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„Sportwunder DDR“ : Mit „Hass gegen die Volksfeinde“

  • -Aktualisiert am

Hauptsache, überlegen: DDR-Sportchef Ewald (rechts vorne) führt das eigenständige Team „Ost-Deutschland“ in Mexiko an Bild: Imago

Olympia 1968: Die DDR bereitete auf politischer Ebene den Aufstieg zur Sportgröße vor. Und die Mannschaft setzte den „Erziehungsauftrag“ bei den Spielen in Mexiko um.

          Eigentlich wollte Willy Brandt als Regierender Bürgermeister von Berlin gemeinsam mit Willi Daume, dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland, die Olympischen Spiele 1968 nach Berlin holen. Daume unterbreitete diesen Vorschlag im April 1963 zunächst dem Präsidenten des NOK der DDR Heinz Schöbel, der sich umgehend an die politische Führung im SED-Zentralkomitee wandte. Am 14. Mai 1963 reagierte das SED-Politbüro zunächst abwartend auf den „Vorschlag des NOK-Präsidenten Westdeutschlands, Daume, die Olympischen Spiele 1968 in der Hauptstadt der DDR und in Westberlin durchzuführen“. Sofern eine „gemeinsame Bitte des NOK der DDR und der Bundesrepublik Deutschland an den Oberbürgermeister der Hauptstadt der DDR und den Regierenden Bürgermeister in Westberlin“ gerichtet würde, „die Olympischen Spiele 1968 in der Hauptstadt der DDR und in Westberlin durchzuführen“, werde die Parteiführung zu der dadurch entstandenen Lage erneut Stellung nehmen.

          Eine Woche später bezeichnete die „Außenpolitische Kommission“ beim SED-Politbüro den Vorschlag als Provokation und stufte ihn als Versuch der Bundesregierung ein, „auf sportlichem und kulturellem Gebiet mit neuen taktischen Methoden zu operieren“. Kommissionschef Hermann Axen „verwies in diesem Zusammenhang auf Erklärungen Daumes, die bisherige starre Haltung gegenüber Sportlern aus der DDR aufzugeben. Der provokatorische Vorschlag, die Sommerspiele 1968 in Berlin durchzuführen, wie er seit einigen Tagen in der westlichen Presse hochgespielt wird, liegt offensichtlich auf der gleichen Linie. Wobei hier noch versucht wird, mit Hilfe der olympischen Idee, der DDR Sportfeindlichkeit zu unterstellen.“

          Doch auch der Bundesregierung unter Kanzler Konrad Adenauer behagte die Initiative Brandts und Daumes ganz und gar nicht. Sie sah darin einen Versuch, die „Ostzone“ aufzuwerten und ihr internationales Renommee zu verschaffen. Die von Seiten der SED-Führung formulierten Bedingungen für eine Annahme des Vorschlags wären tatsächlich auf eine staatliche Anerkennung der DDR durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) hinausgelaufen. Das aber war zwei Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer undenkbar. Die schöne Idee scheiterte so am Unwillen der Regierenden auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. In der DDR liefen zu dieser Zeit bereits die sportpolitischen und leistungssportlichen Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele von 1964 und 1968 auf vollen Touren. So hatte die Führungsspitze der Freien Deutschen Jugend (FDJ) im Mai 1962 einen „Beschluß über die Tätigkeit der Grundorganisationen der Freien Deutschen Jugend in den Sportclubs der Deutschen Demokratischen Republik“ gefasst, in dem es hieß: „Der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) stellt sich das Ziel, zu den Olympischen Spielen 1964 die leistungsmäßige Überlegenheit gegenüber Westdeutschland zu erringen.“

          Den FDJ-Grundeinheiten in den Sportklubs gehörten alle Sportlerinnen und Sportler an, die sich in der Vorbereitung auf Europa- und Weltmeisterschaften sowie Olympische Spiele befanden. Die politischen Funktionäre der FDJ sollten in den Klubs im „Zusammenwirken mit Partei-, Club- und Sektionsleitungen, Trainern und Übungsleitern Einfluß auf die politisch-ideologische Entwicklung, besonders auf die klassenmäßige Erziehung aller Sportler“ nehmen. Die dabei in den Mittelpunkt zu stellende Aufgabe sei die „Erziehung aller Sportler zur bedingungslosen Treue und Ergebenheit gegenüber unserer Arbeiter-und-Bauern-Macht und zum Haß gegen die Volksfeinde, die Militaristen und Imperialisten in Westdeutschland. Das sozialistische Bewußtsein und patriotische Gefühl muß zur Haupttriebkraft für die Steigerung der sportlichen Leistungen werden.“

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          Die FDJ-Funktionäre in den Trainingszentren sollten persönlich die Erfüllung der Trainingspläne kontrollieren, den erreichten Leistungsstand auswerten und Vorschläge zur Verbesserung wissenschaftlicher Trainingsmethoden unterbreiten. Gegen ein Nachlassen der Trainingsintensität und Disziplinlosigkeit sei mit der Kraft des ganzen Kollektivs vorzugehen. Als Gegenleistung versprach die FDJ-Führung, sie werde sich dafür einsetzen, „daß alle Sportler berufliche Perspektive erhalten und ihre Qualifizierung durch langfristige Verträge gesichert wird“.

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