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Olympische Spiele : Mit stumpfen Waffen für den Frieden

Stavros Lambrinidis arbeitet an nichts Geringerem als am Weltfrieden.. Einem Weltfrieden, gültig jeweils für die Zeit von Olympischen Spielen. Seit Jahrzehnten schon bemüht sich das Internationale Olympische Komitee beharrlich um dieses Ziel - mit mäßigem Erfolg.

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          Stavros Lambrinidis weiß, worauf er sich da eingelassen hat. "Unsere Arbeit ist ein Marathonlauf, kein 100-Meter-Sprint", sagt er. Und selbst das ist reichlich optimistisch. Denn Lambrinidis arbeitet an nichts Geringerem als am Weltfrieden. Einem zeitlich begrenzten Weltfrieden, gültig jeweils für die Zeit von Olympischen Spielen. Seit Jahrzehnten schon bemüht sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) beharrlich um dieses Ziel - mit mäßigem Erfolg. Nie aber war das Bemühen so intensiv wie nun vor den Spielen in Athen. Denn mit der Heimkehr der Spiele sollen auch die antiken Traditionen Olympias wieder neu belebt werden - wie die olympische Waffenruhe, mit der es allerdings auch damals nicht so richtig klappte.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Nichtsdestotrotz hat das IOC im Juli 2000 mit Hilfe der griechischen Regierung das Olympic Truce Centre (OTC) gegründet. Seine Mission: die Idee des olympischen Friedens in die Welt tragen. Sein Direktor: Stavros Lambrinidis. "Vieles von dem, was vor ein paar Jahren noch romantisch erschienen sein mag, ist nun Realität geworden", versichert er und zählt die Errungenschaften auf: die neue Resolution der Vereinten Nationen zur Unterstützung der Waffenruhe, die die Generalversammlung im November vergangenen Jahres mit Rekordzustimmung angenommen hat; die Liste der knapp 400 Führungsgestalten aus Politik, Religion, Kultur und Sport, die sich mit ihrer Unterschrift verpflichtet haben, den Appell zu fördern und nach Möglichkeit in ihren Ländern einzuhalten. Darunter sind Papst Johannes Paul II., Nelson Mandela, Kofi Annan und die Außenminister Rußlands, Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands. Nicht aber jener der Vereinigten Staaten.

          Ein Comic als jüngst Initiative

          Und da sind auch noch die ständigen Verhandlungen mit Diplomaten und ranghohen Regierungsvertretern sowie die lokalen Projekte mit Nationalen Olympischen Komitees in Konfliktgebieten wie Burundi und Kolumbien. Ende Februar schließlich startete das OTC seine jüngste Initiative, ein Comic-Buch für Jugendliche von dreizehn bis achtzehn Jahren, das die olympischen Ideale in einer kräftig mit Göttern und Mythen gewürzten Geschichte aufbereitet. Das Buch erscheint in sieben Sprachen und wurde von der Unesco für Schulprojekte in mehr als fünfzig Ländern übernommen - eine Art Basisbewegung, so Lambrinidis, "weil der Druck auf Politiker und Diplomaten auch von unten kommen muß". Kern des Olympia-Comics ist die "ekecheiria", der "Gottesfrieden", der in der Antike mehr als ein Jahrtausend lang den friedlichen Ablauf der Spiele gewährt hat. Er sollte Zuschauern und Athleten die unversehrte Anreise sichern und verbot für die Zeit der Spiele einen Waffengang gegen ihren Ausrichter, den Stadtstaat Elis.

          Beim Versuch des IOC, daran in der Neuzeit anzuknüpfen, erfuhr die Tradition eine gewisse Eigendynamik: Aus dem zeitlich und räumlich begrenzten Frieden der Antike wurde das Bestreben, weltweit die Waffen schweigen zu lassen. Schon aus der Antike aber wurde über gelegentliche Störungen des damaligen "kleinen" olympischen Friedens berichtet; und so war es kein Wunder, daß der hehre Ruf des IOC bei den modernen Kriegsherren meist ungehört verhallte. Der heftigste Schlag ins Gesicht war die Mörsergranate, die 1994 auf dem Marktplatz von Sarajevo 68 Menschen tötete - am ersten Tag des für die Spiele in Lillehammer ausgerufenen Waffenstillstands. Und auch der amerikanische Präsident Bush ließ sich vor zwei Jahren von den olympischen Traditionen nicht dazu bewegen, während der Winterspiele in Salt Lake City das Bombardement Afghanistans auszusetzen.

          Eine sportliche Bewegung

          "Wir sind eben die olympische Bewegung, nicht die Vereinten Nationen", sagt Lambrinidis. "Wir sind eine sportliche, keine politische Bewegung." Das macht es leichter, Unterstützung und Anerkennung zu finden - und erschwert es, Druck auszuüben und zu Ergebnissen zu kommen. "Die olympische Bewegung hat keine Waffengewalt", so Lambrinidis, "wir können den Frieden nicht aufzwingen, wir können ihn nur anregen." Und schon das erweist sich als schwer genug. Denn anders als bei den Stadtstaaten des antiken Griechenlands fehlt eine gemeinsame Basis von religiösen und kulturellen Werten. Im Gegenteil: Häufig sind es gerade weltanschauliche Gegensätze, die den bewaffneten Konflikten zugrunde liegen. Lambrinidis weiß, das Kämpfen wird vor Athen nicht von einem Tag auf den anderen aufhören. Wie ernst auch die Veranstalter die Bedrohung durch Gewaltakte nehmen, zeigen ihre umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen. "Wir behaupten nicht, das Zauberwort für das Ende aller militärischen Aktionen gefunden zu haben", sagt Lambrinidis.

          Auch der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach warnt davor, den Aufruf zu einer internationalen Waffenruhe zu überschätzen: "Wir dürfen nicht in dem Glauben leben, daß der Waffenstillstand morgen den Frieden auf Erden herbeiführen wird." Vielmehr soll er Kriegsparteien ein Innehalten ermöglichen, ein zeitweiliges Aussetzen der Kampfhandlungen, das mit Hilfe der Vereinten Nationen dann vielleicht in einen dauerhaften Frieden überführt werden kann. Der gemeinsame Einmarsch der Teams von Nord- und Südkorea in Sydney, der sich in Athen wiederholen wird, ist da nur ein erster Schritt. Das IOC jedenfalls will sich weder durch weitere Rückschläge noch durch die Vorhaltung, in Wahrheit nur nach dem Friedensnobelpreis zu schielen, von seiner Vision abbringen lassen. "Das Ziel", versichert Bach, "ist wichtig genug, um nichts unversucht zu lassen."

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