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Olympia-Anschlag 1972 : Schweigen zur Schweigeminute

Rückkehr nach München: Eine israelische Delegation kam für ein Filmprojekt ins Olympiastadion Bild: dpa

Gibt es ein offizielles Gedenken an die Opfer des Anschlags von München in London? Außenminister Guido Westerwelle schreibt an das IOC. Im Bundestag indes findet keine Debatte darüber statt.

          Die internationale Debatte um das Gedenken an die Opfer des Terroranschlags von München 1972 ist ausgerechnet an Deutschland bisher weitgehend vorbeigegangen. Erst Außenminister Guido Westerwelle hat sich jüngst von Israel aus vernehmbar eingemischt. Er stimmte in die Forderungen zahlreicher westlicher Politiker ein und empfahl, eine Schweigeminute zur Eröffnung der Olympischen Spiele von London am 27. Juli, um 40 Jahre nach der Geiselnahme bei den Spielen in der bayerischen Hauptstadt der Toten zu gedenken.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Im Bundestag allerdings wurde ein entsprechender Antrag von Bündnis 90/Die Grünen an Punkt 43 der Tagesordnung vom Donnerstag und damit zu nachtschlafender Zeit behandelt - besser: nicht behandelt. Jede Fraktion ließ einen ihrer Hinterbänkler seinen Beitrag schriftlich zu Protokoll geben; eine Debatte fand nicht statt. Bei der Geiselnahme im Athlentendorf und beim Befreiungsversuch auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck starben elf israelische Sportler; ein Polizist und fünf der acht palästinensischen Terroristen kamen ebenfalls ums Leben.

          Westerwelle hat einen Brief an Jacques Rogge geschrieben, den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), in dem es heißt, dass ein Moment des Innehaltens zu einem geeigneten Zeitpunkt eine menschliche Geste und ein würdevolles Zeichen dafür wäre, dass Gewalt und Terror in der olympischen Idee keinen Platz haben. „Dieser tragische Angriff in meinem Land war nicht allein gegen das israelische Team gerichtet“, schreibt Westerwelle. „Er war auch ein Angriff auf die Olympischen Spiele und die olympische Idee, Friede und Freundschaft zwischen den Nationen zu fördern.“

          Mit seiner Forderung geht Westerwelle über den Antrag der Grünen hinaus. Sie verlangen, sich für ein öffentliches Gedenken der Opfer des Anschlags einzusetzen, das über die vorgesehene Veranstaltung in der Londoner Guildhall hinausgeht. Diese traditionelle Veranstaltung wird vom Olympischen Komitee Israels abgehalten. Darüber hinaus fordern sie, auch im Lichte jüngster Veröffentlichungen über die Unterstützung der palästinensischen Terroristen des „Schwarzen September“ durch deutsche Neonazis, einen finanziellen Beitrag des Bundes zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des Terroraktes. Das IOC lehnt eine Schweigeminute bislang ab. Bisher haben das kanadische Abgeordnetenhaus, der Senat der Vereinigten Staaten, das australische Parlament mitsamt Premierministerin und Oppositionsführer sowie das Stadtparlament von London die Organisation dazu aufgerufen.

          „Über das Attentat von 1972 gibt es zahlreiche Publikationen“

          In seiner Ablehnung unterstützen das IOC die Abgeordneten Eberhard Gienger von der CDU und Westerwelles Parteifreund Joachim Günther von der FDP. „Olympia soll ein Ort des Sports bleiben. Deshalb unterstützen wir die Bemühungen des IOC, die Politik, soweit dies möglich ist, von den sportlichen Wettkämpfen fernzuhalten“, schreibt Günther und wendet sich auch gegen zeitgeschichtliche Forschung: „Über das Attentat von 1972 gibt es zahlreiche Publikationen und Dokumentarfilme. Wer auf Seiten der Kollegen der Grünen noch Wissenslücken hat, nehme bitte ein Geschichtsbuch zur Hand.“

          „Wir halten die vom IOC und vom DOSB in der Vergangenheit und für London 2012 vorgesehenen Gedenkveranstaltungen für sehr würdig und sehen die Gefahr, dass diese durch die Forderung nach einer Gedenkminute während der Eröffnungsfeier ins Hintertreffen geraten könnten“, schreibt der ehemalige Turnweltmeister Gienger. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wird am Jahrestag, dem 5. September, in Fürstenfeldbruck eine Gedenkveranstaltung abhalten.

          „„Für uns ist besonders wichtig, dass sie aus Deutschland kommen“

          Es sei nicht an der Politik, den unabhängigen Organisationen des Sports Ratschläge zu erteilen, erklärte Gienger. Er sehe die Autonomie des Sports in Gefahr. Die SPD-Abgeordnete Gabriele Fograscher dagegen versteht den Antrag als Forderung nach einer Schweigeminute und unterstützt diese. Da es für eine Behandlung in den Ausschüssen zu spät sei, schreibt sie, hätte über den Antrag sofort abgestimmt werden sollen. Für die Linke stimmte die Abgeordnete Katrin Kunert zu.

          In Israel wurden die jüngsten deutschen Initiativen positiv registriert. „Für uns ist besonders wichtig, dass sie aus Deutschland kommen, wo das Attentat verübt wurde“, sagte der Sprecher des Außenministeriums in Jerusalem der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der israelischen Regierung geht es nicht darum, dass der Opfer während der offiziellen Eröffnungsveranstaltung gedacht wird. Man wünscht sich jedoch eine offizielle Veranstaltung des Internationalen Olympischen Komitees.

          „Die Schweigeminute soll keinen politischen Zweck haben“

          “Es war ein Angriff auf die olympische Idee. Die Schweigeminute soll keinen politischen Zweck haben oder einen Staat unterstützen, sondern nur der Sportler gedenken“, sagte der Ministeriumssprecher. Aus Israel hatten sich zunächst Angehörige der getöteten Sportler an das IOC gewandt. Als sie kein Gehör fanden, baten sie den stellvertretenden Außenminister Danny Ayalon um Unterstützung.

          Der Minister schrieb im Namen der beiden Witwen Ankie Spitzer und Ilana Romano an Jacques Rogge, der sich jedoch nur bereit erklärte, an der Gedenkfeier des israelischen Olympischen Komitees in der Londoner Guildhall teilzunehmen. Ayalon gab sich jedoch mit der Antwort nicht zufrieden. Im Internetportal Youtube wirbt er mit einem Video für die Schweigeminute. Auch der Film ist genau eine Minute lang.

          Athleten fordern Gedenken

          Die Debatte um eine Schweigeminute zur Eröffnung der Olympischen Spiele in London am 27. Juli geht weiter. 35 Leichtathleten der deutschen Mannschaft von 1972 haben Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und Vizepräsident des Internationalen Olympischen Kommitees, aufgefordert, 40 Jahre nach dem Attentat in München der Opfer zu gedenken. Zu den Unterzeichnern der Email zählen Weitspringer Hans Baumgartner, Diskuswerferin Liesel Westermann-Krieg und 800-Meter-Läuferin Sylvia Schenk. Bei der Geiselnahme im Athletendorf und dem Befreiungsversuch auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck kamen elf israelische Olympiateilnehmer und ein deutscher Polizist, sowie acht der palästinensischen Terroristen ums Leben. Das IOC lehnt eine Schweigeminute bislang ab. (bee.)

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