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Olympia-Projektmanager Grewe : „Diese Aufgabe ist ein Traum“

Der Wimpel ist gesetzt – nun beginnen in Hamburg die Planungen für Olympia Bild: Imago

Am Berliner Hauptbahnhof und dem Olympiagelände 2012 in London war Klaus Grewe bereits als Projektmanager beteiligt. Im FAZ.NET-Interview spricht er über die Hamburger Pläne für 2024 oder 2028.

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          Der Erste Bürgermeister von Hamburg, Olaf Scholz, will sich bei der Olympiabewerbung seiner Stadt für 2024 an London 2012 orientieren. Sie haben das britische Olympiagelände geplant und bebaut. Sind die Konzepte ähnlich?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In beiden Fällen geht es um positive Stadtentwicklung. In beiden Fällen wird die Bevölkerung einbezogen. Und in beiden Fällen ist eine ganz wichtige Frage: Was kommt nach den Olympischen und Paralympischen Spielen?

          Aus einer Industriebrache wird ein Wohn- und Erholungsareal...

          London war keine Brache. Das Areal war nur so schlecht angeschlossen, dass Leute dort nur kurzfristig investiert und dann aufgegeben haben.

          Auch in Hamburg würden LogistikUnternehmen weichen müssen, wenn der Kleine Grasbrook in eine olympische Schatzinsel verwandelt werden sollte. Wie viel Mühe kostet das und wie viel Geld?

          Das ist eine offene Frage. Erst einmal müssen die Aufträge vergeben werden, das Ganze zu planen. Wenn wir die ersten Pläne haben, ist dies die erste Grundlage, um überhaupt zu kalkulieren.

          Klingt, als würden Sie dabei sein.

          Ich sehe das als norddeutsche Pflicht.

          Sie kennen Deutschland und seine Probleme von der Elbphilharmonie bis zum Flughafen BER: Auf hundert Millionen mehr oder weniger kommt es bei so einer Schätzung jetzt nicht an. Sind es eher sechs Milliarden Euro oder zwölf oder achtzehn?

          „Ich sehe das als Chance“: Für Klaus Grewe ist die Aufgabe in Hamburg ein Traum
          „Ich sehe das als Chance“: Für Klaus Grewe ist die Aufgabe in Hamburg ein Traum : Bild: privat

          Eine Milliarde Euro entspricht zwei Berliner Hauptbahnhöfen. Damit könnte man Griechenland aus der Patsche helfen. Ein Projekt wie eine Olympiade besteht aus Zehntausenden von Vorgängen. Das kann und darf man nicht über den Daumen schätzen.

          Können Sie nicht aus Erfahrung sagen, ob das so viel kostet wie London elf Milliarden Pfund oder das Doppelte?

          Nein, das wäre nicht seriös. Die Lehre aus den Projekten in Hamburg und Berlin, die Sie nannten, ist doch, dass jetzt in den ersten Tagen kein politischer Preis stehen darf. Er müsste ständig öffentlich korrigiert werden. Jetzt eine Zahl zu nennen, wäre so, als würde man sich von einer Sekunde auf die andere entscheiden, in einen langen Urlaub aufzubrechen, ohne jede Vorbereitung, ohne überhaupt einen Koffer gepackt zu haben. Geben Sie Hamburg die Chance zu ermitteln, was zu tun ist und welche Risiken bestehen.

          Im Herbst soll Hamburg darüber abstimmen, ob die Stadt sich eine Olympiabewerbung und Olympische Spiele leisten will. Werden Sie dann eine verlässliche Schätzung nennen können?

          Ziel ist es, jetzt sachlich und transparent zu kalkulieren, um den Bürgern Rede und Antwort zu stehen Wir jonglieren nicht mit Milliarden. Das Gelände liegt mitten im Hafen. Man muss den Zustand des Untergrunds feststellen. Man muss sehen, welche Zuwege man hat und welche man am besten nutzen kann. Wie sehen die Leitungen aus? Wir wollen nicht spekulieren, sondern rechnen.

          Was muss an Infrastruktur geschaffen werden? Soll es eine U-Bahn geben, eine S-Bahn? Im Prospekt sieht man einen Bahnhof für Sonderzüge und eine Mole für Kreuzfahrtschiffe. Wie viele Brücken sollen entstehen?

          Das wird jetzt alles besonders unter Kostenaspekten durchleuchtet. Was ist die beste, wirtschaftlichste Lösung für die Stadt.

          Sie haben an großen Projekten mitgewirkt: Berliner Hauptbahnhof, St.-Gotthard-Tunnel, Olympiagelände London. Wie sehen Sie Olympia in Hamburg?

          Das wäre ein Highlight und eine Herausforderung: ein Olympiagelände auf dem Wasser, ein entscheidender Teil der Stadtplanung, nämlich der Schritt über die Elbe. Man würde mit den Bürgern und dem Hamburger Hafen zusammenarbeiten und der Stadt einen riesigen Stadtteil hinterlassen, einen wunderschönen noch dazu. Diese Aufgabe ist ein Traum.

          Ist die Reform-Agenda des Internationalen Olympischen Komitees nachhaltig zu bauen, keine weißen Elefanten zu hinterlassen, Olympische Spiele preiswert zu machen - eine Einschränkung?

          Ich sehe das als Chance. Das Augenmerk liegt auf dem Erbe dieser Spiele. Der Erfolg Olympias wird nicht an einem bombastischen Stadion und an verschnörkelten Brücken abgelesen, sondern an dem, was die Spiele brauchen: tolle Wettkämpfe und begeisterte Zuschauer. Alles dient nur diesem Ziel. Wir brauchen eine überzeugende Stadtplanung, nicht das eindrucksvollste Olympiastadion der Welt.

          Das Stadion würden Sie wie in London nach den Spielen zum größten Teil abbauen. Würden Sie auch in Hamburg für die Konstruktion Ölrohre benutzen?

          Es wurde schon überlegt, ob wir die gebrauchten in London holen. Aber sie sind schon verkauft.

          London hatte, wie nun Hamburg, den Plan, das Stadion von 80.000 auf 25.000 Plätze zu verkleinern. In Wirklichkeit musste das Londoner Olympiastadion komplett entfernt werden zugunsten eines Fußballstadions, unter dessen Tribünen Leichtathletik-Anlagen versteckt sind. Würden Sie diesen Fehler in Hamburg vermeiden können?

          Das ist nicht richtig, wir haben umgebaut, nicht entfernt. In London haben wir den Vertrag mit West Ham United zu spät geschlossen. Sonst hätten wir am Anfang vielleicht ein bisschen mehr Geld ausgegeben, aber dann viel preiswerter umgebaut. Wir hätten zum Beispiel vorbereiten können, Logen einzuhängen. Aber Arsenal und Leyton Orient legten gegen die Vergabe Einspruch ein, und wir konnten das alles nicht vorbereiten. Die Vergabe an West Ham hat allerdings einen enormen Vorteil: Einmal pro Woche wird das Stadion benutzt. Das war ursprünglich gar nicht so geplant und ist wirklich ein Gewinn.

          Bieten temporäre Bauten die Chance für Meisterwerke der Architektur?

          Das entscheiden der Bürger und die Stadt. Wenn man sich die Bebauung der Insel als Erweiterung der Hafen-City vorstellt, ist das eine reizvolle Aussicht; sie ist ein erfolgreiches Produkt. Ob man architektonische Ikonen schaffen will, ist letztlich eine Marketing-Entscheidung. In London kann man durchaus fragen, ob die Leute nicht wegen des Mittal-Turms aufs Olympiagelände kommen oder wegen des Aquatic Centers von Zaha Hadid.

          Sie haben in London akribisch alle Risiken definiert und kalkuliert. In der Folge sind die Kosten relativ stabil geblieben, und Sie haben den Zeitplan unterboten. Was ist der Trick dieses Verfahrens?

          Fleißarbeit. Man arbeitet mit Details statt mit einer großen Zahl. Man muss jedes einzelne Projekt und Teilprojekt mit Zahlen unterlegen. Dann kann man nach Monaten und Jahren alles addieren und überblickt die Aufgabe.

          Wenn das IOC 2017 in Lima Hamburg den Zuschlag geben sollte, könnten Sie dann sofort Betonmischer in Gang setzen?

          Man wird dann als Erstes Kaimauern sichern und Teile der Insel räumen. Aber man wird vor allem in eine sehr intensive Planungsphase eintreten. Auf diese Detailplanung wird Hamburg vorbereitet sein.

          Wie groß waren die Planungskosten nach dem Zuschlag für London?

          Eine von acht Milliarden Pfund Baukosten. Vom Anteil her ist das nicht mehr als bei jedem Einfamilienhaus.

          Sie sind Mitglied der Reformkommission bei der Bundesumwelt- und -bauministerin. Wären Sie mit Olympia in der politischen Verpflichtung zu beweisen, dass Deutschland Großprojekte doch kann?

          Sie meinen: Achtzig Millionen Menschen schauen auf mich?

          Mehr. Auch das Ausland muss überzeugt werden.

          Das wäre vielleicht doch ein wenig zu viel Erwartung an einen einfachen Zimmermann. Ich glaube, dass gerade Hamburg in den vergangenen Jahren aus Erfahrung Strukturen geschaffen hat, die die Stadt in die Lage versetzen, Großprojekte zu bewältigen.

          Die Arbeit der Kommission endet, Bericht und Empfehlungen sollen Ende 2015 vorliegen. Käme Olympia als Referenz nicht gerade recht?

          Ehrlich gesagt, würde ich gern ein paar Elemente einbringen, die Reform voranbringen. Es wäre ein Reiz, daraus ein Pilotprojekt zu machen, es müssten allerdings die entsprechenden Signale aus Berlin kommen.

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