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Spiele in der Krise : Die Stunde der Wahrheit für Olympia

Zur Schadensbegrenzung wird nun sogar eine Doppelvergabe der Spiele 2024 und 2028 immer wahrscheinlicher. Denn mit einem Scheitern von Paris, das sich zum dritten Mal bewirbt, wäre Europa auf Jahre hinaus verloren für das IOC. Und mit Los Angeles würden wohl auch die Vereinigten Staaten dauerhaft aus dem Bewerberzirkel aussteigen. Das könnte aber fatale Folgen haben: 2020 laufen die Verträge mit sechs amerikanischen Hauptsponsoren aus. Es geht schätzungsweise um insgesamt 600 Millionen Dollar pro Vier-Jahres-Periode.

Gegengift gegen die Gier der Funktionäre?

Die niederschmetterndste Nachricht von allen kam erst vor knapp zwei Wochen. Da wurde bekannt, dass Frank Fredericks, der einst glorreiche Sprinter aus Namibia, in eine anrüchige Finanztransaktion verwickelt ist und unter Verdacht steht, bei der Vergabe der Spiele 2016 an Rio de Janeiro seine Stimme verkauft zu haben. Er ist Gegenstand von Ermittlungen der französischen Staatsanwaltschaft, auch die Ethikkommission des IOC untersucht den Fall. Fredericks ist von seinen wichtigsten IOC-Ämtern zurückgetreten. Die Mitgliedschaft hält er aufrecht.

Egal, wie die Geschichte ausgeht: Mit Fredericks bröckelt eine der Säulen der olympischen Selbsterklärung. Gesunder Geist in gesundem Körper? Spiele der Athleten? Die Sportler als ethisch-moralisches Gegengift gegen die Gier der Funktionäre? Wenn einer wie Fredericks wirklich seine Stimme verkauft haben sollte, wäre das olympischer Hochverrat. Mit vier Silbermedaillen war er ein herausragender Sprinter, als Athlet aus dem kleinen Namibia zwischen all den hochgerüsteten Sportnationen war er besonders beliebt. Als oberster Athletensprecher im IOC verkörperte er zur fraglichen Zeit alles, wofür das IOC stehen will. Als 1999 der Korruptionsskandal um Salt Lake City die Organisation erschütterte, wurde 15 Athletenvertretern Sitz und Stimme im IOC gewährt. Die Sportler gaben dem als partiell käuflich entlarvten Zirkel seine Legitimation zurück.

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Am Fall Fredericks wird besonders klar, was die Sportnation Norwegen zuletzt so aufregte am IOC. Wieso sollten selbstbewusste Delegierte eines Bewerbers vor Funktionären den Bittsteller geben, die sich nach vorne wie eine pädagogisch wertvolle Weltelite gebärden und hinten die Hand für Bestechungsgelder aufhalten? Dass die öffentliche Häme im Fall Fredericks nicht schärfer ausfällt, verdankt er lediglich dem Glanz seiner einstigen Sportlerkarriere.

Der Fall Fredericks ist aber nur der Gipfel eines Scherbenhaufens. Es stimmt ja: Das IOC zahlt einem Olympia-Veranstalter einen Zuschuss von bis zu 1,5 Milliarden Dollar, so dass sich die reinen Spiele überall rechnen – auch in Sotschi 2014 und in Rio 2016 taten sie das. Doch dazu kommen Milliarden für Infrastruktur-Maßnahmen und in den anfälligen Ländern, die nach dem Rückzug der seriösen Industrienationen übrig bleiben, die immensen Korruptionskosten. Dass Rio 2016 alle Verpflichtungen gegenüber dem IOC erfüllen musste, während ganz Brasilien pleiteging, war nichts anderes als die Erfüllung von Verträgen. Aber ein grausames Schauspiel, das zögerliche Bewerber negativ beeinflusst haben dürfte. Und dass die Winterspiele 2014 in Sotschi astronomische 50 Milliarden Dollar kosteten, grub sich ins Gedächtnis der Zweifler.

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