https://www.faz.net/-gtl-7t6c0

Olympia-Kommentar : Wowereits Vermächtnis

  • -Aktualisiert am

Der Weg zu Olympischen Spielen in Deutschland ist noch weit Bild: dpa

Bei den geplanten Bürgervoten in Hamburg und Berlin steht das IOC mit seiner Vorstellung von Olympia auf dem Prüfstand. Diese vor kurzem unvorstellbare Dimension von Demokratie ist auch ein Vermächtnis Klaus Wowereits.

          Bevor Klaus Wowereit am Dienstag von sich und seinem Rücktritt sprach, sprach er von der Zukunft seiner Stadt Berlin. Eigentlich sprach er sogar von der Zukunft der Olympischen Spiele. Denn er versprach, die Bürger Berlins nicht nur am Konzept zu beteiligen, sondern ihnen am Ende auch die Entscheidung zu überlassen, ob die Stadt sich bewerben solle oder nicht.

          Und wie er so ist in seinem eisernen Optimismus, versprach der Regierende Bürgermeister noch, dass die Berliner Politik - nach ihm - einen Weg zu verbindlicher Partizipation finden werde; da wird wohl ein Gesetz hermüssen. Er sei jedenfalls positiv eingestellt, sagte er, dass das Bürgervotum in dieser Zukunftsfrage als Chance betrachtet werde. So kann man den persönlichen Abschied mit politischer Weichenstellung verbinden.

          Wowereit hat in seiner Amtszeit mit Freunden die Politik fortgesetzt, mit sportlichen Großereignissen Athleten und Zuschauern Anlass zu geben, Berlin zu besuchen. Das Finale der Champions League 2015 wird im Olympiastadion stattfinden, und nicht wenige Zuschauer werden sich an das WM-Finale im Fußball 2006 und die Leichtathletik-WM von 2009 erinnern lassen.

          So gern Wowereit Sportfeste feiert, so kritisch steht er selbstherrlichen Funktionären und deren maßlosen Forderungen gegenüber. Angeblich hat er die Chancen seiner Stadt gegenüber dem Mitbewerber Hamburg dadurch geschmälert, dass er einer Funktionärsriege mit harscher Kritik und hämischer Nachrede kam. Mag sein, dass sein voraussichtlicher Nachfolger Jan Stöß aussprach, was Wowereit diplomatisch verschleierte: dass nicht Berlin sich beim IOC um Olympia, sondern das IOC sich bei Berlin bewerben müsse.

          Man muss nicht ohne Not Verlierer schaffen

          Ob also der Rücktritt des optimistischen Lästermauls Wowereit Auswirkungen auf die Chancen einer Berliner Olympiabewerbung haben wird, muss sich weisen. Allein die Ankündigung, nach der Abgabe der Antworten Berlins auf die dreizehn Fragen des Deutschen Olympischen Sportbundes zur Olympiabewerbung in Absprache mit Hamburg die Öffentlichkeit über erste Konzepte zu informieren, lässt sich auch als weiterer Pfeil gegen den Sportverband interpretieren.

          Wowereit spricht sich mit dem Konkurrenten ab, statt zuzulassen, dass Funktionäre die beiden Städte in einen Wettlauf schicken. Denn das weiß der Sportfreund und Politiker Wowereit nur zu gut: Man muss nicht ohne Not Verlierer schaffen. Letztlich stellt sich mit einem Olympiakonzept weniger eine Stadt und deren Führung zur Wahl. Vor allem steht bei den geplanten Bürgervoten in Hamburg und Berlin - mehr noch als bei den gescheiterten Abstimmungen über Winterspiele in München - das Internationale Olympische Komitee mit seiner Vorstellung von Spielen der Jugend der Welt auf dem Prüfstand. Vielleicht ist diese vor Jahren hier und in Olympiastädten wie Peking und Sotschi noch unvorstellbare Dimension von Demokratie auch ein Vermächtnis Wowereits.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Interims-Führung: Manuela Schwesig, Thorsten Schäfer-Gümbel und Malu Dreyer (v.l.) am Montag im Willy-Brandt-Haus in Berlin

          Mitgliederentscheid : Das gefährliche Spiel der SPD

          Mit einem „Fest der innerparteilichen Demokratie“ will die SPD ihre neue Parteiführung bestimmen. Doch das birgt diverse Risiken – und könnte die neue Spitze schnell wieder in die Bredouille bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.