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Wer braucht Europa-Spiele? : Sportler in der Falle

  • -Aktualisiert am

Am Freitag beginnen in Minsk die Europa-Spiele. Bild: AP

Bei den Europa-Spielen geht es um Machterhaltung. Den Preis dafür zahlen aber nicht Sportpolitiker. Das Spektakel in Minsk kommt vielmehr Steuerzahler wie Athleten teuer zu stehen. Es ist überflüssig.

          Europa-Spiele. Auch das noch. Als hätte der organisierte Sport nicht genügend Veranstaltungen zu bieten. Längst ist der Überblick verlorengegangen. Und mit der wachsenden Inflation fällt der Wert in den Keller. Wen interessieren die Wettkämpfe von rund 4000 Athleten von diesem Freitag an in Minsk? Die kühlste Antwort kommt aus dem Sport selbst: kaum jemanden. So ließ sich zumindest der deutsche Tischtennis-Bund zitieren. Er schickt dennoch seine Besten. Warum? Weil diese Meisterschaften in fünf der 19 angebotenen Sportarten auf Anordnung der europäischen Fachverbände als Olympiaqualifikation dienen. Geschickt eingefädelt.

          Dieser Zwang passt nicht ganz zufällig zur Klage von Menschenrechtlern und Politikern demokratischer Parteien über die innenpolitischen Verhältnisse in Weißrussland. Da haben sich zwei gefunden. Ein Autokrat, Präsident Lukaschenka, und die Organisation der Europäischen Olympischen Komitees (EOC) gewähren sich gegenseitig Unterstützung. Das Sportfest ist ein Ladenhüter. Kaum jemand will es haben. Die für 2019 ausgewählten Niederländer gaben das Ausrichtungsrecht zurück, als sie das Desinteresse vor allem von Sponsoren feststellten.

          Wohin also? Zum nächsten Machthaber, der Sport als Imageprojekt benutzt. Nach Aserbaidschan 2015 bekommt nun Lukaschenka die Gelegenheit, sein Land von einer schönen Seite zu präsentieren: aufpoliert für ein Bühnenereignis, lächelnde, schöne, junge Menschen, Siegertypen, die auf dem Podium Erfolg und Emotion vermischen zu Urteilen, wie sie schon berühmte Vorgänger in ähnlichen Situationen formulierten: Berti Vogts sah einst vor der Fußball-WM in Argentinien keinen einzigen Gefangenen der brutalen Junta, Franz Beckenbauer in Qatar keine Zwangsarbeiter. Eine Hand wäscht die andere.

          Wem das nutzt? Vielleicht Lukaschenka, vielleicht auch den Sportpolitikern der Europäischen Olympischen Komitees. Sie versuchen, ein Gegengewicht zu den „European Championships“ verschiedener Sportarten zu entwickeln, wie sie 2018 in Glasgow und Berlin an zehn Tagen sehr viel Zuspruch erfuhren. Es geht also hier wie dort um Machterhaltung. Den Preis dafür zahlen aber nicht Sportpolitiker, sondern die Hauptdarsteller und ihre Fans.

          In diesen Tagen sollen sich mitunter kaum erwachsene Athleten zu der Frage äußern, ob ein Start in Weißrussland, dessen Machthaber notorisch gegen Menschenrechte verstoßen lässt, mit ihrem Gewissen vereinbar sein kann, während ein Boykott in einigen Fällen den Olympia-Traum platzen ließe. Infamer geht es nicht. Europäische Fachverbände haben ihre Schutzbefohlenen in eine Falle gelockt und tun nun so, als hätten sie keine Wahl gehabt.

          Vermutlich werden sich viele Sportler in Minsk über die Gastfreundschaft der Weißrussen freuen und die herausgeputzten Sportstätten würdigen. Letztlich aber sind sie nur Staffage eines gesellschaftspolitischen Spiels, das angeblich zur Öffnung des Landes führen soll. Die Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 bewegten nichts, die Winterspiele in Russland 2014 den Geheimdienst und die Doper. Das Spektakel in Minsk kommt Steuerzahler wie Athleten teuer zu stehen. Es ist überflüssig.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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