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Olympische Baustellen : Die Sklaven von Sotschi

Wer packt an? Das Olympische Dorf im Ski-Resort Rosa Khutor, 40 Kilometer östlich von Sotschi, wartet auf Vollendung Bild: REUTERS

Auf den olympischen Baustellen in Südrussland schuften Tausende illegaler Gastarbeiter. Ohne sie würde nichts fertig, also wurden sie bisher geduldet. Nun lässt der Gouverneur von Krasnodar Jagd auf sie machen.

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          Kürzlich hielt Aleksandr Tkatschow eine kleine Rede in Sotschi – er ist der Gouverneur der südrussischen Region Krasnodar, zu der die Stadt der Olympischen Winterspiele gehört. 148 Tage vor deren feierlicher Eröffnung sagte er, durch die vielen Gastarbeiter auf den olympischen Baustellen sei er zu radikalen Maßnahmen gezwungen: „Von heute an gehen 60 mobile Gruppen auf Streifzüge durch Sotschi. Alle illegalen Migranten müssen nach Hause geschickt werden. Und das unverzüglich. In zwei Monaten darf kein Illegaler mehr hier sein.“ Nichts sollte dem Zufall überlassen bleiben, verkündete der Politiker. „Die Brigaden werden auf den Straßen patrouillieren, sie säubern, werden an jede Tür klopfen, in jede öffentliche Einrichtung gehen. Und noch einmal fordere ich: keine Gnade, es darf uns nichts durchgehen.“

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Seither gehen im Büro der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ in Sotschi Anrufe ein, aus denen hervorgeht: Der Anordnung des Gouverneurs wird Folge geleistet. In mindestens zwei Fällen wurden massenhaft Leute festgenommen – einmal waren es etwa 200, das andere Mal etwa 50. Die Menschen wurden von der Straße weg verhaftet, ähnlich wie nach den Pogromen gegen Gastarbeiter in Moskau am vergangenen Montag. Die Ersten, die bei „Memorial“ in Sotschi anriefen, waren freilich keine ausländischen Arbeiter, sondern zwei russische Touristen, die das Pech hatten, morgens um acht an einer Bushaltestelle neben Menschen zu stehen, die so aussahen, als könnten sie aus den Kaukasusrepubliken oder Zentralasien stammen. Für die beiden Russen endete das Abenteuer nach ein paar Stunden im Regen auf dem Hof eines Polizeireviers, sie waren frei. Viele der festgenommenen Gastarbeiter sind wohl abgeschoben worden.

          Erst wird gewalzt, dann platt gemacht: Arbeiter in Sotschi

          Nach Schätzungen von Menschenrechtlern sind auf den olympischen Baustellen in Sotschi etwa 40000 ausländische Arbeiter beschäftigt. Sie stammen vor allem aus Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan, aber auch aus der Ukraine, der Republik Moldau und Serbien. Dazu kommen vermutlich noch einmal einige tausend Arbeiter auf Baustellen, die offiziell nichts mit Olympia zu tun haben. Ohne sie alle würde bis zur Eröffnung der Spiele Anfang Februar nichts fertig. Nur sind viele dieser Arbeiter illegal im Land.

          Viele Objekte sind noch nicht fertig

          „Oft sind es die Arbeitgeber, die die Arbeiter zu illegalen Migranten machen“, sagt Semjon Simonow, der das Büro von „Memorial“ in Sotschi leitet. Er hat oft mitbekommen, dass die Baufirmen die Pässe der Arbeiter einbehalten, aber die zugesagte Arbeitserlaubnis für sie nicht beantragen. Damit sind die Arbeiter ihnen ausgeliefert. Sie können die Baustelle nicht wechseln, sie können sich nirgends beschweren über Arbeitsbedingungen, Unterbringung und Verpflegung, und wenn sie dagegen protestieren, dass sie ihre Löhne nicht oder nur teilweise bekommen, kann die Firma sie leicht loswerden – ein Hinweis an die Migrationsbehörde reicht. In Sotschi heißt es, Einheimische würden auf den Baustellen überhaupt nicht eingestellt. „Unsere Leute würden sich das nicht gefallen lassen, was ich da sehe“, sagt ein russischer Busfahrer, der Arbeiter aus ihren Unterkünften zu Baustellen auf das streng gesicherte Territorium des olympischen Parks bringt.

          Geschnappt und weiterbefördert: Gastarbeiter werden auf Befehl des Gouverneurs in Scharen eingesammelt und ausgewiesen

          Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat im Februar einen Bericht über die Lage der Bauarbeiter auf den olympischen Baustellen veröffentlicht. Darin sind Fälle systematischer Ausbeutung dokumentiert – wie die von Bauarbeitern, die überhaupt keinen Arbeitsvertrag bekommen hatten. So konnten sie nicht beweisen, dass sie überhaupt auf den Baustellen angestellt sind. Bis zum Sommer wurde trotzdem fast keiner abgeschoben. „Die olympischen Baustellen standen praktisch außerhalb aller Gesetze“, sagt Simonow. Wer dort unter welchen Bedingungen schuftete, kümmerte die Behörden nicht. Über Verletzungen der Rechte von Gastarbeitern habe man keine Informationen, war die offizielle Haltung.

          Das hat sich nun geändert. Warum, ist unklar. Daran, dass auf den Baustellen nichts mehr zu tun wäre, kann es jedenfalls nicht liegen. Zu den Objekten, die noch nicht fertig sind, gehört auch das zentrale Objekt des olympischen Parks am Schwarzen Meer, das Stadion „Fisht“, in dem die Feiern zur Eröffnung und zum Abschluss der Spiele stattfinden sollen. Viele Hotels und Unterkünfte für Sicherheitskräfte und freiwillige Helfer sind auch noch nicht fertig, und in der Innenstadt von Sotschi sind in den letzten Wochen viele Straßen aufgerissen worden, weil vor Olympia noch schnell neue Wasserleitungen verlegt werden sollen.

          Verdacht auf rassistische Kontrollen

          Die großen Baufirmen scheinen die neue, harte Linie des Gouverneurs entspannt zu sehen. Dass sie sich beschwert hätten, ist jedenfalls nicht bekannt. „Offenbar hat irgendjemand ein Interesse daran, dass die Arbeiter in einer solchen Notlage sind, während sie fast wie Sklaven ausgenutzt werden“, sagt der Menschenrechtler Simonow. Die Unternehmen müssen wohl auch keine Strafe befürchten. Simonow sagt, er habe den Eindruck, dass Gastarbeiter mit Arbeitsvertrag oft bei Briefkastenfirmen angestellt seien. Dann sei es sogar für die Staatsanwaltschaft fast unmöglich, eine Verbindung zu den eigentlichen Auftragnehmern herzustellen.

          Präsident Wladimir Putin preist beim olympischen Fackellauf in Moskau seine prestigeträchtigen Spiele

          Viele kleinere Firmen in Sotschi befürchten allerdings, dass sie bald ohne Arbeiter dastehen könnten. Vertreter der Gebietsverwaltung haben sogar schon öffentlich darüber nachgedacht, ob außer illegal eingereisten Ausländern auch Russen, die nicht in Sotschi registriert sind, vor Olympia die Stadt verlassen sollten. Dabei sind nach Informationen der Boulevardzeitung „Moskowskij Komsomolez“ etwa die Hälfte aller Beschäftigten der Unternehmen in Sotschi Zugereiste. Es gab schon Fälle, in denen die „mobilen Gruppen“ des Gouverneurs bei Kontrollen in Wohnhäusern die Registrierungen russischer Staatsbürger sehen wollten. Simonow meint, dass das Vorgehen der Kontrolleure, zu denen immer auch Freiwillige aus nationalistischen Kosakenorganisationen gehören, meist rassistischen Charakter habe. „Ein Polizist hat mir ganz offen gesagt, er habe Befehl, Kaukasier und Zentralasiaten festzunehmen.“

          Gouverneur Tkatschow begründet sein hartes Durchgreifen damit, dass die illegalen Arbeiter aus den armen zentralasiatischen Staaten kriminell werden könnten. Sei die Arbeit auf den Baustellen erst einmal getan, könnten sie sich entschließen, ihren Lebensunterhalt anders zu verdienen. „Sie haben angefangen, mit uns Verstecken zu spielen: Sie verbergen sich auf Baustellen, in abgelegenen Siedlungen, wohnen mit 50 Personen in einer Wohnung, schließen fiktive Ehen. Sie tun alles Mögliche, um jeden Preis hier zu bleiben. Aber wir lassen das nicht zu!“

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