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Olympia 2022 : Selbst die Norweger fremdeln mit den Winterspielen

Mehr Wintersport-Tradition geht kaum: Oslo mit dem Holmenkollen Bild: JDS ARCHITECTS

In Norwegen sträuben sich Volk und Parlament gegen Olympia 2022 in Oslo. Dem IOC könnte nach München, Stockholm und Graubünden der letzte traditionelle Bewerber für die Winterspiele wegbrechen.

          Oslos Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2022 könnte noch kippen. Negative Umfrageergebnisse in der Bevölkerung und eine kritische Haltung des Parlaments, das dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) Finanzgarantien für mögliche Spiele geben müsste, beeinträchtigen die Kampagne. Dazu kommt ein nicht abgestimmter Zeitplan. Schon bei einer Pressekonferenz während der Winterspiele in Sotschi hatte Oslos Bürgermeister Stian Berger Roesland deutlich gemacht, dass das Parlament erst „im Sommer oder Herbst“ über die Frage der Finanzzusagen abstimmen werde. Schon am 14. März aber müssen die Bewerber ihre Unterlagen beim IOC in Lausanne abgeben. Anfang Juni entscheidet die IOC-Exekutive darüber, welche Städte sie als Kandidaten akzeptiert.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Ein auf einer Sondersitzung entstandener Forderungskatalog der beiden Regierungsparteien, der von der Tageszeitung „Aftenposten“ publiziert wurde, macht die skeptische Einstellung deutlich. In einem Brief vom Freitag an das Bewerbungskomitee listeten die Sportsprecher der Konservativen und der Fortschrittspartei, Svein Harberg und Ib Thomsen, die Punkte auf: Unter anderem sollte das IOC die Fünf-Sterne-Hotelzimmer, die Privatchauffeure und die exklusive medizinische 24-Stunden-Betreuung seiner Mitglieder selbst bezahlen. „Man muss diese Leute vom IOC wieder auf den Boden holen“, sagte der Politiker Bard Vegar Solhjell von der Sozialistischen Linken dem Radiosender „NRK1“. „Ich glaube, es wäre gut für sie, wenn sie die U-Bahn nähmen wie jeder andere auch.“

          Um Kosten zu sparen, solle das IOC die Aufnahme zusätzlicher Wettkämpfe limitieren. Außerdem sollten mehr bereits existierende Sportstätten in und um Oslo herum für mögliche Spiele genutzt werden. Eher politisch-rhetorisch dürften zwei andere Punkte gemeint sein. „Die Rechte der Arbeiter, die mit dem Bau der neuen Sportstätten für Oslo 2022 beauftragt werden, müssen garantiert sein“, heißt es in dem Brief in Anspielung an die illegale Ausbeutung von Arbeitern für Sotschi 2014 und für die Fußball-WM 2022 in Qatar. „Oslo muss herausstellen, dass Inklusion, Gleichheit und Anerkennung der Menschenrechte Grundlage dafür sind, wie Olympische Spiele in Norwegen veranstaltet würden.“ Die beiden Parteien fordern, dass „die Athleten während der Spiele zu jeder Zeit im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen“ sollten.

          Das Trauerflor-Verbot schmeckt bitter nach

          Trotz der norwegischen Erfolge in Sotschi (26 Medaillen) ist man in dem traditionellen Wintersportland nicht gut auf Olympia zu sprechen. Die Entscheidung der IOC-Führung, die norwegischen Skilangläuferinnen zu rügen, weil sie aus Solidarität mit einer Mannschaftskameradin Trauerflor am Arm trugen, hat die Öffentlichkeit empört. Schon im Januar, vor der Zuspitzung des russischen Vorgehens in der Ukraine, hatten sich in einer landesweiten Umfrage des Magazins „Minerva“ weniger als die Hälfte der Befragten dafür ausgesprochen, dass die Regierung die Finanzgarantien geben solle. Eine neuere Umfrage der Boulevardzeitung „VG“ ergab ein noch kritischeres Bild. 56 Prozent der Norweger sind demnach gegen die Bewerbungspläne, in Nordnorwegen opponieren danach sogar 77,8 Prozent gegen Oslo 2022.

          Auch die Norweger sind nicht gut auf das IOC zu sprechen

          Mit Oslo würde sich nach Graubünden, München und Stockholm der letzte traditionelle Bewerber für die Winterspiele 2022 verabschieden - und das in einer Phase, in der sich das IOC wohl gerne auf politisch und wirtschaftlich sicheres Terrain zurückziehen würde. Es blieben Almaty (Kasachstan), Peking (China), Krakau (Polen) und Lemberg (Ukraine). „Es liegt in Norwegens Interesse, einen Beitrag zur zukünftigen Organisation des größten Sportereignisses der Welt zu leisten“, heißt es in dem Brief der beiden Sportsprecher. „Es ist entscheidend, dass demokratische Länder, die die Menschenrechte achten, immer noch Olympische und Paralympische Spiele veranstalten wollen.“

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