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Paralympics mit Russen : Ein Mantel für Putins Krieg

Andrew Parsons, der Präsident des IPC Bild: AFP

Das IPC lässt russische und belarussische Sportler zu den Paralympics zu und wünscht sich, dass sich nun alle auf den Sport konzentrieren. Wie soll das funktionieren, wenn Putins Überfall nicht mal Krieg genannt wird?

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          Man konnte sich über die Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), russischen und belarussischen Sportlern die Teilnahme an den am Freitag in Peking beginnenden Paralympics zu ermöglichen, schon empören, ohne die begleitende Pressemitteilung bis zum Ende gelesen zu haben. Karl Quade, der Chef de Mission der deutschen Paralympics-Delegation, schämte sich zutiefst.

          Vielleicht hatte er zuvor gelesen, was die Internationale Biathlon-Union mitgeteilt hatte, anlässlich ihrer Entscheidung, russische und belarussische Sportler von ihren Wettkämpfen auszuschließen: Die IBU bestätigte den Tod von Jewhen Malyschew, eines Nachwuchs-Biathleten. Geboren im Jahr 2002, gefallen im Alter von 19 Jahren, in den Tod gebombt in der Nähe von Charkiw, bei der Verteidigung seiner ukrainischen Heimat gegen die russischen Invasoren.

          Die bislang im Krieg getöteten Sportler, davon muss man ausgehen, werden nicht die letzten ukrainischen Athleten sein, die Putin auf dem Gewissen hat. Und doch wurde einige Stunden später klar, dass Andrew Parsons, der Präsident des IPC, und dessen Vorstandsmitglieder durch das Scheunentor treten, das ihnen am Montag vom Internationalen Olympischen Komitee aufgesperrt worden war, um Russen und Belarussen an den Spielen von Peking teilnehmen zu lassen.

          Punkt Zwei jenes Beschlusses der IOC-Exekutive las sich am Montag schon so, als sei er für die Paralympics verfasst worden: Eigentlich sollten Russen und Belarussen von der Teilnahme an Sportwettkämpfen abgehalten werden. Aber wo die Zeit dränge, sei darauf zu achten, dass sie nicht als Russen und Belarussen an den Start gingen.

          Und exakt so entschied das IPC – unter Verweis darauf, dass dies nun wirklich die härteste Sanktion sei, die das eigene Regelwerk zulasse. Und garniert mit den Entscheidungen, dem russischen Sportpolit-Personal von Putin bis zu den Paralympics-Organisatoren von Sotschi analog zum IOC die olympischen Orden abzuheften. Auf der Pressekonferenz, die das IPC am Mittwochabend in Peking folgen ließ, kondolierte Parsons den Eltern von Jewhen Malyschew. Russland sei der „Aggressor“.

          Blanke Missachtung der ukrainischen Opfer

          Doch die Begriffe Krieg, Invasion und Überfall werden in der Pressemitteilung vom IPC nicht verwendet. Stattdessen der Rückgriff auf die „grobe Verletzung“ des „olympischen Waffenstillstand“. Ein Begriff, der hier, im gemeinten, aber nicht ausgesprochenen Zusammenhang mit Putins kriegerischem Morden, der sportpolitischen Bemäntelung der russischen Verbrechen dient.

          Noch weiter geht Jitske Visser, die Vorsitzende des IPC-Athletenrats. Es gebe unter den rund 650 Sportlerinnen und Sportlern in Peking nun mal unterschiedliche Ansichten „seit Beginn dieser Krise“ – Visser verwendet tatsächlich: Krise. Nicht: Krieg – und es sei ihre Aufgabe, diese Ansichten zusammenzufassen. Und: „Ich hoffe, da es nun eine Entscheidung gibt, dass wir uns wieder auf den Sport konzentrieren können, weil sich unsere Gastgeber und viele Sportler seit einigen Jahren darauf vorbereiten.“

          Abgesehen davon, dass das aus dem russischen Sportministerium kaum anders geklungen hätte, abgesehen von der blanken Missachtung der ukrainischen Opfer des Krieges, die darin zum Ausdruck kommt: Parsons, Visser, das gesamte IPC stellen mit ihrer Entscheidung sicher, dass sich bei diesen Paralympics niemand allein auf den Sport konzentrieren kann.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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