsychiatrie aufgebaut und an acht deutschen Universitätskliniken Zentren für Sportler etabliert. Dort bekommen Sportler qualifizierte Hilfe, dort arbeiten Leute, die das Umfeld der Sportler kennen. Zunächst ist eine Depression eines Leistungssportlers nicht anders als eine von einem Spitzenmanager, einem Oberbürgermeister oder einem Busfahrer. Bei Leistungssportlern ist es insofern ein wenig anders, weil zum Beispiel speziellen Trainingsplänen zu folgen ist und es Doping-Richtlinien gibt und nicht alle Psychopharmaka verabreicht werden können.

          Professor Frank Schneider ist facharzt und Direktor der Psychatrischen Uni-Klinik in Aachen

          Inwieweit ist die Behandlung durch die Richtlinien der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) eingeschränkt?

          Die meisten Mittel, die wir in der Psychiatrie verabreichen, kann ein Leistungssportler problemlos nehmen. Es gibt aber einige, die schlecht wären. Aber die Sportler schauen ja selbst bei der Nada auf der Liste nach und sehen, was geht.

          Stellt die Meldung von Psychopharmaka bei der Nada nicht eine Hürde dar, weil sich ein Sportler dadurch zu seiner psychischen Erkrankung bekennen muss?

          Es gibt tatsächlich einige Patienten, die sagen, ich möchte Medikamente, die man im Blut nicht nachweisen kann. Dann sage ich: Die haben wir nicht. Dann ist es Aufgabe des Psychiaters und Psychotherapeuten, zu verdeutlichen, dass es sich um eine Krankheit handelt wie jede andere, die Menschen kriegen können. Aber das ist nicht immer einfach vermittelbar. Es gibt natürlich noch eine Stigmatisierung . . .

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