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Beginn der Paralympics : Spiele mit Bedeutung

  • -Aktualisiert am

Könnte wohl den Olympiasieger im Weitsprung schlagen: Prothesenspringer Markus Rehm Bild: dpa

Es geht auch in Tokio um mehr als Gold und Silber: Schon ein Bild, eine Geschichte vom Überwinden der Hindernisse erzählt, warum Paralympics vorerst wichtiger als Sommerspiele sein können.

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          Als hätten die Japaner keine anderen Sorgen in Tokio. Jetzt also noch die Paralympics. Dabei steigt die Zahl der mit Corona infizierten Bewohner der Metropole täglich. Nachrichten von positiv Getesteten im Paralympic-Tross scheinen die Haltung von Kritikern zu bestätigen: Muss das denn sein?

          4400 Athleten einzufliegen aus aller Welt erhöht das Risiko für die Bevölkerung, selbst wenn sich Sportler, Trainer, Betreuer und Funktionäre wie vor ihnen die Teilnehmer der Olympischen Spiele in einer Blase aufhalten müssen. Garantien gibt es nicht. Aber auch keinen Anlass, die Gefahr nach den weitgehend problemlos organisierten Sommerspielen mit mehr als doppelt so vielen Sportlern zu überhöhen. Man muss kein Rechenexperte sein, um bei der Kalkulation von Risiko und Chance zu diesem Urteil zu kommen: Paralympics sind unverzichtbar.

          Aufgeladen mit einer Botschaft

          Das ist noch keine gute Nachricht. Weil sie verdeutlicht, wo wir 2021 stehen. Offenbar immer noch staunend am Anfang einer Erkenntnis: Unfassbar, was Menschen mit einer Beeinträchtigung zu leisten imstande sind! In Deutschland mag sich diese Sicht mehr oder weniger durchgesetzt haben. Aber sie bildet nur den Beginn für das, was nottut. Die Menschen, wie unvollkommen sie alle sein mögen, auch ohne Sprung auf den Olymp zu respektieren.

          Das ist weder in Deutschland noch in Europa ausreichend der Fall, ganz zu schweigen von der Auffassung in anderen Ländern oder Kontinenten, wo Beeinträchtigungen mitunter noch als Gottesurteil betrachtet und Menschen deshalb ausgegrenzt werden.

          Die Paralympics werden aufgeladen mit einer Botschaft, die weit über den Versuch des Einzelnen, seine Grenzen auszuloten und sie zu erweitern, hinausstrahlt. Auch in Tokio geht es um mehr als um Gold und Silber. Die gesellschaftspolitische Bedeutung der Spiele zwingt die Athleten, nicht nur für sich selbst zu kämpfen. Kaum ein Interview vergeht, in dem nicht nach dem großen Zusammenhang gefragt wird und in den Antworten zum Ausdruck kommt.

          Die von der Politik, von Funktionären, von der Gesellschaft geforderten übergeordneten Erklärungen klingen wie angelernte Rechtfertigungsreaktionen. Sie sind immer noch dringend nötig, weil es sonst die Unterstützung etwa für einen Markus Rehm als famosen Weitspringer mitsamt seiner Unterschenkelprothese kaum gebe würde. So weit, wie der Deutsche springt, ist die Inklusion in seiner Heimat bei Weitem nicht.

          Paralympics, werden die Wettbewerbe wahrgenommen, wirken auf das Zusammenwachsen der Menschen vermutlich an einer Bruchstelle besonders intensiv. Es ist kein Zufall, dass die Japaner zwar das gemeine Publikum aus den Stadien halten, aber die Tribünen explizit für Schulklassen öffnen werden. Die Kinder könnten einen Rehm zu Gesicht bekommen, der bei guter Form in der Lage ist, den jüngsten Olympiasieger aus Griechenland zwanzig Zentimeter hinter sich zu lassen.

          Unabhängig von der leidigen Diskussion, ob die Feder unterhalb seines Knies ihm in einem lächerlich winzigen Moment seines Lebens einen Vorteil bietet, sind die Bewegungen des Deutschen faszinierend; so wie die geschickten, strategischen Spielzüge der Rollstuhl-Basketballer oder die Schnellkräfte Kleinwüchsiger.

          Man muss nicht gleich das große Bild im Kopf haben, um zu verstehen, was in Tokio geleistet wird. Schon ein Bild, eine Geschichte vom Überwinden der Hindernisse erzählt, warum Paralympics vorerst wichtiger als Sommerspiele sein können.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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