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Spiele in der Krise : Die Stunde der Wahrheit für Olympia

Damit die Olympischen Ringe nicht an Glanz verlieren, braucht es einige Verbesserungen. Bild: AFP

Siegerehrungen als Farce, zehn Klatschen aus dem Volk, ein Idol unter schwerem Verdacht – Olympia ist in der Krise, nur das IOC weiß es noch nicht. Nun gibt es eine Idee zur Schadensbegrenzung.

          Braucht die Welt noch Olympische Spiele? Klar, sagen Sportler, die einen Traum leben wollen. Natürlich, sagen Fernsehkonsumenten, die sich an Grenzleistungen und Heldentaten ergötzen. Unbedingt, sagen Politiker, die sich Sorgen machen um die Konflikte in der Welt: Der Sport ist eines der wenigen globalen Gesprächsthemen. Hier kann sich eine Nation auf friedlichem Weg profilieren. Dringend, meinen Mediziner, die alarmiert sind von der weltweiten Fettleibigkeit. Absolut, erklären Sponsoren, die ein Medium für ihre Werbebotschaften suchen. Ja, sagen Sportverbände, die von den Olympia-Einnahmen leben. Sicher, erklären Fernsehanstalten, die sich garantierte Einschaltquoten versprechen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Ein vielstimmiges Ja also zu Olympia? Das war einmal. In jüngster Zeit verlieren die traditionellen Botschaften der Spiele zunehmend ihre Wirkung. Mit erschütternder Regelmäßigkeit ertönen Neinstimmen von potentiellen Gastgebern aus der aufgeklärten Welt. Das Elend begann im März 2013, als die Wiener sich von möglichen Winterspielen 2022 per Volksabstimmung abwandten. Im November 2013 endete die Bürgerbefragung in München negativ. Im Januar 2014 zog der Stadtrat von Stockholm zurück, im Mai folgte Krakau (Volksabstimmung), im Juni Lemberg (politische Lage). Im Juli 2015 verzichtete Boston mangels Rückhalt in der Bevölkerung auf die Bewerbung für die Sommerspiele 2024, im November folgte Hamburg (Bürgerbefragung), im September 2016 Rom (der Magistrat entzog die Unterstützung) und im Februar 2017 Budapest (eine Volksabstimmung drohte negativ auszugehen). Graubündens Bevölkerung verweigerte sich, ebenfalls im Februar, schon zum zweiten Mal. Nimmt man einmal Lemberg in der Ukraine aus, dem die Kraft fehlte, so erhielt das Internationale Olympische Komitee (IOC) zehn Klatschen aus Demokratien, die man nicht einfach geschlossen als ignorant bezeichnen kann.

          Das IOC in den Armen von Diktaturen

          Angeblich, so formuliert es IOC-Präsident Thomas Bach sinngemäß, wissen die Leute dort einfach nicht, wie segensreich Olympische Spiele für eine Region sind – und bei klugem Wirtschaften können sie das ja auch sein. Seiner Meinung nach haben jeweils politische Störgruppen von außen die Bevölkerung aufgewiegelt. Aber bei zehn Ohrfeigen kann das nicht das ganze Phänomen sein.

          Bachs gefeiertes Reformwerk „Olympische Agenda 2020“ hat in dieser Hinsicht seine Wirkung verfehlt. Das IOC scheint nicht begreifen zu wollen, dass viele freie Gesellschaften offensichtlich genug haben von dem ganzen Theater. Wieso das so ist? Vielleicht, weil die Menschen durch das Internet viel nachhaltiger über all die dunklen Geschäfte, Doping-Skandale, Korruption und sportpolitischen Ungereimtheiten informiert sind. Und weil sie lange genug ein Illusionskonstrukt toleriert haben, das den realen Erfahrungen schon immer widersprach. Die sportlichen Großtaten überstrahlten stets die Kritik. Schluss mit Scheinheiligkeit, sagen die Leute nun immer häufiger. Jetzt ist die Stunde der Wahrheit.

          Der Rückzug der Demokratien trieb das IOC in die Arme zweier Diktaturen: Für die Vergabe der Winterspiele 2022 blieben nur Almaty in Kasachstan und Peking übrig. Dass der Tross in die schneelose Außenwelt von Peking ziehen wird, empfinden gerade Sportler als absurd. Außerdem kann das IOC froh sein, dass die Umsetzung des Beschlusses, künftig Olympia-Gastgeber auf die Menschenrechte zu verpflichten, erst später fertig wurde. Los Angeles und Paris, die letzten Kandidaten für die Sommerspiele 2024, werden damit kaum Probleme haben. Glück gehabt, IOC?

          Zur Schadensbegrenzung wird nun sogar eine Doppelvergabe der Spiele 2024 und 2028 immer wahrscheinlicher. Denn mit einem Scheitern von Paris, das sich zum dritten Mal bewirbt, wäre Europa auf Jahre hinaus verloren für das IOC. Und mit Los Angeles würden wohl auch die Vereinigten Staaten dauerhaft aus dem Bewerberzirkel aussteigen. Das könnte aber fatale Folgen haben: 2020 laufen die Verträge mit sechs amerikanischen Hauptsponsoren aus. Es geht schätzungsweise um insgesamt 600 Millionen Dollar pro Vier-Jahres-Periode.

          Gegengift gegen die Gier der Funktionäre?

          Die niederschmetterndste Nachricht von allen kam erst vor knapp zwei Wochen. Da wurde bekannt, dass Frank Fredericks, der einst glorreiche Sprinter aus Namibia, in eine anrüchige Finanztransaktion verwickelt ist und unter Verdacht steht, bei der Vergabe der Spiele 2016 an Rio de Janeiro seine Stimme verkauft zu haben. Er ist Gegenstand von Ermittlungen der französischen Staatsanwaltschaft, auch die Ethikkommission des IOC untersucht den Fall. Fredericks ist von seinen wichtigsten IOC-Ämtern zurückgetreten. Die Mitgliedschaft hält er aufrecht.

          Egal, wie die Geschichte ausgeht: Mit Fredericks bröckelt eine der Säulen der olympischen Selbsterklärung. Gesunder Geist in gesundem Körper? Spiele der Athleten? Die Sportler als ethisch-moralisches Gegengift gegen die Gier der Funktionäre? Wenn einer wie Fredericks wirklich seine Stimme verkauft haben sollte, wäre das olympischer Hochverrat. Mit vier Silbermedaillen war er ein herausragender Sprinter, als Athlet aus dem kleinen Namibia zwischen all den hochgerüsteten Sportnationen war er besonders beliebt. Als oberster Athletensprecher im IOC verkörperte er zur fraglichen Zeit alles, wofür das IOC stehen will. Als 1999 der Korruptionsskandal um Salt Lake City die Organisation erschütterte, wurde 15 Athletenvertretern Sitz und Stimme im IOC gewährt. Die Sportler gaben dem als partiell käuflich entlarvten Zirkel seine Legitimation zurück.

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          Am Fall Fredericks wird besonders klar, was die Sportnation Norwegen zuletzt so aufregte am IOC. Wieso sollten selbstbewusste Delegierte eines Bewerbers vor Funktionären den Bittsteller geben, die sich nach vorne wie eine pädagogisch wertvolle Weltelite gebärden und hinten die Hand für Bestechungsgelder aufhalten? Dass die öffentliche Häme im Fall Fredericks nicht schärfer ausfällt, verdankt er lediglich dem Glanz seiner einstigen Sportlerkarriere.

          Der Fall Fredericks ist aber nur der Gipfel eines Scherbenhaufens. Es stimmt ja: Das IOC zahlt einem Olympia-Veranstalter einen Zuschuss von bis zu 1,5 Milliarden Dollar, so dass sich die reinen Spiele überall rechnen – auch in Sotschi 2014 und in Rio 2016 taten sie das. Doch dazu kommen Milliarden für Infrastruktur-Maßnahmen und in den anfälligen Ländern, die nach dem Rückzug der seriösen Industrienationen übrig bleiben, die immensen Korruptionskosten. Dass Rio 2016 alle Verpflichtungen gegenüber dem IOC erfüllen musste, während ganz Brasilien pleiteging, war nichts anderes als die Erfüllung von Verträgen. Aber ein grausames Schauspiel, das zögerliche Bewerber negativ beeinflusst haben dürfte. Und dass die Winterspiele 2014 in Sotschi astronomische 50 Milliarden Dollar kosteten, grub sich ins Gedächtnis der Zweifler.

          IOC-Nachtests als Schuss ins eigene Knie

          Auch die große Anti-Doping-Show des professionalisierten Leistungssports zieht nicht mehr wie einst. Olympia, das sich in seinem Wertekanon als Schule des Fair Play hinstellt, hat eine jahrzehntelange Tradition im absichtlichen, mit krimineller Energie betriebenen Betrug. Auf diesem Gebiet hat das IOC unter Bach sogar Fortschritte gemacht. Durch die breit angelegten Nachtests der gelagerten Proben von Peking 2008 und London 2012 kamen bisher 101 positive Fälle zutage, 38 Medaillengewinner von Peking und bis dato 19 von London wurden entdeckt. (Die Dunkelziffer dürfte aber schon deshalb groß sein, weil die Labore nur das finden können, wonach sie auch suchen.) Die Erkenntnis daraus: Viele Siegerehrungen von damals waren ein Witz. Viele Ergebnislisten sind Makulatur. Jeder sieht jetzt, welche Farce Olympische Spiele durch die Doping-Neigung der Athleten und ihres Umfelds eigentlich sind – zumindest partiell.

          Die Nachtest-Aktion des IOC ist also einerseits ein Schritt in Richtung Wahrheit. Andererseits ein Schuss ins eigene Knie. Zumal der Umgang des IOC mit dem russischen Staatsdoping auch lebenslange Anhänger des Sports frustriert hat. Längst zeichnet sich ab, dass das IOC mit Hilfe einer Individualisierungsstrategie das Problem zerschießen will. Einzelnen Athleten persönliche Schuld nachzuweisen wird schwierig werden, und das ganze System müsste – zumindest seitens des IOC – nur indirekte Strafen hinnehmen. Der aufmüpfige britische Athletensprecher Adam Pengilly regt sich sogar öffentlich darüber auf. Er findet es „absolut lächerlich“, dass es nur einen Strafenkatalog für dopende Athleten, aber nicht für Organisationen gibt. Klar ist jedenfalls: Der Eindruck, den das IOC im Umgang mit Russland macht, hat enormen Schaden angerichtet und den eigentlich mutigen Nachtests ihre Imagewirkung verdorben.

          Es sind die widersprüchlichen Botschaften, die die Glaubwürdigkeit des IOC erschüttern: Jahrzehntelang hat Olympia sich, trotz der Boykotte 1980 und 1984, von der gnadenlosen Konkurrenz des Kalten Krieges ernährt – und hält sich doch für eine Insel des Friedens. Auch die jüngsten Doping-Skandale werden von den Machtblöcken zur Propaganda genutzt: Amerikanische Funktionäre fordern den Ausschluss der russischen Mannschaft von den Spielen.

          Wahrscheinlich russische Hacker schlagen mit Enthüllungen zurück. Der amerikanische Sport wäscht sich in einer Anhörung des Kongresses – mit Gold-Schwimmer Michael Phelps als angeblichem Kronzeugen – rein. Olympia kann nur noch reagieren, die Öffentlichkeit verfällt in Schwarzweißmalerei, die West-Medien holen immer wieder das Foto von Sotschi 2014 hervor, auf dem Bach mit Putin fröhlich Sekt trinkt.

          Olympia wird gebraucht – wir haben nichts Besseres

          Das war am Vorabend des Überfalls auf die Krim. Dass Bach für dieses Bild mit dem Gastgeber der Spiele kritisiert wurde, akzeptiert er nicht. Die Medien, meint er, richteten sich viel zu sehr nach Symbolen, anstatt auf Fakten und Tatsachen zu bauen. Allerdings gibt es wohl kaum eine andere milliardenschwere Organisation, die so sehr auf Symbolen basiert wie das IOC. Auf in Parabolspiegeln entzündeten Flammen, auf Fahnen und Hymnen, auf Eiden und Formeln. Die Symbolkraft der Mannschaft aus zehn Flüchtlingen zum Beispiel, die an den Spielen in Rio teilnehmen durfte, war überwältigend. „Ein Zeichen der Hoffnung“, sagte Bach. Doch angesichts der Ereignisse verliert eine solch starke Aktion für viele Beobachter ihre Strahlkraft.

          Wann wird Bach sich dazu bekennen, dass Olympia in einer schweren Krise ist? Wann wird er begreifen, dass man sich nicht ungestraft als Wegweiser hinstellen kann, in dessen Richtung nur die anderen gehen sollen? Es wäre wichtig, denn Olympia wird gebraucht. Wir haben nichts Besseres.

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