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Platini und die Ukraine : Funktionär in kurzen Hosen

  • -Aktualisiert am

„Ich mache keine Politik, ich mache Fußball“: Michel Platini Bild: dpa

Der Uefa-Präsident Platini will sich nicht zu den Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine äußern - weil er keine Politik mache, „sondern Fußball“. Doch das ist zu pragmatisch gedacht. Platini sollte es um mehr gehen als um den Sport.

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          Wer hat sich noch nicht über Sportpolitiker geärgert, die wortreich nichts sagten, die Aussagen hinter geschliffener Rhetorik versteckten, bis sie nicht mehr zu entdecken waren? Michel Platini ist anders, ganz anders. Aber ist er deshalb besser? Der Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa) hätte deutlicher nicht werden können, als er in einem Interview die unpolitische Haltung seines Verbandes gegenüber dem Co-Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft, der Ukraine, verteidigte.

          Das 56 Jahre alte französische Fußballidol wies den deutschen Nationalspieler Philipp Lahm in die Schranken. Der hatte es gewagt, auszusprechen, was ihm der gesunde Menschenverstand eingegeben hatte: „Platini sollte für die Uefa Stellung beziehen, was er von den Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine hält.“ Platini konterte, als liefe er immer noch in kurzen Hosen dem Ball hinterher: „Lahm ist nicht mein Chef. Ich mache keine Politik, ich mache Fußball. Wenn ich Politik machen wollte, würde ich in die Politik gehen.“

          Allzu pragmatisch gedacht

          Am Stammtisch würden solche Aussagen goutiert, gerade auch im Fernsehen. Aber als Führungsfigur des Europäischen Fußballs sollte man staatstragender daherkommen und sich der gesellschaftspolitischen Bedeutung des Sports bewusst sein. Es ist allzu pragmatisch gedacht und gehandelt, seinen Geschäftspartner, den ukrainischen Fußballverband, unter allen Umständen zu schützen. Platini sollte sich seiner Möglichkeit bewusst sein, auf das politische Leben in der Ukraine Einfluss nehmen zu können.

          Der Franzose hat seine starken Worte gesetzt, ohne unter großem Druck zu stehen. Niemand hat von ihm verlangt, die EM mit einem Boykott zu bedrohen oder konkrete Forderungen an die ukrainische Regierung zu stellen. Es hätte genügt, wie es DFB-Präsident Niersbach getan hat, grundsätzlich die Einhaltung von Menschenrechten zu fordern und so zu betonen, dass man nicht stillschweigend über die ukrainischen Verhältnisse hinwegsieht. Platini hat die Chance verpasst, der Demokratie in der Ukraine eine Steilvorlage zu geben.

          Der Franzose gilt als Gegenentwurf zu Joseph Blatter, dem Präsidenten des Internationalen Fußballverbandes (Fifa). Viele sehen in ihm den richtigen Nachfolger, um der Fifa zu mehr Demokratie und transparenteren Strukturen zu verhelfen. Denn Platini ist unabhängig und verfolgt keine persönlichen Ziele. Er ist so ziemlich der uneitelste Fußballfunktionär, den man sich vorstellen kann. Er liebt nicht sich, sondern den Fußball. Platini will, was er zum Wohle des Spiels für das Beste hält. Aber für einen Uefa-Präsidenten, und stärker noch für einen Fifa-Präsidenten, geht es nicht mehr allein um Fußball.

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