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Spiele in der Krise : Die Stunde der Wahrheit für Olympia

IOC-Nachtests als Schuss ins eigene Knie

Auch die große Anti-Doping-Show des professionalisierten Leistungssports zieht nicht mehr wie einst. Olympia, das sich in seinem Wertekanon als Schule des Fair Play hinstellt, hat eine jahrzehntelange Tradition im absichtlichen, mit krimineller Energie betriebenen Betrug. Auf diesem Gebiet hat das IOC unter Bach sogar Fortschritte gemacht. Durch die breit angelegten Nachtests der gelagerten Proben von Peking 2008 und London 2012 kamen bisher 101 positive Fälle zutage, 38 Medaillengewinner von Peking und bis dato 19 von London wurden entdeckt. (Die Dunkelziffer dürfte aber schon deshalb groß sein, weil die Labore nur das finden können, wonach sie auch suchen.) Die Erkenntnis daraus: Viele Siegerehrungen von damals waren ein Witz. Viele Ergebnislisten sind Makulatur. Jeder sieht jetzt, welche Farce Olympische Spiele durch die Doping-Neigung der Athleten und ihres Umfelds eigentlich sind – zumindest partiell.

Die Nachtest-Aktion des IOC ist also einerseits ein Schritt in Richtung Wahrheit. Andererseits ein Schuss ins eigene Knie. Zumal der Umgang des IOC mit dem russischen Staatsdoping auch lebenslange Anhänger des Sports frustriert hat. Längst zeichnet sich ab, dass das IOC mit Hilfe einer Individualisierungsstrategie das Problem zerschießen will. Einzelnen Athleten persönliche Schuld nachzuweisen wird schwierig werden, und das ganze System müsste – zumindest seitens des IOC – nur indirekte Strafen hinnehmen. Der aufmüpfige britische Athletensprecher Adam Pengilly regt sich sogar öffentlich darüber auf. Er findet es „absolut lächerlich“, dass es nur einen Strafenkatalog für dopende Athleten, aber nicht für Organisationen gibt. Klar ist jedenfalls: Der Eindruck, den das IOC im Umgang mit Russland macht, hat enormen Schaden angerichtet und den eigentlich mutigen Nachtests ihre Imagewirkung verdorben.

Es sind die widersprüchlichen Botschaften, die die Glaubwürdigkeit des IOC erschüttern: Jahrzehntelang hat Olympia sich, trotz der Boykotte 1980 und 1984, von der gnadenlosen Konkurrenz des Kalten Krieges ernährt – und hält sich doch für eine Insel des Friedens. Auch die jüngsten Doping-Skandale werden von den Machtblöcken zur Propaganda genutzt: Amerikanische Funktionäre fordern den Ausschluss der russischen Mannschaft von den Spielen.

Wahrscheinlich russische Hacker schlagen mit Enthüllungen zurück. Der amerikanische Sport wäscht sich in einer Anhörung des Kongresses – mit Gold-Schwimmer Michael Phelps als angeblichem Kronzeugen – rein. Olympia kann nur noch reagieren, die Öffentlichkeit verfällt in Schwarzweißmalerei, die West-Medien holen immer wieder das Foto von Sotschi 2014 hervor, auf dem Bach mit Putin fröhlich Sekt trinkt.

Olympia wird gebraucht – wir haben nichts Besseres

Das war am Vorabend des Überfalls auf die Krim. Dass Bach für dieses Bild mit dem Gastgeber der Spiele kritisiert wurde, akzeptiert er nicht. Die Medien, meint er, richteten sich viel zu sehr nach Symbolen, anstatt auf Fakten und Tatsachen zu bauen. Allerdings gibt es wohl kaum eine andere milliardenschwere Organisation, die so sehr auf Symbolen basiert wie das IOC. Auf in Parabolspiegeln entzündeten Flammen, auf Fahnen und Hymnen, auf Eiden und Formeln. Die Symbolkraft der Mannschaft aus zehn Flüchtlingen zum Beispiel, die an den Spielen in Rio teilnehmen durfte, war überwältigend. „Ein Zeichen der Hoffnung“, sagte Bach. Doch angesichts der Ereignisse verliert eine solch starke Aktion für viele Beobachter ihre Strahlkraft.

Wann wird Bach sich dazu bekennen, dass Olympia in einer schweren Krise ist? Wann wird er begreifen, dass man sich nicht ungestraft als Wegweiser hinstellen kann, in dessen Richtung nur die anderen gehen sollen? Es wäre wichtig, denn Olympia wird gebraucht. Wir haben nichts Besseres.

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