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Folgen der Olympiaverschiebung : Opfer und Kompromisse

  • -Aktualisiert am

Alles ist in Arbeit: Dem olympischen Rückbau muss ein Neubau folgen, Details noch unbekannt. Bild: AP

Die Spiele sind verschoben – alles andere ist unklar. Tokio und das IOC stehen vor einer Mammutaufgabe. Thomas Bach ist die Anstrengung anzumerken.

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          Wenigstens eine Kleinigkeit gibt es, ein vergleichsweise winziges Detail, das Thomas Bach zurzeit Freude bereitet. Es ist der Name der neuen Task Force, die sich nach der Verschiebung der Sommerspiele von Tokio um maximal ein Jahr an die Arbeit machen muss, um all die seit sieben Jahren geplanten Komponenten, die den Riesenkomplex Sommerspiele ausmachen, umzuwerfen und neu zu ordnen. Diese Arbeitsgruppe, die sich aus Mitgliedern der Koordinierungskommission und des Organisationskomitees zusammensetzt, heißt „Here we go“. Also in etwa: „Auf geht’s“.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Das klingt nach Ärmel hochkrempeln, in die Hände spucken und einen Achttausender hinaufklettern. Die Aufgabe ist vielleicht noch größer als das. Unvorstellbar, wie man einen Apparat wie Olympische Spiele am selben Ort von einem Jahr ins nächste versetzen soll. Eigentlich nicht zu schaffen. Aber eine andere Möglichkeit gab es nun nicht mehr, soll das Internationale Olympische Komitee (IOC) trotz der Pandemie seiner Aufgabe nachkommen, den Athleten ihre Spiele der XXXII. Olympiade zu sichern. „Ich beneide sie um ihre Aufgabe nicht“, sagte der IOC-Präsident mit Blick auf diese Task Force. Das tut wohl kaum jemand.

          Terminsuche mit 33 Fachverbänden

          Schon an diesem Donnerstag wird die Arbeitsgruppe konferieren und sich mit den 33 Weltverbänden ins Benehmen setzen, die trotz aller Egoismen und des Konkurrenzkampfs kooperieren werden. Denn das IOC ist ihre Bank, gewissermaßen die Weltbank des olympischen Sports, die mit ihren Zahlungen den Unterhalt des kompletten Gebildes sichert. Ihnen fehlen aufgrund der monatelangen Absagen zusätzlich zu den Olympia-Einnahmen aus einem Jahr auch die Gewinne aus ihren eigenen Veranstaltungen.

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          Im Wissen, dass die Zeiten hart geworden sind, werden sie nun den Sportkalender von ihren eigenen Highlights frei räumen müssen, je nachdem, zu welchem Ergebnis die gemeinsame Terminsuche führt. Der Internationale Schwimmverband und der Internationale Leichtathletik-Verband, dessen Präsident Sebastian Coe schon früher vehement eine Verlegung der Olympischen Spiele gefordert hatte, signalisierten bereits ihre Flexibilität. Die Schwimm-Weltmeisterschaften sind bisher noch vom 16. Juli bis zum 1. August in Fukuoka (Japan) geplant, die Leichtathletik-WM vom 6. bis zum 15. August in Eugene, Oregon.

          „Alle Optionen sind auf dem Tisch“

          Die Terminsuche ist die vordringliche Aufgabe von „Auf geht’s“. Noch ist völlig unklar, ob die Spiele, die immer noch Tokio 2020 heißen werden, obwohl sie im Jahr 2021 stattfinden sollen, zum identischen Termin, also 24. Juli bis 9. August, abgehalten werden oder zu einem früheren Termin. „Alle Optionen sind auf dem Tisch“, sagte Bach in einer Telefonkonferenz am Mittwochvormittag, an der 400 Journalisten aus aller Herren Ländern teilnahmen.

          Die Vereinbarung mit der japanischen Regierung, die er am Dienstag bei einem Telefongespräch mit dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe traf, sehe lediglich vor, dass man nicht weiter verschiebe als bis zum Sommer 2021. „Das heißt, die Task Force kann das breitere Bild in Betracht ziehen.“ Eine Austragung im Frühling hätte einen ganz besonderen Reiz: Man wäre das Problem der unerträglichen Sommerhitze von Tokio los. Eine Diskussion, die vor dem aktuellen Hintergrund allerdings geradezu romantisch anmutet.

          Vieles ist naturgemäß noch nebulös an diesen Plänen, es gibt keinen Präzedenzfall, weil Olympische Spiele noch nie verschoben wurden. Abgesagt schon, die für 1916, 1940 und 1944 vorgesehenen Austragungen der Spiele in Berlin, Tokio beziehungsweise Helsinki und London konnten wegen der beiden Weltkriege nicht stattfinden. Eines aber zeichnet sich jetzt schon ab. Es wird wohl kein klassisches Olympisches Athletendorf geben. Die dafür vorgesehenen 5000 Wohnungen sollen schon im September von ihren neuen Besitzern bezogen werden. „Im Athletendorf schlägt das Herz der Spiele“, sagte Thomas Bach in der Telekonferenz mit Wehmut. Aber alle Beteiligten müssten Opfer bringen und Kompromisse schließen.

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