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„Olympic Channel“ : Olympia – immer und überall

  • -Aktualisiert am

Mit Vollgas in die nächste Epoche: Olympia soll bald durchgängig präsent sein Bild: AFP

Das IOC will seine Inhalte in Zukunft mit dem „Olympic Channel“ über alle erreichbaren Kanäle verbreiten. Das Projekt kostet fast 500 Millionen Euro – und soll Olympia vor der Irrelevanz bewahren.

          Sportler sind schnell – die mediale Entwicklung ist schneller. Am dritten Tag seiner 128. Vollversammlung in Kuala Lumpur wagte das Internationale Olympische Komitee (IOC) deshalb einen Gedankensprung, der eines Bob Beamons würdig gewesen wäre. Staunend hörten die Mitglieder, zum Teil selbst schon 60 oder gar 70 Jahre alt, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden von WPP, des weltgrößten Unternehmens für Werbung und Marketing, zu, der sie aufforderte, „tapfer, entschlossen und stolz“ in die Zukunft zu schreiten. Andernfalls, erklärte der Brite Sir Martin Sorrell, würde Olympia irrelevant für die jüngere Generation werden.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          „Alte Leute wehren sich gegen Veränderung“, mahnte der Unternehmer, der die Versammlung in einer 90 Minuten langen Rede mit umfangreichen Statistiken und Prognosen bombardierte. Und erklärte dann, dass die Präsentation Olympias den Gewohnheiten der nach 1998 geborenen Menschen entgegenkommen müsse - der Generation, der ein Leben ohne Internet vollkommen unbekannt ist. „Sie müssen“, riet er den Mitgliedern, „überall dort sein, wo die Konsumenten sind. Und das bedeutet online, zugänglich über die Geräte, die sie benutzen, in den Formaten, die sie wollen, und an den Orten, wo sie ihre Zeit verbringen.“

          Zeitalter der PCs übersprungen

          Wo also? Auf Smartphones und Tablet-Computern, die ihren Siegeszug um die Welt längst hinter sich haben. Besonders in den sich schnell entwickelnden Nationen Asiens und Afrikas hätten diese Geräte dazu geführt, dass das Zeitalter der Personalcomputer einfach übersprungen worden sei. Und wann? Immer. „Die Seltenheit Olympischer Spiele sind ihre Stärke und Schwäche“, sagte Sorrell. Wer mit den sozialen Medien aufgewachsen sei, vergesse schnell. Er wolle nicht nur alle zwei Jahre für 16 Tage Olympia sehen. „Es ist überlebenswichtig für das IOC, eine Stimme zu finden auch zwischen den Spielen.“

          Schon von April 2016 an, und natürlich noch mehr im Rahmen der Olympischen Spiele von Rio de Janeiro im nächsten Jahr, will das IOC die olympischen Inhalte deshalb über alle erreichbaren Kanäle verbreiten. Die Beschwerde der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Deutschland, sie seien beim Verkauf der europäischen TV-Rechte an Olympia übergangen worden, wirkt vor diesem Hintergrund reichlich naiv. Jeder neue Fernsehvertrag, den das IOC zuletzt abgeschlossen hat, umfasst auch Möglichkeiten für die neue, umfassende Medien-Plattform namens „Olympic Channel“.

          Für die Zukunft gerüstet? Thomas Bach spricht bei der IOC-Versammlung in Kuala Lumpur

          Ein solches Angebot gab auch den Ausschlag dafür, dass der amerikanische Konzern Discovery im Juni die europäischen Olympia-Rechte von 2018 bis 2024 für seinen Sender Eurosport für 1,3 Milliarden Euro erwerben konnte. Wie schmerzhaft der Verlust der Olympia-Übertragungsrechte für ARD und ZDF sein wird, ist noch gar nicht zu ermessen. Nach Ansicht Sorrells wird die Bedeutung von Sport-Direktübertragungen für lineare Fernsehsender mit dem Nachrücken der jüngeren Generationen immer weiter zunehmen, weil sie nahezu die einzigen Programme sind, die, zeitversetzt genossen, enorm an Wirkung verlieren.

          Erst zum zweiten Mal erlaubte das IOC einem Nichtmitglied, vor einer Session zu sprechen. Erstmals hatte dies im vergangenen Jahr vor den Winterspielen in Sotschi Ban Ki-Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, getan. Schon daran kann man sehen, welche Wichtigkeit Thomas Bach dem Thema zumisst. Die Gründung des „Olympic Channel“ hat er zu einem der zentralen Ziele seiner IOC-Präsidentschaft erklärt, und nun, fast zwei Jahre nach seiner Wahl, nimmt das Projekt schon sehr konkrete Formen an. 490 Millionen Euro gibt dafür die olympische Familie in sieben Jahren aus, danach soll es sich selbst finanzieren. 120 Leute sollen dafür eingestellt werden, Hauptsitz des Senders ist Madrid.

          Channel-Chef Yiannis Exarchos stellte den Mitgliedern ein Projekt vor, das sich vom klassischen Fernsehen vollkommen emanzipiert hat. Über eine App werden die Olympia-Konsumenten Hintergrundinformationen erfahren, Sportereignisse live verfolgen und Nachrichten abrufen können, die von den klassischen Agenturen gespeist werden. Sie können sich aber auch selbst in den Mittelpunkt des Geschehens stellen. Zum Beispiel wird es eine Möglichkeit geben, sich mit ein paar Klicks als freiwilliger Helfer bei Olympia zu bewerben. Will er nicht nur am Smartphone kleben, sondern selbst Sport treiben, kann der junge Kunde sich über die Angebote in seiner Region informieren lassen. Und es ist daran gedacht, das Angebot mit einer Fitness-App zu verbinden. Neben der App will der Channel Sendeblöcke im Programm der TV-Partner des IOC produzieren oder auch auf nationaler Ebene eigene lineare Fernsehkanäle betreiben. Auch Videospiele sollen zum Angebot gehören.

          Exarchos hält es für möglich, dass Kunden des „Olympic Channel“ sich schon während der Spiele in Rio 2016 wie physisch präsente Zuschauer im 360-Grad-Erlebnismodus fühlen können. Die Technik der „Virtual Reality“ hält er für machbar. „Wir sind noch in der Experimentierphase“, sagte er am Sonntag. „Aber ich glaube fest daran.“ Erst an diesem Punkt räusperte sich der für seine unermüdliche Reisetätigkeit bekannte Bach und erklärte, dass er selbst immer noch ein Freund des direkten Live-Sporterlebnisses sei. Aber klar. Er ist ja auch schon 61.

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