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Olympia 1968 : Afrikaner laufen den Kolonialmächten davon

Als die weißen Läufer das Verlieren lernten: Kip Keino rennt im 1500-Meter-Finale von Mexiko unter anderem den beiden deutschen Läufern Bodo Tümmler und Harald Norpoth davon. Bild: Picture-Alliance

Die Olympischen Spiele von Mexiko brachten auch die Entdeckung der afrikanischen Laufwunder. Kip Keino und Co. schüttelten die Unterdrücker ab.

          Die afrikanische Leichtathletik ist jünger als die der Alten Welt. Gewiss, gelaufen und gesprungen ist Homo sapiens vermutlich auf diesem Kontinent zuallererst. Doch noch im zwanzigsten Jahrhundert, als die von Coubertin neu erfundenen Olympischen Spiele schon Jahrzehnte alt waren, florierten in Europa und in Deutschland Völkerschauen und Kolonialausstellungen, auf denen Menschen aus Afrika vorgeführt wurden, nicht selten im Zoo. Als Boughera El Ouafi und Alain Mimoun Olympiasieger im Marathon wurden, der eine in Amsterdam 1928, der andere in Melbourne 1956, vertraten sie nicht ihr Heimatland Algerien, sondern die Kolonialmacht Frankreich.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Kipchoge „Kip“ Keino, Olympiasieger über 1500 Meter von Mexiko 1968 und über 3000 Meter Hindernis von München 1972, stand immer für sein unabhängiges Heimatland Kenia – und für sich. Denn so wie er sich, Halbwaise aus der Provinz, einen Posten bei der Polizei erkämpfte und sich als einer der stärksten und bekanntesten Läufer der Welt etablierte, gelang ihm auch der gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufstieg. Drei Farmen bewirtschaftete er gleichzeitig, betrieb ein Sportgeschäft und reiste für das Internationale Olympische Komitee (IOC) und den Weltverband der Leichtathleten (IAAF) um die Welt.

          Er war Mitglied des IOC und Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Kenia. Auf dem weitläufigen Areal seiner Farm Kazi Mingi bei Eldoret betreibt er bis heute ein internationales Leistungszentrum für Läufer und eine Schule mit Internat. Sein Engagement für Waisen und Flüchtlinge, für Arme und Benachteiligte ist beeindruckend, seine phänomenale Härte im Training und im Rennen wie seine Freundlichkeit und Bescheidenheit im Gespräch haben Abertausende über die Grenzen Kenias hinaus inspiriert.

          Von Räubern eskortiert

          Kipchoge Keino lief an der Spitze einer Bewegung, die eine Branche, fast eine Industrie geworden ist. Eine umgekehrte Kolonialisierung nannte der britische Journalist Pat Butcher die daraus erwachsene Dominanz Ostafrikas. Tausende Läuferinnen und Läufer aus Kenia leben vom Laufen, noch mehr hoffen auf die Chance, im Ausland starten zu dürfen – als Ikonen an der Spitze einer unermüdlichen Laufbewegung, als Sieger und Tempomacher bei Volksläufen auf der ganzen Welt, als Sportstipendiaten in den Vereinigten Staaten, als Neubürger im Nationaltrikot von Bahrein, Kuweit und der Türkei.

          Den Ruhm Keinos illustriert die Episode von einem Raubüberfall, die er seinem Freund, dem deutschen Journalisten Robert Harmann erzählte. Da bedrohte ihn, in einer dunklen Ecke Nairobis, ein Mann mit dem Revolver, bis dessen Komplize herbeisprang, den Räuber ohrfeigte und schimpfte: Weißt du nicht, wen du vor dir hast? Dies ist Keino, der armen Leuten wie uns hilft.

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