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Eröffnungsfeier ohne Fans? : Olympia im Nichts

  • -Aktualisiert am

Der Schatten über den Spielen: Die Pandemie prägt Olympia. Bild: EPA

Falls die Athleten in Tokio wirklich nur vor Funktionären, Politikern und Sponsoren ins Stadion einmarschieren müssen, sind die Steril-Spiele perfekt. Fernseh-Olympia. Die innere Leere wird nachwirken.

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          Man stelle sich vor: Bei der Eröffnungsfeier der Spiele der XXXII. Olympiade in Tokio am 23. Juli ist das Herzstück des Programms erreicht, der Einmarsch der Nationen. Die Athleten ziehen fähnchenschwenkend in ihren Team-Uniformen ins Stadion, angeführt von ihren Fahnenträgern, Olympia beginnt. Es ist still, ein bisschen Applaus von ein paar hundert Händen verplätschert im 68.000 Zuschauer fassenden Stadion – oder wird gar von der Musik verschluckt.

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          Ihre Blicke wandern suchend über die Tribünen und bleiben dort hängen, wo sich wenigstens ein bisschen menschliches Leben regt: auf den Ehrenplätzen, wo die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) sitzen, Organisatoren, Politiker, Very Important Persons und Vertreter der Sponsoren. Und plötzlich erkennt der eine oder andere: Nicht wir, die Athleten, sind die Essenz dieser Spiele in Tokio. Die da oben sind es. Viele von ihnen haben dazu beigetragen, die Veranstaltung zu erzwingen, weil Verträge eingehalten werden müssen, weil Geld in die Kassen des IOC und des Weltsports kommen muss, weil sie als Politiker ihr Gesicht nicht verlieren dürfen.

          Aus diesem Albtraum könnte schnell Wirklichkeit werden: Falls die japanischen Offiziellen und die Repräsentanten des IOC und der Paralympics bei ihrem Treffen am Donnerstag die erwarteten Entscheidungen treffen, werden die Steril-Spiele perfekt gemacht: Fernseh-Olympia. Eröffnungsfeier ohne Fans. Angesichts der Infektionszahlen in Tokio wird wohl die zwei Wochen alte Lösung, die Zahl der – ohnehin nur einheimischen – Besucher überall zu halbieren und bei 10.000 zu deckeln, weiter geschrumpft.

          Niemand steht über der Pandemie

          Der Fackellauf bewegt sich derweil auf nicht öffentlichen Straßen voran. Der Plan ist, nach 21 Uhr Zuschauer überall auszusperren. Auch am Rande von Marathon und Gehen in Sapporo sind keine Fans erwünscht. Olympia wird gar nicht in Japan stattfinden, sondern im Nichts. Genauso gut könnte man das neue, von IOC-Präsident Thomas Bach ergänzte Motto auf dem Mond zelebrieren: Schneller, höher, stärker – zusammen.

          Zusammen? Wer schon einmal eine olympische Eröffnungsfeier erlebt hat, weiß, was den Sportlern dieses Mal nun vollends entgehen könnte: der Jubel der Ränge, der Rausch der Begegnungen, das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein, die Selfie-Orgien, das Maskottchenschleudern Richtung Publikum, das Gefeiertwerden schon vor den Wettkämpfen, die noch offen vor ihnen liegen.

          Je näher die Spiele in Tokio rücken, desto deutlicher zeigt sich, was passiert, wenn eine hochfahrende Branche glaubt, sie stünde über der Pandemie. Niemand tut das. Auch die Europäische Fußball-Union nicht, die ein volles Wembley-Stadion ertrotzt hat und die Menschen mit haarsträubenden Tribünen-Bildern zum Gruseln bringt. Das alles wird nachwirken. Sportgroßereignisse sind in der Sinnkrise, eine innere Leere tut sich auf, egal, was ihre Funktionäre für die Zukunft planen.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

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