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Olympia 1968 : Ein Held der Kopfarbeit

„Wo der hinschlug, war ich schon lange nicht mehr“: Manfred Wolke lässt Joseph Bessala aus Kamerun ins Leere laufen. Bild: Imago

Manfred Wolkes Sieg beim olympischen Boxturnier in Mexiko war in mehrfacher Hinsicht ein Prestigeerfolg. Auch weil er eine ganz besondere Kunst zelebrierte wie kein Zweiter.

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Zum guten Schluss ist es so deutlich, wie Manfred Wolke sich seine Duelle stets gewünscht hat, schon als Aktiver und erst recht danach, als Trainer: Ein Triumph des Konzeptkämpfers über den Mann mit den wuchtigeren Schlägen, des Methodikers über den Impulstäter. Denn der Boxer aus Kamerun, der ihn in diesem Ring zerstören will, kann ihn nur zu Anfang ein paar Mal empfindlich treffen. Mit zunehmender Dauer aber schlägt er immer häufiger ins Leere – und muss im nächsten Augenblick selbst Treffer einstecken. Weil sein vergleichsweise schmächtig wirkender Gegner ihn immer besser, also bereits im Ansatz zu lesen versteht. Wie einer, der vorab weiß, was der andere im Zwiegespräch als Nächstes sagen wird.

          Niemand hat je behauptet, dass das Finale im Weltergewicht zu den spektakulärsten Momenten des olympischen Boxturniers in Mexico City gehört hat. Dafür fehlen ihm jene dramatische Wechsel und explosive Aktionen, die den gewöhnlichen Zuschauer faszinieren. Für den Gewinner wie den Verband, der ihn damals selektierte, bedeutet der unstrittige Punktsieg über Joseph Bessala jedoch einen Meilenstein. Endlich hat der 25 Jahre alte DDR-Meister in der Klasse bis 67 Kilo nachgewiesen, dass er auch ein großes, internationales Turnier gewinnen kann – nachdem er ein Jahr zuvor im EM-Finale in Rom noch verloren hatte. Und endlich hat der in Ost-Berlin gegründete deutsche Boxverband (DBV) eine olympische Goldmedaille gewonnen, die nicht in eine gesamtdeutsche Bilanz einfließt. Sie gehört ihm ganz allein, weil erstmals zwei deutsche Nationalstaffeln auf eigene Rechnung am Start sind. Mit zwei verschiedenen Trikots, zwei Hymnen und zwei Cheftrainern, die sich gegenseitig übertreffen wollen.

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