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DFB : Präsidentschaftskandidat Grindel wehrt sich gegen Kritik

Reines Gewissen: Reinhard Grindel wehrt sich gegen Vorwürfe Bild: dpa

Der kommende DFB-Präsident und ein heikler Brief des zurückgetrenenen Präsidenten Niersbach: Reinhard Grindel muss sich an mehreren Fronten rechtfertigen - und zieht sich aus dem Bundestag zurück.

          Frage an das Büro des Abgeordneten Reinhard Grindel im Deutschen Bundestag: „Ist es üblich, dass Sie journalistische Interview-Anfragen an Ihr Abgeordnetenbüro an die Pressestelle des DFB weiterreichen?“ Weniger als 24 Stunden später ist die Antwort da - gesendet vom Pressesprecher @DFB.de.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Diese Frage verstehe ich nicht, weil ich in voller Absicht und wohlüberlegt so gehandelt habe“, heißt es im O-Ton Grindel, des Mannes, den die Vorsitzenden von 21 Landesverbänden zu ihrem Präsidenten machen wollen. „Ich wollte gerade nicht, dass Anfragen von Journalisten, die sich auf meine DFB-Tätigkeit beziehen, durch meine Bundestagsmitarbeiter beantwortet werden. (. . .) Das verstehe ich unter klarer Trennung von Mandat und Ehrenamt.“

          Einflussnahme durch den DFB?

          Darum geht es: Seit dem vergangenen Wochenende schlägt sich Grindel mit einem Brief herum, der den bösen Verdacht weckt, der Deutsche Fußball-Bund habe das Mandat des Abgeordneten Grindel eingeschränkt. Anfang Juli 2013 beschwerten sich 39 Unterzeichner eines offenen Briefes, unter ihnen die beiden heutigen Grünen-Abgeordneten Ekin Deligöz und Özcan Mutlu, über den Beitrag des CDU-Abgeordneten Grindel in einer Bundestagsdebatte über Staatsbürgerschaft. Seine Haltung sei destruktiv und vorurteilsbeladen, seine Ausführungen glichen Stammtischparolen, und sein Ansatz weise rassistische Elemente auf. Es sei hochproblematisch, schrieben sie dem damaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und dessen Generalsekretär Helmut Sandrock, dass so jemand Schatzmeister im DFB-Präsidium werden solle.

          Den Vorwurf des Rassismus wiesen Niersbach und Sandrock zurück, argumentierten defensiv über demokratische Willensbildung und das Engagement von Grindel für Integration durch Fußball und schreiben dann einen Satz, der den jüngst vom Schatzmeister zum Präsidentschaftskandidaten des DFB aufgestiegenen Grindel beschädigen könnte. Zwischen ihnen und Grindel sei „vereinbart, dass er zukünftig parteipolitisch umstrittene Themenfelder nicht in den Mittelpunkt seiner politischen Arbeit stellen wird, sondern sich viel mehr sportpolitischen Fragestellungen zuwenden wird.“ Der künftige Schatzmeister des DFB, nur so ist das verstehen, trage als Abgeordneter einen Maulkorb.

          Man kann sich kaum vorstellen, dass der Präsident des größten Sportverbandes der Welt und ein frei gewählter Abgeordneter derart nonchalant Artikel 38 des Grundgesetzes mit Füßen treten, nach dem Abgeordnete Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen sind. „Absurd“ nennt Grindel die Interpretation. Eine solche Vereinbarung gebe es nicht. Der DFB habe die Unterstellung zurückweisen wollen, dass er sein Amt parteipolitisch missbrauchen könnte.

          Grindel rechtfertigt sich

          Einen Schnitt sieht dagegen Mutlu seit jenem Sommer bei Grindel und seiner Ausübung des Mandats. „Er hat sich weniger zu den Themen Asyl und Integration geäußert und ist stellvertretender Vorsitzender des Sportausschusses geworden“, konstatiert er. „Ich halte die Doppelrolle als Schatzmeister und Bundestagsabgeordneter sowie sein bisheriges Verhalten für verfassungsmäßig kritisch und frage, ob er geeignet ist, den DFB zu führen.“

          Grindel, 54 Jahre alt, Jurist, Journalist und seit 2002 hauptberuflich Politiker, ist auf dem Sprung in eines der bedeutendsten Ämter in Deutschland. Schon als Schatzmeister trägt er Verantwortung für ein Budget von rund 200 Millionen Euro und etwa noch einmal so viel an Rücklagen. Als erster Mann des deutschen Fußballs wird er eine Bedeutung in Deutschland und der Welt gewinnen, wie sie wenige Staatssekretäre und nicht einmal jeder Minister hat.

          Doch natürlich hat der frühere Journalist Niersbach in seinem Brief nicht eine absurd falsche Behauptung aufgestellt. Grindel hatte Sorge, als Rechtsaußen dazustehen; entsprechend beschwichtigend dürfte er mit dem damals mächtigsten Mann im deutschen Fußball gesprochen haben. Heiße politische Themen wurden, jedenfalls im Parlament, für Grindel in der neuen Legislaturperiode nur deshalb weniger, darauf beharrt er, weil er sich von der Arbeit im Innen- auf die im Rechtsausschuss verlegte.

          Enthaltung aus dogmatischen Gründen

          Für sein Engagement bei der Neufassung des Gesetzes zur Bekämpfung von Korruption lobte ihn während der letzten Lesung im Plenum vor vier Wochen der Koalitionspartner. Umso mehr schmerzt Grindel der Vorwurf, aus seiner Enthaltung bei der Verabschiedung des Gesetzes gegen die Bestechung von Abgeordneten (§108e StGB) vor anderthalb Jahren lasse sich eine laxe Haltung gegenüber Korruption ableiten, insbesondere bei der bevorstehenden Aufarbeitung des Skandals um die 6,7 Millionen Euro außerhalb des Budgets der WM-Organisatoren 2006.

          Das Gesetz sei nicht ausreichend bestimmt, kritisiert Grindel. Er habe aus dogmatischen Gründen die Zustimmung verweigert. Bei der Erarbeitung des Anti-Doping-Gesetzes - dem Deutschen Olympischen Sportbund ein Dorn im Auge - und dem vom DFB gewünschten Gesetz gegen Spielmanipulation engagierte sich Grindel an vorderster Front. Auch dies mag eine Erklärung für den skandalösen Ausrutscher in Niersbachs Brief vom Sommer 2013 sein. Da machte sich Grindel auf, in der vermeintlich zweiten Reihe des parlamentarischen Betriebs sein Profil zu schärfen und sportpolitisch Gewicht zu gewinnen. Nun, das hat er gleich nach seiner Nominierung als Kandidat versprochen, zieht er sich aus dem Sportausschuss zurück und wird, sobald er Präsident@DFB ist, sein Mandat aufgeben. Mehr kann man nicht verlangen.

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