https://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/olympia-in-deutschland-scharfe-debatte-im-sportausschuss-18344410.html

Scharfe Debatte um Bewerbung : „Deutschland ist noch lange nicht olympiareif“

Fordert eine Sport-Außenpolitik: Funktionärin Sylvia Schenk Bild: Sven Simon

Im Sportausschuss des Deutschen Bundestages herrscht große Einigkeit zur nächsten deutschen Bewerbung um die Olympischen Spiele. Doch es gibt eine starke Kritikerin.

          2 Min.

          „Wenn Deutschland und der deutsche Sport sich international nicht völlig anders aufstellen, haben wir mit einer Olympiabewerbung keine Chance“, schimpfte Sylvia Schenk. Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) und Fachverbände hätten Jahre versäumt. Es brauche eine Sport-Außenpolitik, die deutlich mache, was der deutsche Sport bewegen wolle. „Daraus kann eine Olympiabewerbung resultieren“, mahnte die einstige Athletin, Politikerin und Sportfunktionärin, andersherum gehe es nicht: „Mit der egoistischen Frage, was nützt Olympia uns, gewinnen wir keinen Blumentopf.“

          Winterspiele 2032 oder Sommerspiele 2036

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          So verschämt der Sportausschuss des Deutschen Bundestages seine öffentliche Anhörung an diesem Montag als Frage nach der „Zukunft nationaler und internationaler Sportgroßveranstaltungen“ ausgab, so deutlich wurde Sylvia Schenk, die sich als Vertreterin von Transparency International als einzige Repräsentantin der Zivilgesellschaft unter den Sachverständigen verstand. Als DOSB-Präsident Thomas Weikert einmal von „dieser Menschenrechtssache“ sprach, passte das zu ihrem Urteil: „Deutschland ist noch lange nicht olympiareif.“ Vertretern des Sports warf sie pauschal und im Einzelnen Ahnungslosigkeit und Fehler vor – etwa dem DOSB, beim Verweis auf die Olympischen Spiele 1972 Nachhaltigkeit und Erbe zu verwechseln. „Spiele mit elf ermordeten Sportlern sind nicht nachhaltig“, rief sie Weikert zu.

          Weikert machte bekannt, dass sein Verband im Oktober ein Leadership-Ausbildungsprogramm mit dem Akronym LEAP (englisch für Sprung) beginnen werde, in dem insbesondere ehemalige Spitzensportlerinnen und -sportler auf Positionen in internationalen Spitzenverbänden vorbereitet werden sollen. Dazu würden ihnen in Frankfurt, Lausanne, Brüssel und Berlin relevante Fähigkeiten und sportpolitisches Hintergrundwissen vermittelt.

          Auch Weikert hielt sich nicht lange mit beliebigen Sportgroßveranstaltungen auf, sondern kam nach Hinweis auf die großartigen European Championships von München und die Spiele der Basketball-Europameisterschaft in Köln und Berlin zur Sache. Es wäre ein Leichtes gewesen, die bei diesen Veranstaltungen erzeugte Welle der Begeisterung zu reiten und in den Kanon derer einzustimmen, die eine Olympiabewerbung forderten, behauptete er: „Wir haben das nicht getan.“ Nicht, weil er und sein Präsidium Olympia nicht wollten, sondern weil sie andere Wege gingen.

          Praktisch seit seiner Wahl im Dezember sei sich das Präsidium einig, dass es Olympische Spiele nach Deutschland holen wolle. Motivation und gute Konzepte reichten nicht, wie die in Volksabstimmungen gescheiterten Bewerbungen von München und Hamburg zeigten. Der DOSB arbeite deshalb seit Monaten an einer Strategie, mit der er die Mehrheit der Bevölkerung überzeugen wolle und die zu einer Bewerbung in zwei Jahren führen solle. Dann werde es um die Winterspiele 2032 oder die Sommerspiele 2036 gehen.

          Die Menschen müssten ihre Bedenken und Vorbehalte ausdrücken und ihre Anregungen im Konzept wiederfinden, kündigte Weikert an. Zu tief seien die Spuren, die jahrelange Diskussionen über fehlende Nachhaltigkeit, den scheinbaren Gigantismus, erfolglose Bewerbungen und nur schwer nachvollziehbare Vergaben der Spiele hinterlassen haben. Details versprach Weikert für die Mitgliederversammlung des DOSB im Dezember.

          So sehr sind Sportausschuss, Ministerium und Sportfunktionäre auf die Olympiabewerbung fixiert, dass Andreas Michelmann, der Sprecher der Teamsportarten, nicht wiederholte, was er schriftlich vorausgeschickt hatte: dass Olympische Spiele zwar erstrebenswert seien, der Fokus jedoch auf Welt- und Europameisterschaften liegen sollte, da diese deutlich häufiger in Deutschland stattfinden könnten. André Hahn von der Linken konstatierte, dass es ihm schwerfalle, für Olympia in Deutschland zu werben, solange Schulsport ausfalle und kein Schwimmunterricht stattfinde. In der Sportabteilung des Bundesinnenministeriums sind elf Beschäftigte mit der Umsetzung der Nationalen Strategie für Sportgroßveranstaltungen beschäftigt – einem Papier, das mit großem Aufwand, aber ausdrücklich nicht für eine Olympiabewerbung erstellt wurde.

          Schimmelpfennig muss gehen

          Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) trennt sich von Dirk Schimmelpfennig. Der auslaufende Vertrag des Vorstandes Leistungssport wird nicht über das Jahresende hinaus verlängert. Dies entschied das Präsidium des DOSB einstimmig, wie es am Montag bekannt gab. Der sechzig Jahre alte Schimmelpfennig, ehemaliger  Cheftrainer sowie erfolgreicher Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes, war seit 2015 beim DOSB. Bei den Olympischen Winterspielen von Pyeongchang 2018 und Peking 2022 sowie den Sommerspielen von Tokio 2021 war er Chef de Mission der deutschen Mannschaft.

          Angesichts der zahlreichen Herausforderungen, vor denen der Leistungssport in Deutschland stehe, sei es wichtig gewesen, eine personelle Veränderung in der Führung vorzunehmen, sagte DOSB-Präsident Thomas Weikert. In seiner Zeit als Präsident des Tischtennis-Bundes arbeitete er mit Schimmelpfennig zusammen. Die Nachfolge soll bis zur Mitgliederversammlung im Dezember geregelt sein. (F.A.Z.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Raphael Warnock im November in Atlanta

          US-Senat : Darum ist die Stichwahl in Georgia wichtig

          Können die Demokraten den Senat mit einer Stimme Mehrheit kontrollieren oder müssen sie die Republikaner an der Macht beteiligen? Für die Demokraten geht es an diesem Dienstag um Richter, Abweichler und einen Blick in die Zukunft.
          Als DFB-Direktor mitverantwortlich für die Nationalmannschaft: Oliver Bierhoff

          Nach WM-Debakel in Qatar : DFB und Oliver Bierhoff trennen sich

          Oliver Bierhoff verlässt den Deutschen Fußball-Bund. Der ursprünglich bis in das Jahr 2024 laufende Vertrag mit dem DFB-Direktor wurde vorzeitig aufgelöst. Über die Nachfolge sollen nun die DFB-Gremien beraten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.